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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

Tsss!... 
Von Anton Tschechow. 
Aus dem Russischen von Stefania Gold.enring. 
S iwan Jegorowitsch Krasnuchin, ein Journalist 
J mittelmässigen Ranges, kehrt spät nachts sehr 
verstimmt, ernst und ganz besonders nachdenklich 
nach Hause. Er sieht gerade so aus, als erwarte 
er eine Hausrevision oder als überlege er einen 
Selbstmordversuch. Er geht im Zimmer auf und 
ab, bleibt stehen, fährt sich mit der Hand durch 
das Haar und spricht mit dem Tone eines Laertes, 
der seine Schwester rächen will: 
„Man ist ganz zerschlagen, hat Seelenleid, im 
Herzen nagenden Kummer, und da setze man sich 
gefälligst hin und schreibe! Und das nennt sich 
Leben?! Weshalb hat noch niemand den entsetz 
lichen Konflikt beschrieben, den ein Schriftsteller 
zu bekämpfen hat, wenn er traurig ist, und die 
Menge belustigen oder wenn er heiter ist und auf 
Befehl Thränen vergiessen muss? Ich soll ausge 
lassen, gleichgültig, kühl, geistreich sein, aber stellen 
Sie sich vor, dass mich Sorgen drücken, dass ich 
krank bin, dass mir ein Kind stirbt oder dass eins 
geboren wird!“ 
Während er so spricht, ballt er die Faust und 
rollt die Augen. Dann geht er ins Schlafzimmer 
und weckt seine Frau. 
„Nadja“, sagt er — „ich will jetzt schreiben. 
Es soll mich niemand stören. Man kann nicht 
arbeiten, wenn die Kinder weinen und die Dienst 
boten schnarchen. Sorge dafür, dass ich Thee be 
komme und . . . ein Beefsteak ... Du weisst, ich 
kann ohne Thee nicht schreiben . . . Thee — ist 
das einzige, was mich während der Arbeit stärkt.“ 
Als er in sein Zimmer zurückkehrt, zieht er 
den Rock, die Weste und die Stiefel aus. Er ent 
kleidet sich langsam, verleiht seinem Gesicht den 
Ausdruck verletzter Unschuld und setzt sich an den 
Schreibtisch. 
Auf dem Tisch steht nichts Unnötiges oder 
Alltägliches, aber jedes Ding ist bedacht und ent 
spricht einem strengen Programm. Büsten und 
Photographien von Schriftstellern, ein Haufen ent 
worfener Manuskripte, ein Band von Bielinski mit 
eingebogener Seite, ein Schädelknochen als Asch 
becher, eine Zeitungsnummer, die nachlässig zu 
sammengelegt ist, jedoch so, dass man die blau an 
gestrichene Stelle mit der Bemerkung: „gemein!“ 
deutlich sieht. Hier auch waren etwa zehn Stück 
neu angespitzter Bleistifte und Halter mit neuen 
Stahlfedern zu sehen, die offenbar hingelegt waren, 
damit äussere Ursachen und Zufälligkeiten, — wie 
z. B. eine schlechte Feder, — den freien, schöpfe 
rischen Schwung nicht auf eine Sekunde unterbrechen 
könnten. . . 
Krasnuchin lehnt sich im Stuhl zurück, schliesst 
die Augen und vertieft sich darin, das Thema in 
Gedanken zu bearbeiten. Er hört, wie seine Frau 
in den Pantoffeln umherschleicht und für den 
Samovar Holz klein macht. Sie ist noch nicht 
ganz wach; man merkt es daran, dass der Samovar 
deckel und das Messer ihr jeden Augenblick aus den 
Händen fallen. Bald auch vernimmt man das 
Brodeln des Samonars und des bratenden Fleisches. 
Die Frau hört nicht auf, das Holz klein zu machen 
und an dem Herd mit den Ringen, Deckeln und 
Thüren zu klappern. Plötzlich schauert Krasnuchin 
zusammen, öffnet erschreckt die Augen und beginnt 
die Luft zu riechen. 
„Mein Gott, es dunstet“, stöhnt er und verzerrt 
leidend das Gesicht. „Dunst! Diese unausstehliche 
Frau will mich vergiften! Nun sagen Sie einmal, 
kann ich unter diesen Umständen schreiben?“ 
Er rennt nach der Küche und bricht dort in 
einen dramatischen Redefluss aus. Als ihm seine 
Frau nach einer Weile, ganz vorsichtig auf den Zehen 
auftretend, ein Glas Thee bringt, da sitzt er, wie 
vordem mit geschlossenen Augen im Stuhl zurück 
gelehnt, und denkt über sein Thema nach. Er regt 
sich nicht, trommelt mit zwei Fingern leicht auf 
seiner Stirn und stellt sich, als merke er die An 
wesenheit der Frau nicht. Sein Gesicht trägt nach 
wie vor den Ausdruck verletzter Unschuld. 
Wie ein Mädchen, das einen teuren Fächer ge 
schenkt bekam, kokettiert er eine lange Weile mit 
sich selber, reckt und brüstet sich, bevor er den 
Titel niederschreibt ... Er drückt seine Finger an 
die Schläfen, kauert sich zusammen und zieht die 
Füsse unter den Stuhl, wie vor Schmerz; bald 
kneift er die Augen zu, wie eine Katze auf dem 
Sofa . . . Endlich streckt er ohne zu zögern die 
Hand nach dem Tintenfass aus und schreibt den 
Titel mit einem Ausdruck, als unterschriebe er ein 
Todesurteil . . . 
„Mama, gieb mir Wasser!“ hört er die Stimme 
seines Sohnes. 
„Tsss!“ — sagt die Mutter. „Papa schreibt! 
Tss . . 
Der Papa schreibt ganz schnell, ohne zu streichen 
und anzuhalten, kaum hat er genügend Zeit, die 
Blätter zu wenden. Die Büsten und Porträts der 
berühmten Schriftsteller blicken auf seine schnell 
laufende Feder,, sie regen sich nicht und es scheint, 
als dächten sie: „Na, Bruder, da hast Du wieder 
einmal geschimpft!“ 
„Tsss!“ kratzt die Feder. 
„Tsss!“ lassen die Schriftsteller ertönen, wenn 
sie von dem Kniestoss zugleich mit dem Tisch 
erzittern. Plötzlich richtet sich Krasnuchin auf, 
legt die Feder hin und horcht ... Er vernimmt 
ein gleichmässiges, eintöniges Geflüster . . . Ihr 
Aftermieter, Torna Nikolajewitsch, betet im Neben 
zimmer zu Gott. 
„Floren Sie!“ ruft Krasnuchin, „Könnten Sie 
nicht leiser beten? Sie stören mich beim Schreiben!“ 
„Verzeihen Sie ... “, erwidert Torna Nikola 
jewitsch schüchtern. 
„Tsss!“ 
Nachdem Krasnuchin fünf Seiten vollgeschrieben 
hat, streckt er sich und blickt auf die Uhr. 
„Gott, schon drei Uhr!“ stöhnt er, „andere 
Menschen schlafen, ich . . . nur ich muss arbeiten!“ 
Erschöpft und zerschlagen, den Kopf nach der 
Seite hängend, geht er nach dem Schlafzimmer, 
weckt seine Frau und sagt mit leiser Stimme: 
„Nadja, gieb mir noch Thee! Ich . . . bin 
ganz schwach . 
Bis vier Uhr schreibt er und würde gern bis 
sechs Uhr arbeiten, wenn das Thema nicht er 
schöpft wäre. Das Kokettieren und Brüsten vor 
sich selber und vor den unbelebten Gegenständen, 
fern von dem unbescheidenen, beobachtenden Auge, 
der Despotismus und die Tyrannei über den kleinen 
Ameisenhaufen, den das Schicksal seiner Macht 
unterworfen hat, bilden das Salz und den Honig 
seines Daseins. Wie wenig gleicht dieser Despot 
hier, im Hause, jenem kleinen, gefälligen, wortkargen, 
wenig begabten Männlein, das wir in den Redaktionen 
zu sehen gewöhnt sind! 
„Ich bin so müde, dass ich kaum einschlafen 
werde . . sagt er, als er zu Bett geht. „Unsere 
Arbeit, jene verdammte, undankbare Zwangarbeit 
ermüdet weniger den Körper als die Seele . . . Ich 
möchte Bromkalium einnehmen . . . Ach, weiss Gott, 
ich würde diese Arbeit hinschmeissen, wenn nicht 
die Familie! . . Auf Befehl schreiben! Das ist ent 
setzlich!“ 
Er schläft bis um zwölf oder ein Uhr einen 
festen und gesunden Schlaf . . . Ach, wie würde 
er erst schlafen, was für Träume würde er wohl 
haben, wenn er ein berühmter Schriftsteller, ein 
Redakteur oder wenigstens Verleger wäre! 
„Er hat die ganze Nacht geschrieben!“ flüstert 
die Gattin und macht ein erschrecktes Gesicht. „Tsss?“ 
Niemand wagt zu sprechen, oder zu gehen und 
zu lärmen. Sein Schlaf ist — ein Heiligtum, für 
dessen Schändung der Schuldige schwer büssen 
müsste! 
„Tsss! —“ hallt es in der Wohnung wieder — 
„Tsss!“ 
Aus dem Cyklus: „Die Seele“ von Marion. 
$)er kleine Spiegel. 
Autoris. Uebersetzung aus dem Polnischen von Stefania Goldenring. 
lebte ein Mensch mit einem kleinen Spiegel 
gp||| auf der Brust. Der Spiegel war hell und rein 
und gab Himmel und Erde, Wälder und Felder 
in freudigen Farben wieder. Der Mensch sah hinein, 
freute sich und rief: 
— Ach, wie schön ist die Welt, wie purpurrot 
sind die Blumen, wie lieb die Menschen! 
Im Laufe der Zeit aber wurde der kleine Spiegel 
trüber und dunkler. Die abgebrochenen Stückchen 
zeigten die Gegenstände in verzerrter Gestalt. Der 
Mensch blickte hinein und wurde traurig. 
— Es giebt keine so reinen Fluten, so hellen 
Rosen, so schönen Menschen mehr, wie zur Zeit 
meines Frühlings. Die Sonne scheint matt, die 
Sterne sind trübe und schmutzig . . . 
Endlich nutzte sich der kleine Spiegel ab und 
hörte ganz auf, Bilder wiederzugeben. Der Mensch 
warf einen Blick hinein und faltete die Hände. 
— Es ist nichts mehr da! nichts mehr da! rief 
er verzweifelt. Die Sonne erlosch, es schwanden 
die Blumen und Vögel, ausgestorben waren die 
Menschen. Es gab keine Erde mehr . . . nur eine 
dumpfe, endlose Ferne, eine furchtbare Oede und 
undurchdringliche Finsternis. 
Im Wahnsinn des Schmerzes nahm er sich das 
Leben. Ringsumher blühten die Rosen, es haschten 
die Schmetterlinge, Menschen gingen vorbei, und 
über ihnen brannte die blendende Sonne.
        
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