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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

BERLINER LEBEN 
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hat er ein Drama, „Alarich“, gedichtet, das in 
Strasshurg auch aufgeführt worden ist. Und 
ferner soll er ein geübter Zeichner von allerbestem 
Humor sein; — ein Mann von vielseitiger Be 
gabung, eine geistvolle, feingebildete Natur. 
J. Pierpont Morgan, ,,the industrial cap- 
tain-general“, wie ihn seine Landsleute mit Vor 
liebe nennen, ist der Gast unseres Kaisers und 
der Reichshauptstadt gewesen. Dieser Besuch ist 
wohl als eine Folge der guten Beziehungen zu 
betrachten, die durch die Amerikareise des Prinzen 
Heinrich erst angebahnt worden sind. 
In der Capern a u mkirche, dem neuen, an 
der Seestrasse hoch im Norden belogenen Gottes 
hause, wurde der Schlussstein des Baues durch 
feierlichen Akt dem Altäre eingefügt. Da seiner 
zeit eine Grundsteinlegung nicht hatte stattfinden 
können, sollte die jetzt abgehaltene würdige Feier 
ein Ersatz für den Ausfall sein. Die neueste 
Kirche Berlins, ein im Ziegelrohbau aufgeführtes 
Bauwerk romanischen Stils, hat den Regierungs 
baumeister Sebold zum Schöpfer. 
Als ein Siebzigjähriger ward auch Ludwig 
Passini gefeiert. Dieser Maler, der lange Jahre 
in Rom und in Venedig seiner Kunst lebte, dann 
aber Berlin sich zu dauerndem Aufenthalt erwählt 
hat, ist ein geborener Wiener. Auf der Akademie 
in Wien erhielt er auch seine 
erste Ausbildung und schloss 
sich dann an den ausgezeich 
neten Aquarellisten Prof. Karl 
Werner an. Die Malerei in Wasserfarben ist dann Passini’s technische Spezialität geworden, die er 
vornehmste V/eise als ein Einziger pflegt. Was Anderen nur mittel-: der üppigen Oelfarben auf 
heraus zubringen möglich ist, das gelingt ihm durch geheimnisvolle und sorgsame Anwendung der 
Wasserfarben auf dem Papier: seine Gemälde haben 
Glanz und Glut, leuchten aus der 'liefe. Aber nur 
in diesem Sinne ist Passini Spezialist, im Uebrigen 
schildert sein Pinsel alles nur mögliche Schöne; die 
Pracht venezianischer Architekturen, das bunte Volks 
leben der Stiasse, Prozessionen und Balgereien, die 
Nacktheit von Göttinnen und badenden Knaben, und 
zuletzt auch malt er uns Bildnisse von charaktervollster 
Auffassung. Vielbekannt sind seine „Domherren im 
Chor“, auch die „Messe in Chioggia“, die „Badenden 
Jungen“ und „Die Neugierigen“. Seine letzte grössere 
Graf Mirbach verliest bei der Schlussstcinlegung der Capernaumkirche 
die Stiftungsurkunde der Kaiserin 
auf die aller- 
der Leinwand 
durchsichtigen 
Arbeit ist ein „Urteil des Paris“. Zum 
Geburts 
tag seines Freundes Grafen Harrach malte er für die 
Akademie dessen Portrait; dies befindet sich gegen 
wärtig in der Grossen Kunstausstellung und wird 
später den Sitzungssaal schmücken. Schon 1866 er 
hielt er die kleine und vier Jahre darauf die grosse 
goldene Medaille. Mitglied der Akademie der Künste 
ist er seit 1874. 
In Hoppegarten wurde am 22. Juli der Grosse 
Preis von Berlin gelaufen, der jetzt nur noch 
50000 Mark beträgt. Diesmal hat ihn der vierjährige 
Hengst des Kommerzienrats Manske „Slanderer“ ge 
landet. Sein Trainer, der alte Tom Busby, war zu 
diesem Zweck noch einmal in den Sattel gestiegen 
und hat ihn mit sicherer Kunst vor „Saperloter“ durchs 
Ziel gebracht. 
Professor Ludwig Passini (nach dein Gemälde von Hans Rechner) 
Slanderer, der Sieger im Grossen Preis von Berlin
        
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