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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

nicht goutieren, vergessen Sie doch nicht den Ein 
druck auf andere. Ich bemerke übrigens, dass der 
Schopenhauer da auf dem Tischchen nicht auf 
geschnitten ist.“ 
„Er ist erst gestern gekauft.“ 
„Das entschuldigt nicht. Ein Schopenhauer 
darf nicht eine Stunde lang unaufgeschnitten bleiben, 
mag man ihn auch nie lesen. Dagegen rate ich 
Ihnen, Bücher wie Haeckels Welträtsel stets unauf 
geschnitten in die Bibliothek zu stellen. So etwas 
imponiert.“ 
Wieder trat eine Pause ein. 
„Wenn ich Ihnen noch eines dringend empfehlen 
kann, so ist es das: Gewöhnen Sie sich irgend eine 
Eigentümlichkeit an, deretwegen man Sie im Ge 
dächtnis behält, sei es in der Sprache, in den Gesten, 
ein Lachen oder einen Gang, daneben eine Vorliebe 
für irgend eine Kultur oder einen Menschen. Nicht 
indiskret vorgetragen, sondern suggestiv. Herrgott, 
schon viertel acht. Entschuldigen Sie mich, bitte. 
Ich muss ins Ansorge-Konzert.“ 
„Darf ich Sie ein Stück begleiten?“ 
„Gern. Vielleicht besuchen wir es zusammen. 
Ich kann Sie dabei gleich der Schwester Hamilkars 
vorstellen. Wir treffen sie sicher dort, obgleich sie 
gänzlich unmusikalisch ist. Sie hält eben auf guten 
Ton!“ 
„Hähähä, ausgezeichnet.“ 
Im Hinausgehen hörte ich den Mentor noch sagen: 
„In unserm Klubzimmer finden Sie übrigens 
eine Liste derjenigen Kaffeehäuser, denen wir sozu 
sagen unsern Stempel aufgedrückt haben und die 
wir ausschliesslich frequentieren.“ 
Damit waren die beiden Parnassaner ver 
schwunden. 
* 
Acht Tage später kündigte ich mein Zimmer. 
Dichter Müller war auf die Idee verfallen, sich ein 
differenziertes Lachen zuzulegen. Er übte . auch 
vorm Spiegel, schien mir, stundenlang, er erschöpfte 
sich förmlich in originellen Varianten, bis er endlich 
eine unerhört neue zu Wege brachte. Seine weitere 
Entwickelung wartete ich nicht ab. Ich würde mich 
lieber haben rösten lassen, wie der heilige Laurentius, 
als dass ich diesen Stimmungsschwindler weiter 
neben mir ertragen hätte. — 
Sommerfrischler. 
Von A. Tschechow. 
Aus dem Russischen von Stefania Goldenring. 
S uf dem Perron der Sommer wohn ungsstation 
spazierte ein junges Ehepaar auf und ab. Er 
hielt sie umfasst, sie lehnte sich fest an ihn, sie 
waren beide glücklich. Aus den zerrissenen Wolken 
schaute der Mond grimmig auf sie herab: jedenfalls 
war er neidisch und über seine Jüngferlichkeit, von 
der niemand etwas hatte, verdriesslich. Die un 
bewegliche Luft war von starkem Fliederduft durch- 
tränkt. Drüben, jenseits des Geleises schrie ein 
Wasservogel .. . „Wie prachtvoll ist es hier, Sascha!“ 
sagte die Frau. „Man könnte es fürwahr für einen 
Traum halten. Sieh einmal, wie anheimelnd und 
freundlich das Wäldchen sich ausnimmt! Wie lieblich 
sind die festen, schweigsamen Telegraphenstangen! 
Sie beleben die Landschaft und erzählen davon, dass 
es irgendwo in der Ferne, Leute . . . und eine 
Civilisation giebt . . . Hast Du es nicht gern, wenn 
der Wind Dir das Geräusch eines sich nähernden 
Zuges entgegenbringt?“ 
„Ja . . . Aber Du hast so heisse Hände! Du 
regst Dich zu sehr auf, Warja . . . Was giebt es 
heute zum Abendessen?“ 
„Saure Suppe und Huhn . . . Ein Huhn reicht 
für uns Beide. Sardinen und Stör sind auch noch 
von der letzten Stadtsendung da.“ 
Der Mond verschwand wieder hinter den Wolken, 
als ob er Tabak gerochen hätte. Das Glück der 
Menschen erinnerte ihn an seine Einsamkeit, an 
sein einsames Lager hinter Wäldern und Thälern .. . 
„Der Zug kommt!“ sagte Warja. „Wie schön 
ist es hier!“ In der Ferne leuchteten drei Feuer 
augen; der Stationsvorsteher kam heraus. Hier und 
dort flammten auf dem Geleise Signallichter auf. 
„Wir wollen den Zug abwarten und dann nach 
Hause gehen“ sagte Sascha und gähnte. „Wir sind 
doch so glücklich miteinander Warja, so froh, dass 
man es kaum zu glauben wagt!“ Das dunkle Un 
geheuer war geräuschlos auf den Perron heran 
geschlichen und stehen geblieben. In den schwach 
beleuchteten Fenstern erschienen schläfrige Gesichter, 
Mützen, Schultern . . . 
„Ach! Ach!“ ertönte es aus einem Waggon: 
„Da sind ja Warja und ihr Mann! Sie kamen uns 
abzuholen! Warenka!... Ach!“ Aus dem Waggon 
sprangen zwei Mädchen heraus und bängten sich 
Warja an den Hals. Ihnen folgten eine dicke, ältere 
Dame und ein grosser, hagerer Herr mit grauem 
Backenbart, dahinter zwei Gymnasiasten mit Gepäck 
beladen, eine Gouvernante und zuletzt die Gross 
mutter. „Hier wären wir, lieber Freund!“ begann 
der Herr mit dem Backenbart und drückte Sascha’s 
Hand. „Hast lange warten müssen! Warst dem 
Onkel schon böse, weil er nicht kam? Kolja, Flostja, 
Nina, Fifa . . . Kinder! Begrüsst den Vetter Sascha 
mit einem Kuss! Wir sind mit Maus und Kind auf 
drei bis vier Tage zu Dir gekommen. Ich hoffe, 
dass wir nicht stören? Bitte, sei ganz offen.“ 
Als das junge Paar den Onkel mit der ganzen 
Familie sah, fuhr es vor Schrecken zusammen. 
Während der Onkel sprach und Sascha umarmte, 
zog durch dessen Sinn folgendes Bild: er und seine 
Frau traten den Gästen ihre drei Stuben ab; die 
Sardinen, der Stör und die Suppe wurden in einer 
Minute verzehrt, die Jungen pflückten sämtliche 
Blumen ab, vergossen die Tinte, machten Lärm, und 
die Tante sprach den ganzen Tag über ihre Krank 
heit (Bandwurm und Herzstiche) und davon, dass sie 
eine geborene von Tillich ist . . . 
Hasserfüllt blickte Sascha seine junge Frau an 
und flüsterte ihr zu: 
„Die sind zu Dir gekommen, der Teufel hole sie!“ 
„Nein, zu Dir!“ erwiderte sie ganz bleich, eben 
falls von Hass und Zorn erfüllt. „Es sind Deine 
Verwandten, nicht meine!“ 
Dann wandte sie sich an die Gäste und sagte 
mit freundlichem Lächeln: 
„Seid willkommen!“ 
Aus den Wolken trat wieder der Mond hervor. 
Er schien zu lächeln, als ob er sich darüber freute, 
dass er keine Verwandten hatte. Sascha aber drehte 
sich weg, um sein ärgerliches, verzweifeltes Gesicht 
vor den Gästen zu verbergen; seiner Stimme einen 
freudigen, milden Ausdruck verleihend, sagte er: 
„Seid willkommen, liebe Gäste, willkommen!“
        
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