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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

BERLINER LEBEN 
I 1 O 
Stinken Lene (National-Galerie, Berlin) 
Jakob j^lberts. 
B it wird in schriftstellerischen Betrachtungen jetzt 
I von einer „Bodenständigkeit 44 dieses oder jenes 
Künstlers geredet. Das soll heissen, der Be 
treffende schaffe eine Kunst, die von einem bestimmten 
Boden wurzele, die von einer eigentümlichen Örtlichkeit 
ihren besonderen Charakter bekommen hat. Oder die 
Maler selbst sind von der Urwüchsigkeit ihrer eigenen 
Produktion überzeugt, bilden Vereinigungen, die sie 
mit dem vielbedeutenden Namen „Scholle 44 oder einem 
noch schöneren belegen. Wieviel Äusserlichkeit, wie 
viel snobige Affektion ist aber dabei! Als ob es schon 
was Besonderes wäre, wenn man nach dem berühmten 
Vorbilde der Meister von Barbizon, den klassischen 
Bauernmalern und Landschaftern Millet und Rousseau, 
irgendwo auf dem Lande eine Künstlerkolonie begründet! 
Als ob es damit gethan wäre, dass man sich als Bauer 
frisiert, Holzpantinen oder Wasserstiefel anzieht und 
seinen Eierkuchen selber backt! Gewiss haben z. B. 
die vielgenannten Maler von Worpswede in ihren 
Bildern einige Vertrautheit mit den landschaftlichen 
Stimmungen der Gegend, in der sie hausen, geoffenbart, 
doch nichts, was gerade einzige und nothwendige Züge 
hätte: es ist Düsseldorfische Kunst trotz allem, wirklich 
Studienkopf aus Westerhever (National-Galerie, Berlin) 
weiter garnichts. Wie sollte es auch anders sein? Die 
Leute waren ausgewandert aus der Akademiestadt, von 
dem Drange beseelt, sich ein ganz besonderes spezielles 
Gebiet zu erobern. 
In ganz anderem Sinne bodenständige Kunst ist 
die, welche uns Jakob Alberts giebt, der Maler der 
Halligen. Dies Kraftvolle, Zähe, Treue, Aufrichtige, 
Fromme und Schlichte, was den Charakter seiner 
malerischen Beobachtung und Darstellung ausmacht, ist 
auch der Charakter des Menschenschlages, der da auf 
dem winzigen, dürftigen meerumspülten Erdenfleckchen 
an der schleswigschen Küste ein stilles arbeitshartes 
Dasein fristet. Nicht mit einer Liebhaberei für die 
originellen malerischen oder ethnographischen Eigen 
tümlichkeiten ist ein entlegenes Stück Welt abgeschildert, 
sondern mit einem Herzen voll starker Liebe für das 
Land und die Leute und mit der innigen Vertrautheit 
eines Angestammten. Denn Alberts ist auf einer Hallig 
geboren, ist der Sohn eines Lehrers von dort. 
Seine Künstlerschaft hat er sich in Berlin erworben 
und hier zählte er seit Jahren zu dem erwählten Kreise 
der Liebermann, Leistikow, Ludwig von Hofmann, 
Skarbina, die mit einigen Andern noch die Vereinigung 
der „Elf“ bildeten. Durch deren Ausstellungen wurden 
zuerst seine Bilder bekannt. Immer waren es Schil 
derungen der Heimat, und dorthin zieht es ihn alljährlich 
Nachbar Broders 
immer wieder mit der unbezwinglicben Sehnsucht 
zurück. Er lässt uns in die peinlich sauberen Dielen 
und Stuben blicken, die angefüllt sind mit dem ehr 
würdigen Hausrat altfriesischer Kultur; er führt uns in 
die niedrige, bunte Kirche, wo die hageren Frauen und 
wetterharten Männer im steifen Sonntagsstaat andächtig 
dem blondbärtigen Pastor lauschen, oder er nimmt uns 
mit auf die von Gräben durchzogene blassblaublühende 
Schafweide, wo hinten einsam auf der Wurte das stroh 
gedeckte Haus auf die glitzernde Nordsee, den „blanken 
Hans“, hinausblickt und wo in weissdunstiger Ferne 
der Turm der Nachbarhallig herüberwinkt. So wird 
von Jakob Alberts das Land, die Menschen und das 
Leben auf den unzugänglichen, von der Sturmflut ewig 
gefährdeten Inseln gemalt, nicht mit der Romantik, 
wie man es in Büchern und Bildern von Leuten erzählt 
bekommt, die sich bei kurzem Besuch von ihren Ein 
drücken und Vorstellungen überwältigen Hessen. Hier 
ist mit der Ruhe eines Heimischen das Gewohnte, All 
tägliche geschildert und mit der ganzen Liebe zum 
Heimatlichen ist der spärliche Reiz der Natur zu stiller 
Schönheit verklärt. Dergleichen nur heisst Heimatkunst, 
nur dann soll von einem Schaffen geredet werden, das 
in der Scholle wurzelt. 
Friedrich Fuchs.
        
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