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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

Pie lUahrsagerin. 
Von Julius Stettenheim. 
„2ü|J|ber liebe Elisabeth! Wie tonlos sagst Du mir 
3JM| „Guten Morgen“! Du sagst mir das sonst 
mit so hübscher Melodie. Hast Du schlecht ge 
schlafen? Hast Du einen unfreundlichen Traum 
gehabt?“ 
Elisabeth antwortete ihrem Gatten, dem Rechts 
anwalt Vollmann, nicht. Sie trank ihre Schokolade 
und blickte in die Morgenzeitung. 
Der Gatte seufzte und zündete eine Cigarre an. 
Dann, indem er das brennende Zündhölzchen aus 
blies, sagte er, wie um einen heiteren Ton anzu- 
schlagen: „Siehst Du, so- ist die Flamme Deiner 
Liebe erloschen“. 
„Das heisst“, murmelte Elisabeth überraschend 
geistesgegenwärtig, „Du hast sie verlöscht!“ 
Nun lachte der Gatte: „Das klingt ja wie auf der 
Bühne! Wer souffliert Dir solchen Unsinn? Ich hätte 
die Flamme Deiner Liebe ausgeblasen wie die eines 
schwedischen Streichhölzchens? Komm, Kindchen“, 
setzte er, ernster werdend, hinzu, „ich weiss ja, 
dass Dir alle Komödie fernliegt, sprich vernünftig. 
Du bist schon seit einigen Tagen übler Laune, und 
das bin ich garnicht an Dir gewöhnt. Da muss Dir 
etwas passiert sein, was Dich ärgert, und Du musst 
mir sagen, was. Stimmt Dein Wirtschaftsbuch 
nicht? Hast Du einen Hundertmarkschein verlegt 
und kannst ihn nicht wiederfinden? Hat die Köchin 
etwas ver- oder zerbrochen, worüber Du untröstlich 
bist? Hat Dir die Schneiderin ein Kleid nicht zu 
Dank gearbeitet, oder welche andere Staats —“ 
Elisabeth fiel ihm ins Wort: „Witzig, aber sehr 
prosaisch. Als ob wir Frauen nur durch Wirt 
schafts- oder Kleiderfragen beunruhigt, unglücklich 
gemacht sein können!“ 
,,-Na“, rief er scheinbar ganz ruhig, „es ist schon 
ein Glück, dass die Debatte eröffnet ist. Ich glaubte 
schon, Du würdest Dich in dem wichtigen Gegen 
stand der Tagesordnung auf Aphorismen beschränken, 
die wenig oder nichts fördern. Du hast also das 
Wort, Elisabeth. Ich bin etwas pressiert, mein Kind, 
sage mir mit kurzen Worten, was Du hast.“ 
Sie sah ihn gross an. „Was ich habe?“ 
„Nun ja, Elisabeth, das will ich von Dir wissen, 
da ich bekanntlich nicht allwissend bin.“ 
„Ich habe“ — sagte sie. 
„Du hast?“ 
„Einen untreuen Mann!“ rief sie wütend, um 
den Hörer niederzuschmettern. Der sah sie erst er 
staunt, dann lächelnd an, nahm seinen Hut und 
wollte gehen. 
Sie blickte an ihm vorbei aus dem Fenster in 
die Wolken und sagte: „Du giebst also zu, Bernhard, 
dass Du mein Vertrauen schändlich getäuscht hast?“ 
Bernhard blieb stehen und hatte nicht übel 
Lust, sehr böse zu werden. Er bezwang sich aber 
und sagte: „Ich verbitte mir diese unpassenden 
Spässe. Du bist zu solchen wirklich nicht mehr 
jung genug, und amüsant sind sie ebensowenig. Ich 
meinte aber, wir schrieben heute den ersten April, 
aber auch als Aprilscherz lasse ich den Verdacht 
nicht gelten, dazu ist er nicht einmal originell genug. 
Nun lasse Deine Phantasie von ihren Strapazen aus 
ruhen und komme dann dahinter, dass Du Dich in 
der überflüssigsten Weise beunruhigst. Und auch 
mich, und wenn Du mir heute Abend nicht freiwillig 
eingestehst, dass Du eine kleine oder eine grosse 
Närrin seist, so rede ich mit unserem Arzt. Ver 
standen?“ ■ 
Der Angeklagte hatte die Hand seiner Gattin 
ergriffen und sprach zu ihr im Tone der Zärtlichkeit, 
aber auch der völligen Unschuld, wie ein Mann, der 
sich keinen Vorwurf zu machen hatte. Nach seiner 
Meinung musste er seine Frau auch überzeugt haben, 
dass ihr Einfall sie der Blamage aussetzte, denn er 
fühlte, das an dem Ernst und der Wahrheit seiner 
Worte nicht gezweifelt werden konnte. Auf Jeden 
hätte er allerdings auch diesen Eindruck hervor 
gerufen, nur nicht auf seine Elisabeth, die sehr 
überrascht schien, anstatt eines Geständnisses, zu 
hören, dass ihr Gatte sie für krank hielt und mit 
dem Arzte sprechen trollte. Das bereitete ihr einen 
grossen Aerger, der ihr anzumerken war, als sie ant 
wortete: „Natürlich, Du willst mit dem Doktor 
sprechen. Das ist so hergebracht bei Euch Männern, 
wenn Ihr in Eurem Schuldbewusstsein nicht mehr 
ein und aus wisst, den wilden Mann spielt und uns 
arme Opfer mit unserer Anklage abweisen wollt. 
Das kann Dir aber nicht gelingen; ich kann zum 
Glück oder zum Unglück, wie Du willst, meine An 
klage begründen, ich 1 bin gut unterrichtet.“ 
„Gut unterrichtet?“ lachte er nun und legte damit 
einen Beweis einer erstaunlich grossen Geduld ah 
den Tag. „Gut unterrichtet nennen sich die Zei 
tungen immer, wenn sie nichts wissen, 1 oder für 
eine fragwürdige Nachricht, an die sie selbst nicht 
glauben, gläubige Leser finden wollen. Du bist aber 
keine Zeitung. Wenn Du wirklich gut unterrichtet 
bist, mein Kind, so nenne mir doch die Glückliche, 
die mich oder die ich etwa zwei Jahre nach dem 
Ende der Flitterwochen erobert habe. Du kennst 
sie doch jedenfalls.“ 
Elisabeth zögerte etwas mit der Antwort. Dann 
sagte sie: „Noch nicht. Aber mir liegt auch an 
der persönlichen Bekanntschaft dieser Deiner elenden 
Mitschuldigen nichts, mir genügt zu meinem Unglück, 
zu wissen, dass Du sie kennen lernen wirst.“ 
Nun lachte ihr Gatte aber ganz aufrichtig. „Das 
ist ja reizend!“ rief er. „Also Du sprichst gar nicht 
von einer gegenwärtigen, sondern von einer künfti 
gen Untreue. Nicht Präsens, sondern Futurum., Du 
bist also wenigstens über die Zukunft gut unter 
richtet. Du Aermste hast einen Stümper geheiratet. 
Dein Gatte ist nicht untreu, sondern er wird es.“ 
„Wie alle Gatten ohne Ausnahme“, brachte 
Elisabeth mühsam hervor. Dann fing sie zu weinen 
an. Das ist ja die gewöhnliche und nicht unwirk 
same Beglaubigung unter der Behauptung einer 
Frau, wenn diese Behauptung bestritten wird. 
„Nun auch noch die landesüblichen Thränen!“ 
rief der Herr des Hauses, als sei er in die heiterste 
Laune versetzt. „Du weinst über meine künftige 
Untreue. Aber Elisabeth ! Da solltest Du jedenfalls 
lieber warten, bis das Ehedrama begönnen hat, Du 
bist doch sonst eine Freundin weiser Oekonomie.“ 
„Spotte nur“, sagte Frau Elisabeth und trock 
nete ihre feuchten Wangen. „Das zeigt mir nur, 
dass Du Dich nicht sicher fühlst und ein böses 
Gewissen zu verstecken hast. Wenn ich nicht be 
stimmt wüsste, dass Du mir untreu wirst, so würde 
ich doch nicht eine solche Scene herbeigeführt 
haben.“ 
„Also bitte ich um nähere Auskunft, meine 
liebe Wahrsagerin.“ 
„Ich bin keine Wahrsagerin“, rief die kleine 
Frau mit aller ihr zu Gebote stehenden Energie. 
„Aber eine meiner Jugendfreundinnen ist als Wahr 
sagerin hochgeschätzt, weil sie die erstaunlichsten 
Erfolge aufzuweisen hat. Das war schon der Fall, 
als sie, damals noch unverheiratet, in das Haus 
unserer Eltern kam und mich und meine Mit 
schülerinnen der höheren Töchterschule durch die 
Karten in die Zukunft blicken liess. Und alles ist 
so gekommen, wie sie es vorhergesagt hatte. Sie 
brauchte nur zu prophezeien, die oder , die werde 
binnen vier Wochen Braut sein; da .waren nicht 
vierzehn Tage vergangen, und es hielt einer an um 
die oder die. Und eine von uns konnte sie so viel 
bitten, wie sie wollte, sie möge ihr doch die Ver 
lobung ankündigen,' das half nichts, wenn es nicht 
in den Karten zu lesen stand, wenn der Goeurkönig 
nicht gleich nach der Coeurdame erschien.“ 
„Und wie hiess diese Hellseherin?“ 
„Damals hiess sie Bertha Siegfeld, die heute, 
nach kurzer Ehe verwitwet, Bertha von Schmal 
berg heisst.“ 
„Ich erinnere mich. Sie war eine schlanke 
blonde Schöne, sehr liebenswürdig und ausgelassen, 
eigentlich die geistreichste Dame, die in das Haus 
Deiner Eltern kam.“ 
Frau Elisabeth verneigte sich, mit ironischem 
Lächeln sich für diese Kritik bedankend. Sie setzte 
hinzu: „Wie galant!“ 
Dem Herrn Rechtsanwalt Vollmann war es 
ganz ernst mit dieser Aeusserung gewesen, ohne 
dass es ihm in den Sinn gekommen war, seine 
Gattin zu verletzen. Er hatte sich in seine Elisabeth 
verliebt und sie geheiratet, w'eil sie sehr lieb und 
schön war, für geistreich hatte er sie nie gehalten, 
und er hatte auch keine geistreiche Frau begehrt. 
Wie viele andere praktische Männer schätzte er zwar 
den Geist einer Frau, . suchte er aber für seinen 
häuslichen Herd eine gut erzogene, sanfte, kluge 
Gefährtin, die er dann in Elisabeth gefunden zu 
haben glaubte, deren Vorzüge nach seiner Meinung 
den Glanz des Geistes ersetzten. Als sie ihm nun 
gestand, dass sie sich aus den Karten hatte wahr 
sagen lassen, setzte ihn das gar nicht in Staunen 
und verlor er keinen Augenblick die gute Laune. 
Höchstens citierte er unhörbar: „Es muss auch solche 
Käuze geben.“ 
„Aber Elisabeth“, sagte er lachend, „wie kannst 
Du nur etwas auf das Kauderwelsch der Karten 
geben! Sieh, Deine Freundin hat Dir von den 
Karten sagen lassen, Dein Mann werde Dir untreu 
werden. Das ist indes blos deutlich, nichts weiter. 
Denn Du musst Dich doch fragen: Wenn die Karten
        
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