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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

fiiq pirkhahnbalj. 
Jagdhumoreske 
vom Jagdschriftsteller Kurt von Schaffer. 
(Nachdruck ohne Genehmigung des Verfassers verboten.) 
Alles freut des Lebens sich 
In der göttlichen Natur, 
Und es spriesst und wächst und grünt 
Ueberall, auf Feld und Flur, 
so singt der Dichter, der, im warmen Stübchen 
sitzend, im Frühling das lustige Treiben der Schnee 
flocken, dann milden Sonnenschein und wieder kurze 
Regenschauer, mit Graupeln vermischt, beobachtet. 
Wer aber im Freien weilen muss, durchnässt wird 
bis auf die Haut und im Schmutz watet bis an die 
Knöchel, so dass sich bald die unangenehmen 
Erscheinungen des Schnupfens, Zahnschmerzes, 
Reissens u. s. w. einstellen, der wünscht das Wetter 
zu allen Teufeln. Wie anders aber ist es mit dem 
Jägersmann bestellt, der jede Gelegenheit,, sei es bei 
Hitze oder Kälte, bei Regen oder Sonnenschein, mit 
Freuden begrüsst, die Büchse auf den Rücken zu 
hängen und, zur Seite seinen treuen Begleiter I-Iektor 
oder Tyras, den ewig schönen Wald und die zu 
neuem Leben erwachten Wiesen und Fluren zu 
durchstreifen, um dem edlen Weidwerk obzuliegen. 
Der eine revidiert Fuchsbaue, der andere will ge 
fiedertes Raubwild abschiessen, der dritte geht auf 
den Schnepfenstrich und ein vierter lobt sich die 
Auer- und Birkhahnbalz. Ein jeder hat seine Be 
schäftigung. Wie das Wetter, so abwechslungsreich 
ist der Frühling im Abschuss mannigfacher Wild 
arten. Wohl die interessanteste Jagd ist die auf 
den Birkhahn, und viele Nimrode wollen kein Jahr 
die Freude missen, das glühende Liebeswerben des 
kleinen Hahnes zu bewundern. 
Wen nimmt es da wunder, dass der dicke Wirt 
zur roten Zwiebel, der, arg von Rheuma geplagt, 
sich mühselig in dicken Filzparisern von einem 
Stuhl zum andern bewegt, und der Rentner, der, 
von Asthma gequält, oft hustet, dass sein bebrilltes 
Gesicht blaurot aufläuft, mit einem Schlag kern 
gesunde Leute werden, wenn es heisst: ,,Der 
kleine Hahn hat gemeldet“. Da wird das alte 
Schiesseisen vorgesucht, da werden die Langschäfter 
eingeschmiert, und eines Tages, da giebt’s kein 
Halten, es wird abgerückt, nachdem die fürsorgliche 
Hausfrau den Rucksack mit allem Nötigen bepackt 
und die üblichen zur Beherzigung empfohlenen Er 
mahnungen gegeben hat. 
In FI., einem schmucken Dörfchen, dessen 1 
Häuser mit roten Ziegeldächern einladend aus dem 
saftigen Grün der dickbelaubten Lindenbäume her 
vorlugen, ist die fröhliche Jagdgesellschaft angelangt. 
Sie besteht aus dem Wirt, dem Rentner und einem 
Barbier, doch dieser Herr Verschönerungsrat liebt 
mehr die Jagd nach „Kittelwildbrett“, denn die holde 
Weiblichkeit hatte es dem jungen, unverheirateten 
Mann angethan. 
„Da wär’n mer“, sagt der dicke behäbige Wirt 
und begrüsst die anwesenden Gäste im „halben 
Mond“, indem er mit seiner fleischigen Rechten auf 
den Tisch schlägt, dass die Gläser wackeln, während 
der Barbier bereits in der Küche verschwunden ist, 
um dem anmutigen, schlanken Wirtstöchterlein sein 
Kompliment zu machen. 
Nachdem der Asthmatiker, dem das Rauchen 
verboten ist, seinem Rucksack eine Tabakspfeife 
entnommen hat und ihr Rauchwolken entströmen 
lässt, als backe ein kleiner Häusler, und nachdem 
der Wirt mit einer Art Senflöffel sein Riechorgan 
mit bayerischem Schmalzler gehörig einbalsamiert 
hat, entsteht eine lustige ungezwungene Unterhaltung. 
Der Wirt, der als grosser Jagdlateiner allgemein be 
kannt ist, giebt dem Bitten und Drängen nach und 
erzählt aus seinem bewegten Jägerleben. „Wie Ihr 
wohl wisst“, so beginnt er, „ich bin der beste 
Kugelschütze in weiter Runde, und manche Schnepfe 
und Bekassine ist meiner sicheren Hand mit der 
Mauserrepetierbüchse, Halbmantelgeschoss, zum 
Opfer gefallen.“ 
Die Bauern, von denen einige wohl auch etwas 
von der Schiesskunst verstehen, schauen sich schel 
misch lächelnd an und treten sich gegenseitig unter 
der Tischplatte die Hühneraugen weg. Der Rentner 
will, um alle Zweifel zu heben, die Aussage be 
stätigen, bekommt aber solch’ einen argen Husten 
anfall, dass sein falsches Gebiss klappernd zur Erde 
fällt und ihm die Augen aus den Höhlen quellen 
wie ein Paar Schusterleuchtkugeln. 
„Aber das ist für mich nur Spielerei“, fährt 
der Wirt fort, nachdem wieder etwas Ruhe ein 
getreten ist. „Ich sage Euch: ’ranfahren, Funken 
reissen und sofortiger Tod ist sicher wie das Amen 
in der Kirche. Geh’ ich da neulich ins Revier, die 
Büchse auf dem Rücken, über einen Flau, in Ge 
danken bei meiner streitsüchtigen Alten, die mich 
hat mit unschönen Worten gehen heissen, weil ich 
paar so kleine Rostflecke wie die Pfennigstücke am 
Lauf mit ’ner Plüschdecke beseitigt habe. Da mit 
einem Male sehe ich einen winzig kleinen Punkt, 
als wenn er angenagelt wäre, am Himmel stehen. 
Halt, denke ich mir, das ist eine Krähe, die sich 
beim Petrus über die schlechten Wildverhältnisse 
beschwert, denn lange hatte sie keinen Junghasen 
und kein Rebhuhn mehr verspeist — weil wir näm 
lich keine haben! — Warte, du Aas, dir will ich 
die Fressgedanken einstreichen, sag ich mir, nehme 
meine Donnerbüchse und lasse eine Kugel ’nauf 
fahren. Der dunkle Punkt wankt, wird von Minute 
zu Minute grösser, und als wenn man ein Raum 
meter Holz von hoch oben herabwirft, so fällt der 
Vogel mit dumpfen Krach ziemlich vor meine Füsse. 
Ich schweb’ in tausend Aengsten, denn der ver 
meintliche Schwarzkittel nimmt solche Dimensionen 
an, dass ich beinahe glaubte, eine Wolkenecke mit 
abgeschossen zu haben. Es wurde förmlich finster. 
Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich genau 
hinseh’ und einen mächtigen Steinadler mit weitaus 
gebreiteten Schwingen vor mir erblicke. Solch’ einen 
Schuss, meine Herren, nach diesem grossen Vogel 
wie einen Punkt so hoch, macht mir keiner nach. 
Mitten in den Bauch war die Kugel gegangen, und das 
Loch, ich meine den Schusskanal, war so gross, dass 
man bequem mit dem Arm durchfahren konnte.“ 
Weiter kam der Wirt nicht mit Erzählen, denn 
die Bauern, die sich öfter nicht misszuverstehende 
Blicke zugeworfen hatten, lachten hell auf, klatschten 
mit den derben Händen auf die Schenkel, trampelten 
mit den Füssen, und es entstand ein Lärm, dass 
man das eigene Wort nicht mehr hören konnte. 
In diesem Augenblick trat der Barbier mit ver 
störtem Blick und geröteten Wangen ins Gastzimmer, 
und aller Augenmerk richtete sich sofort auf ihn: 
„Wie war denn die Abendbalz, alter Süssholzraspler, 
gewiss nicht erfolgreich?“ fragte der Wirt. Der 
Barbier machte allerlei Ausflüchte, konnte aber einen 
glaubwürdigen Ausweis über sein langes Ausbleiben 
nicht erbringen und musste „kleine Grüne zugeben“. 
Der Rentner hatte nur wenig gesprochen, jetzt 
wurde er an längst vergangene schöne Zeiten er 
innert. Ein seliges Lächeln glitt über sein furchen 
reiches Gesicht, das Herz ging ihm auf. Er musste 
erzählen. „Ja, das war eine schöne Zeit, wie ich 
vom Militär kam als stattlicher, hübscher Bursch’, 
bei jungen und alten, hübschen und hässlichen 
Damen eine vielbegehrte Persönlichkeit, und meine 
einzig geliebte Au— hatzi, hatzi, Au— hatzi —, 
meine gute Aurora kennen lernte. Als wenn es 
eben erst geschehen wäre, so sehe ich sie noch, 
wie sie mir das Lied „Der süsse Traum“ von 
Mendelssohn mit einer Weichheit und dabei einer 
Klangfülle vorsang, dass ich heulen musste, wie ein 
junger Hund vor Rührung. In Thränen gebadet, 
gestand ich ihr meine Gefühle und liess mir dann 
die Ehefesseln anschmieden. Dieses Lied aber wird 
mir bis zum Tod in der Erinnerung fortleben,
        
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