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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

$)as Sruüachen. 
Von W. A. Ordon. 
flitflr 6 ® onne unter ■ • • wie riesige Rubinen 
(^y^, gleissten und funkelten die grauen starren 
Felsen . . . Ein goldiges Flimmern und Flackern an 
den äussersten Spitzen uud Kanten, ein letztes Auf 
leuchten — dann hüpfte der Schein höher hinauf, 
küsste auch hier die steinernen Riesen und ver 
schwand hoch oben hinter einer steilen Felswand . . . 
Unten aber stand das Bärbel und sah der ent 
schwindenden Sonne nach ... Zu unzähligen Malen 
hatte es sie so scheiden sehen und heut wurde ihr 
dabei so schwer um das kleine Herz . . . Eine un 
aussprechliche Sehnsucht packt sie — wonach, wusste 
sie selbst nicht . . . Noch nie hatte sie dieses Gefühl 
empfunden — so eigentümlich wohlig und schmerz 
lich zugleich. Sie hätte laut aufschreien können, als 
die Sonne völlig versank, so verlassen fühlte sie 
sich . . . Zugleich mit dieser unerklärlichen Sehnsucht 
erfüllte eine freudige Hoffnung ihre Seele. — Nein, 
so war ihr noch nie zu Mute. Fleut kam ihr alles 
so ganz anders vor wie sonst: so viel, viel schöner . . . 
Die ganze Welt hätte sie umarmen können — und 
doch war es eher ein Weh als eine Lust, was sie 
empfand . . . Sie wusste überhaupt nicht, was es 
war, aber das wusste sie: sie möchte etwas lieb 
haben, so recht lieb haben — dann würde ihre Sehn 
sucht gestillt . . . 
Sie sah noch immer empor zu den starren Felsen, 
hinauf zu den Wolken, die in rotgoldigem Glanze 
erstrahlten. Am liebsten wäre sie hinaufgeeilt — der 
Sonne nach, hinein in die grenzenlose Unendlichkeit... 
Sie wandte sich um und blickte hinab in das Thal, 
wo der Abend seine Fittiche auszubreiten begann. 
Wieder erfasste sie dieses unerklärliche Sehnen . . . 
Sie konnte nicht länger an sich halten, kauerte mitten 
unter den Ziegen im Grase nieder und weinte leise 
vor sich hin . . . Und Hansel, ihr Genosse, erschrak 
nicht wenig, als er das Bärbel so weinen sah, kniete 
hin neben ihr, fragte und bat . . . Sie aber schüttelte 
das Köpfchen und fing gar zu schluchzen an . . . Er 
streichelte ihr die braunen Flechten, sie zuckte zu 
sammen und sah ihn so sonderbar an — dann lachte 
sie wie närrisch, und Hansel lachte mit aus vollem 
Halse, dann küsste er sie mitten auf den kleinen 
roten Mund . . . Erschrocken warf sie ihr Köpfchen 
zurück, sprang auf, über und über rot, fing von 
neuem zu weinen an und wies Hansel heftig zurück, 
als er sich um sie bemühen wollte. — Was wohl 
dem Bärbel heut sein mochte — so hatte er sie 
noch nie gesehen! Ob ihr der Kuss etwa weh that . . . 
Aber er hatte sie bis jetzt doch immer geküsst — 
rot war sie allerdings noch nie geworden. — — 
Er trieb die Ziegen zusammen und sie stiegen hin 
unter ins Thal. Weinen that das Bärbel nicht mehr, 
aber es sah ihn nicht an — als ob es sich vor ihm 
schämte — —. — — — — — — — 
Lange, lange konnte das Bärbel heute nicht ent 
schlafen ... es ging ihr so vieles durch den Sinn — 
und dazwischen immer wieder die grosse Sehnsucht... 
Es war ihr so unendlich wohl zu Mute, immer hätte 
sie so daliegen wollen in den weichen Kissen, die 
heut in ihr das Empfinden hervorriefen, als ob laue 
Wellen kosend ihre Glieder umspülten. — Mit grossen, 
leuchtenden Augen lag sie da . . . Ein süsses Ahnen 
ging durch ihre erwachende Mädchenseele, und manch: 
mal klopfte ihr Herz so heftig, dass sie beide Hände 
darauf pressen musste. Sie war so glücklich, so 
unsäglich glücklich . . . Immer weiter dachte sie, —■ 
woran, wusste sie selbst nicht — aber es war etwas 
ungemein Schönes, was ihre Seele beschäftigte. Zu 
dem Häuschen hin, wo Hansel wohnte, flogen ihre 
Gedanken. Ob er wohl auch an sie dachte? Ob er 
ihr zürnte, weil sie geweint hatte und so heftig zu 
ihm war? Wenn er sie jetzt nicht mehr küssen 
würde —• — —! Eine quälende Angst erfasste sie. 
Nein, er musste, musste sie wieder küssen . . . 
Wenn es doch erst Morgen wäre und sie ihn wieder 
sähe . . .! Sie faltete die Hände zusammen und 
betete, betete für ihren Hansel — und dass er sie 
wieder küssen möchte — bis der Schlaf kam und 
sie in seine Arme nahm. — — — 
— 
Das Kostüm des Don Jüan. 
Von Karl Pauli. 
» iese Geschichte ist buchstäblich wahr und hat 
sich mit allen Einzelheiten genau so zugetragen, 
wie sie hier wiedergegeben. Es liegt mir daher 
ob, die Namen der darin vorkommenden Personen, 
den Ort der Begebenheit und die Zeit, in welcher 
sich die Episode ereignet, so zu verändern, dass 
niemand die wahren Mitwirkenden zu erraten im 
stande ist. Man thut das stets bei .wahren Ge 
schichten, um die Hineinverwickelten nicht zu kom 
promittieren, während man erfundene Erzählungen 
so verfasst, das sie ganz gut auf diese oder jene 
bekannte Persönlichkeit oder. Familie passen und 
gedeutet werden können. Warum man dies thut, 
weiss ich nicht, vielleicht aus dem, dem Menschen 
angeborenen Widerspruchsgeist. 
Dies wenigstens ist mir die natürlichste Er 
klärung, und deshalb mir speziell, weil ich es bis 
her genau ebenso gemacht habe und zwar völlig 
unbewusst. Es ist also eine Regung des Gefühls, 
nicht des Verstandes, welches alle Schreibenden zu 
dieser Handlung veranlasst, die deshalb ihre Ent 
schuldigung in sich selbst trägt. 
Im übrigen ist es meist ein vergebliches Be 
mühen; selten gelingt es, erfundene Geschichten 
einer Person aufzuhalsen, noch weniger aber, wahre 
Ereignisse so wiederzugeben, dass man nicht sofort 
wüsste, um was es sich handelt. 
Nun zu unserer Erzählung. 
Der Held derselben ist Herr Camillo Alberti 1 
Das ist die erste Unwahrheit, denn eigentlich hiess 
Herr Camillo Alberti, Albert Erbübel; man konnte 
es aber Herrn Erbübel weiter nicht übel nehmen, 
wenn er sich Alberti nannte, denn Herr Erbübel- 
Alberti war nämlich — — nun was konnte der 
Mann wohl sein, wenn sein Stand ihn zwang oder 
veranlasste, seinen Namen, seinen ehrlichen Namen, 
den er von seinen Eltern überkommen, zu ver 
leugnen und umzuändern? „Schauspieler?“ — bei 
nahe geraten! „Sänger!“ Richtig! 
Diese Namensänderung war wirklich beinahe not 
wendig, das Publikum, die Direktionen, ja ästhetische 
Rücksichten forderten es, oder aber gab es vielleicht 
einen harmonischen Eindruck, wenn man auf 
dem Theaterzettel lesen musste: Graf Almaviva, 
Albert Erbübel —? nein, das ging wirklich nicht, 
und dann, welches Stichblatt zu Witzen aller Art 
gab der Name den bösen Rezensenten. 
Deshalb änderte Albert Erbübel seinen Namen 
und nannte sich von dem Augenblick an, wo er 
sich entschlossen, sich ganz der Kunst in die Arme 
zu werfen, Camillo Alberti. Beim Theater steht 
das Wählen eines anderen Namens noch heute jedem 
frei, ja, es war früher sogar ein ausnahmslos be 
folgter Brauch, genau wie beim Militär, bei welchem 
früher ein nom de guerre auch unerlässlich erschien. 
Bei letzterem hat der Brauch längst aufgehört, 
weil das Heer längst ganz ehrlich geworden, beim 
Theater ist er so ziemlich aus der Mode gekommen, 
erstens, weil der Künstler auch schon beinahe zu 
den „Ehrlichen“ gezählt wird, und zweitens, weil 
die hochtönenden Namen, die sich die Künstler ge 
wöhnlich beizulegen pflegten, heute keine Gültigkeit 
mehr haben, weder bei den Kollegen, noch dem 
Publikum, noch der Presse. Nur wer heute 
Temperaturwechsel, Schinkenbein oder Fleischfresser 
heisst, ändert seinen Namen. Der Name Erbübel 
berechtigt zu gleichem Handeln und deshalb ver 
tauschte Erbübel seinen hässlichen Namen mit dem 
wohlklingenderen Camillo Alberti. 
Ich habe bereits erwähnt, dass Camillo Sänger 
war, was er sang, war noch zweifelhaft; er be 
hauptete Tenor,, andere sagten Bariton, manche 
meinten beides, und viele, weder das- eine noch 
das andere! Zuletzt, was liegt daran, er fand 
ebensogut wie jeder Künstler Freunde und Feinde, 
Neider und Gönner — ja, er hatte sogar, und das 
beweist wenigstens, dass er, wenn er schon keine 
Stimme besessen hätte, wenigstens Glück hatte, er 
hatte nämlich einen Mäcen gefunden. 
Dieser Mäcen wohnte — ja, da stehe ich, dis 
kret will ich sein und — na, Berlin ist ja gross 
und die Thiergartenstrasse lang, eigentlich dürfte 
ich es doch nicht sagen und will es auch nicht, er 
wohnte also in der Anhaltstrasse. 
Dieser Mäcen war ein sehr reicher Mann, 
welcher Viermalhunderttausend Töchter und drei 
Mark jährliches Einkommen hatte — nein, pardon, 
der drei Töchter und Viermalhunderttausend Mark 
jährliches Einkommen hatte und ausserdem ein 
warmes Herz für die Kunst besass. Deshalb öffnete 
er manchem Künstler die Pforten des Tempels der 
Kunst und begleitete ihn treulich mit seinem Inter 
esse, seinem Rat und seinem Gelde auf dem dor 
nigen Wege zum Ruhm; und wie er es mit jedem 
seiner Schützlinge gethan, so that er es auch mit 
Camillo Alberti, er sowohl wie seine drei Töchter. 
Deshalb war die Freude im Hause des Mannes 
nicht gering, als Camillo eines Tages die Nachricht 
sandte, dass er demnächst am — nein, das Theater 
kann ich unmöglich nennen, da würde man sofort 
wissen, um. wen und was es sich handelt — sagen
        
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