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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

ihnen da bei dem besten Willen nicht helfen. 
Aber die Unteroffiziere wussten sich auch zu 
helfen; als sie entlassen waren, riefen sie die Leute 
ihres Beritts zusammen und hielten ihnen eine Rede, 
die auf ein Haar der Rede glich, die die Herren 
Rittmeister ihren Herren Leutnants gehalten hatten. 
Nur der Schlusssatz war etwas energischer und 
drastischer und lautete: ,,Und das sage ich Euch, 
wenn mir eine Klage darüber zu Ohren kommt, 
dass Ihr an Excellenz eine Meldung überbringt und 
dabei die gewisse höfliche Form ausser acht lasst, 
dann sage ich weiter nichts, als: ich gratuliere Euch, 
und dann könnt Ihr Euch auch selbst gratulieren.‘‘ 
„Mögen die Husaren sehen, wie sie das Kunst 
stück fertig bringen“, dachten die Unteroffiziere, 
„wir selbst können ihnen da auch nicht helfen“. 
Und also vorbereitet zog das Regiment ins 
Manöver: da keiner genau wusste, was er von seinem 
Untergebenen verlangte, hatte man von einer Be 
sichtigung der geforderten höflichen Form Abstand 
genommen: der Oberst verliess sich darauf, dass 
seine Rittmeister die Sache schon gemacht haben 
würden, die Rittmeister verliessen sich auf ihre 
Leutnants, und die Leutnants waren felsenfest da 
von überzeugt, dass die Unteroffiziere die Sache zum 
mindesten eben so gut, wenn nicht noch besser ge 
macht hätten als sie selbst. So verliess sich einer 
auf den anderen und jeder Husar verliess sich fest 
darauf, dass nicht er selbst, sondern irgend ein 
Kamerad mit einer Meldung zu Sr. Excellenz ge 
schickt werden würde — mochte der Kamerad 
dann sehen, wie er das Kunststück fertig brächte, 
helfen konnte ihm da keiner. 
Und die Stunde schlug, da Seine Excellenz der 
Herr Divisionskommandeur persönlich die Leitung 
der Manöver übernahm •— zwar hatten nach 
seiner Ansicht ja auch die ersten 'Lage, in der ein 
Regiment gegen das andere manöveriert, ihren ge 
wissen Wert, aber doch auch nur einen gewissen: 
Ernst wurde es jetzt erst, als er selbst das Kommando 
übernahm, die Offiziere seiner Division um sich ver 
sammelt hatte und ihnen in längerer Rede ausein 
andersetzte, was er alles von ihnen in den bevor 
stehenden Manövertagen erwartete: wenig war es 
nicht, und viele sahen es mit Sicherheit voraus, 
dass es ihnen nicht gelingen würde, die Zufrieden 
heit des Vorgesetzten zu erringen. 
„Sehr begierig bin ich auf die Meldungen der 
Kavallerie und auf die Form, in der mir die Mel 
dungen überbracht werden“, schloss Seine Excellenz, 
„da bin ich wirklich begierig“. 
„Wir nicht minder,“ dachten die Herren der 
Kavallerie, „nur die Gewissheit haben wir, dass es 
ganz sicher ein Unglück giebt — wir sind nur be 
gierig, bei wem es einschlägt.“ 
Und alle schwuren sich, unter keinen Umstän 
den an die Adresse Sr. Excellenz eine Meldung ab 
zusenden, aber im Gegensatz zu den Vorgesetzten 
können die Untergebenen nicht immer ihrem Vor 
satz treu bleiben. 
„Herr Rittmeister“, redete im Laufe des Ge 
sprächs der Kommandeur des Husarenregimeuts den 
Chef der ersten Schwadron an, „schicken Sie sofort 
einen Meldereiter zu Sr. Excellenz und lassen Sie 
ihm melden, dass die feindliche Kavallerie sich so 
eben, nachdem sie unserer ansichtig geworden ist, 
in westlicher Richtung, anscheinend nach Adorf, 
zurückzieht“. 
Der Rittmeister hatte in diesem Augenblick nur 
den einen Wunsch, nicht geboren zu sein, trotzdem 
sagte er: „Zu Befehl, Herr Oberst“ und wandte 
sich dann ängstlich an seinen Wachtmeister: „Wen 
senden wir denn nur von den Kerls?“ fragte er. 
„Ein durchaus zuverlässiger, gewandter Mensch muss 
es schon sein.“ 
Der Wachtmeister liess einen raschen Blick über 
die Schwadron gleiten, dann winkte er sich einen 
Husaren herbei. „Der Meier wird es schon machen, 
Herr Rittmeister“. 
Und begleitet von den Segenswünschen der 
ganzen Schwadron ritt der Husar Meier von dannen, 
um nach einer guten Viertelstunde wieder zurück 
zukommen. 
„Nun, was sagte Excellenz?“ fragte der Ritt 
meister neugierig. „War Excellenz mit Ihnen zu 
frieden? Nun, so reden Sie doch, was sagte Excellenz, 
als Sie ihm die Meldung überbrachten?“ 
Der Husar Meier hätte sich am liebsten nach 
denklich mit seiner Lanze hinter den Ohren gekratzt, 
das ging ja aber nicht und so antwortete er denn 
schliesslich: „Excellenz sagte, Flxcellenz wollten noch 
mit dem Herrn Rittmeister Uber mich sprechen.“ 
Das klang wenig vertrauensvoll, zumal der Husar 
Meier ein sehr wenig erfreutes Gesicht machte —■ 
allzu freundlich schien er bei Excellenz nicht auf 
genommen worden zu sein. So bekam der Herr 
Rittmeister denn schon im voraus einen gewaltigen 
Schrecken, aber als er Sr. Excellenz einige Stunden 
später bei der Kritik gegenüberstand, rührte ihn 
beinahe der Schlag. 
„Herrrr“, fuhr ihn der Vorgesetzte an, „was 
denken Sie sich eigentlich dabei, mir einen solchen 
Meldereiter zu schicken? Kommt der Mensch auf 
mich zu und fragt: „Flabe ich die Ehre, Seine Excel 
lenz, den Herrn Divisionskommandeur, vor mir zu 
sehen?“ und als ich des Scherzes halber den Mann 
nicht gleich einsperre, sondern „Ja“, sage, fährt er 
fort: „Ich komme im Aufträge meines Herrn Ritt 
meisters, um Eure Excellenz zu melden, dass die 
feindliche Kavallerie —“ Ich habe nicht hingehört, 
was der Mann mir da für einen dreibändigen 
Roman über die feindliche Kavallerie erzählte — ich 
hatte an der Form der Meldung schon mehr als 
genug. Bitte, Herr Rittmeister, wollen Sie die 
grosse Güte und die unendliche Liebenswürdigkeit 
haben, mir zu sagen, was Sie sich dabei gedacht 
haben, als Sie mir diesen geistig anscheinend nicht 
ganz zurechnungsfähigen Jüngling sandten?“ 
„Garnichts“, hätte der Rittmeister am liebsten 
geantwortet, aber er schwieg sich aus und der Oberst 
erbarmte sich seiner: „Excellenz verzeihen — 
Excellenz haben befohlen, dass die Meldungen nicht 
allzu militärisch, sondern in einer gewissen höflichen 
Form überbracht werden und da hat der Husar es 
eben zu gut machen wollen und hat das Falsche 
getroffen. Vielleicht haben Eure Excellenz die Güte, 
mir bei dieser Gelegenheit zu sagen, welche höfliche 
Form Eure Excellenz in Zukunft bei der Abstattung 
von Meldungen wünschen, damit ich meine Leute 
in diesem. Sinne instruiere?“ 
Excellenz sah seinen Untergebenen wegen der 
unmilitärischen und unvorschriftsmässig langen Rede 
einen Augenblick starr an. Dann versank er in 
tiefes Nachdenken: so ganz klar war es ihm auch 
nicht, was er sich bei seinem Befehl im allgemeinen 
und bei der „gewissen höflichen Form“ im besonderen 
gedacht hatte — klar war ihm die Sache keineswegs. 
Und der Wahrheit die Ehre gebend, sprach 
Excellenz gelassen das grosse Wort: „Ja, meine 
Herren, wenn Sie es nicht wissen ich weiss 
es ganz gewiss nicht.“ 
Vom Fest der 
Kaiser Wilhelm-Stiftung. 
a jie Gräfin Bülow versteht es, nicht nur im 
Reichskanzlerpalais glänzende Feste zu arran 
gieren , sie weiss auch meisterhaft die grosse 
öeffentlichkeit durch gesellschaftlich-wohlthätige Ver 
anstaltungen zu überraschen. Das bewies das Fest 
der Kaiser Wilhelm-Stiftung, das am u. Januar in 
den Gesamträumen des vornehmen Theaters des 
Westens abgehalten wurde. Die erlesenste Gesell 
schaft — das diplomatische Korps, die hohe Beamten 
schaft, die Berliner Garnison, die Geburts- und 
Finanzaristokratie hatten ihre ersten Vertreter ent 
sandt — fand sich hier zusammen. Die erlesensten 
künstlerischen Genüsse wurden geboten: Ferdinand 
Bonn als Rezitator, Frau Erika Wedekind von der 
sächsischen Hofoper als berückende Liedersängerin, 
Desider Aranyi mit seinem schmelzenden Tenor, 
Frl. dell’Era und Frl. Kierschner mit ihren reizenden 
Tanzgebilden seien nur als einige der Glanzpunkte 
aus diesem trefflichen Programm hervorgehoben. 
Und wie viel Anziehendes boten noch sonst die licht 
durchfluteten Räume, wo sich die vornehmsten 
Damen der Gesellschaft, wir nennen nur Frau 
Excellenz v. Thielmann, Frau Excellenz Studt, Frl. 
v. Dirksen, Frl. v. Podbielski, Frau Ellen Siemens, 
in den Dienst der Wohlthätigkeit gestellt hatten!
        
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