Path:

Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

BERLINER LEBEN 
LAGER-KELLEREI 
Champagner ein Alter 
von wenigen Jahren 
nicht übersteigen dürfen 
ohne an Güte zu ver 
lieren und durch ihren 
starken Gehalt an Alko 
hol und Zucker ihre 
ursprüngliche Feinheit 
zumteil einzubüssen, da 
gewinnt der Schaum 
wein des Rheingaues 
mit seinem geringeren 
Alkoholgehalt, erst im 
Laufe der Jahre die 
ganze Fülle der in ihm 
verborgenen edlen 
Eigenschaften, da ent 
wickelt sich sein köst 
liches Bouquet, das die 
Spürkunst des Chemi 
kers nicht enträtseln kann, das uns wie ein poetischer 
Gruss aus lichten Bergeshöhen entgegenduftet. 
Aber ohne Fleiss kein Preis! Der keck überspru 
delnde, hochaulschäumende, so lustig im Glase perlende 
Sohn des Rheins verlangt eine 
sorgsame, zärtlich liebevolle Be 
handlung. Das zeigt uns auch 
deutlich ein Gang durch die 
Räume der grossen Rheingauer 
Schaumweinkellerei von Söhn 
lein & Co. in Schierstein. Wie 
peinlich müssen die Flaschen 
ausgewählt werden, in die man 
die lustigen Geister des prickeln 
den Rebensaftes bannen will. 
Es ist, als ob das an die Sonne 
auf den Hügeln gewöhnte Reben 
blut sich durchaus nicht der 
Stille des Kellers fügen wollte. 
Ganze Legionen von Flaschen 
werden auf ihre gleich massige 
Dicke und sonstige Wider 
standsfähigkeit geprüft. Sind 
sie für gut befunden, dann be- 
SCHIERSTEIN, IM RHEINGAU. 
SECT-KELLEREI 
Prinz Heinrich in Amerika 
Die Huldigung der deutschen Vereine am Abend des 26. Februar vor dein 
Hause des deutschen Männergesangvereins „Arion“ zu New-York 
ginnt ein ausserordentlich sorgfältiger Reinigungsprozess. Auch das 
winzigste Sonnenstäubchen muss aus der Flasche entfernt werden. 
So vorbereitet wandern sie in einen anderen Raum, um sich mit 
köstlichem Inhalt zu füllen. Teure Weine, aus den besten Trauben 
gekeltert, strömen in sie hinein. Mittelst sinnreich konstruierter 
Maschinen werden katalonische Korkstopfen von doppeltem Durch 
messer der Flaschenmündung, gewaltsam in den Hals gezwängt und 
der Kork auf einer weiteren Maschine durch eine eiserne Klammer an 
den Halsring der Flasche befestigt. 
Nachdem so die sogenannte „Tirage“ vollendet ist, beginnt der 
junge, in die Flaschen gebannte Wein seine Umwandlung in Schaum 
wein. Eine gleichmässige Temperatur von 22 bis 25 0 C., die während 
mehrerer Wochen auf ihn einwirkt, bringt ihn in Gährung. Bald steigt 
aus der Süsse der Bacchusgabe die Kohlensäure auf und mit ihr jene 
angenehm prickelnde, reizende Eigenschaft des Champagners, die 
Wonne des Gaumes, die Freude des Auges. Die Eiweissstoffe in dem 
süssen Traubensaft rufen diese Revolution hervor; sie werfen sich auf 
den Zucker und spalten ihn in Weingeist und in die luftige Kohlensäure. 
Da liegen in Hallen von mächtiger Grösse je 20—30000 Flaschen, 
in denen solch ein Gährungsprozess stattfindet. Nicht jede geht aus 
diesem Prozess siegreich hervor. Gleichwie so manches heitere Genie 
erst nach Ueberwindung schweren Lebensdruckes zur höheren freien 
Existenz sich rettet, so hat auch der lustige Champagner in seinen 
jungen Tagen schwere tragische Konflikte zu bestehen. Unter hartem 
Druck wird er geboren, und wenn er diesem erliegt, wenn die gebrech 
liche Hülle seines Geistes dem Konflikte nicht gewachsen ist, dann 
erfolgt die Katastrophe, der Flaschenbruch, das Damoklesschwert 
über dem Haupte des Fabrikanten. 
Einige Schritte weiter in diesen unterirdischen Gewölben, da 
erblicken wir in jedem der einzelnen Keller mehrere hunderttausend 
Flaschen. Wie verschieden ihr Aussehen! Flocken und Wolken haben 
sich in der Zeit der Gährung gebildet. Den trüben Satz muss der 
,,Rüttler“ durch fteissiges Rütteln von der eigentlichen Flüssigkeit 
trennen. Monatelang dauert diese „Rührung“.. Endlich ist die volle 
Klärung eingetreten. Die Flasche steigt zum Tageslicht empor. Hier 
beginnt ihre weitere Behandlung. Da ist der mit wunderbarer Q.e- 
schicklichkeit arbeitende „Entkorker“, der die trübe Hefe aus der 
Flasche entfernt, da ist der „Dosirer“', der dem in der Flasche ver 
bliebenen Schaumwein durch hinzufügen des „Likörs“, einer aus den 
edelsten, feinsten Weintrauben gewonnenen Flüssigkeit, die Weihe 
giebt. Nun kann die Verkorkung vor sich gehen. 
Jetzt sind die Geister des Rheins gebannt, das funkelnde 
„Rheingold“, das im Glase so wunderbar aufperlt, tritt seinen Sieges- 
,,Einst in lustgeweihter Stunde gab, wie 
die Geschichte weiss, 
„Rheingold“, schaumentstiegenes, 
schlürfend Kaiser Wilhelm den Beweis : 
Deutschem Wein gebührt der Preis! 
lauf durch die Welt an. 
Nicht nur des Menschen 
Herz erfreut es, auch 
der Steven deutscher 
Kriegsschiffe labt sich, 
bevor er zum ersten 
male die salzige Flut 
berührt, an des „Rhein- 
gold“ perlendem Nass. 
Die schaumgeborenen 
Rheintöchter stellen 
sich stolz und ihres 
inneren Wertes bewusst 
neben die Kinder der 
französischen Cham- 
pagne.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.