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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

BERLINER LEBEN 
Dem Rheingauer Wein 
zu Schutz und Trutz. 
Der deutsche Rhein — unser Stolz und unsere 
Augenweide! Wo auf dem ganzen Erdenrund 
gäbe es auch malerische Schönheiten, liebreizende 
Idyllen, wie der Rhein und seine rebenbekränzten 
Ufer sie uns bieten, wo gäbe es einen zweiten 
Strom, der sich, was Verkehrsausdehnung und 
geschichtliche Vergangenheit anbetrifft, mit dem 
Rhein messen könnte. Ja, es giebt nur einen 
Rhein und auf ihn blickt als auf sein wohlbehütetes 
Eigentum der Deutsche dankbaren Herzens. Un 
vergleichlich viel des Schönen und Gesegneten 
bietet uns der Rheingau, die Perle des Mittelrheins 
genannt. Das sind wahrlich gottgesegnete Gefilde, 
in denen biedere, treuherzige und lebensfrohe 
Menschen wohnen, wenngleich sie gross geworden 
in Arbeit und Sorge. Seit Jahrhunderten hat 
hier die emsig pflegende Hand des Winzers eine 
streng geregelte Kultur der Rebe entwickelt und 
durch Anpflanzung der besten Rebsorte: „des 
Rieslings“ die hervorragende Güte des Weines zu 
fördern gesucht. Unbestreitbar ist, dass den Rhein 
gauer Weinen, was ausserordentliche Mannigfaltig 
keit des Gehaltes, Feinheit des Geschmacks und 
Bouquets anbelangt, unter allen Weinen die Krone 
zuerkannt werden muss. Einen Hauptvorzug, des 
Rheingauer Weins finden wir in seiner belebenden 
und erquickenden Wirkung, obwohl kräftig, ist 
er doch zugleich von ausserordentlicher Milde, er 
erhitzt nicht und betäubt nicht, und giebt deshalb 
bei seinen vorgenannten, vom hygienischen Stand 
punkt aus ganz unschätzbaren guten Eigenschaften, 
ein treffliches Stärkungs- und Kräftigungsmittel 
für Kranke und Rekonvaleszenten ab. Insbesondere 
bedeutet sein Säuregehalt einen gesundheitlichen 
Hauptfaktor, er ist das erfrischende Element, das die 
Thätigkeit des menschlichen Verdauungsapparates 
in ganz ausserordentlichem Masse anregt und ohne 
den der Rheingauer Wein einer seiner allerbesten Charaktereigenschaften bar wäre. 
Leider wird gerade dieser Eigenschaft aber von Seite der Konsumenten noch zu 
wenig Beachtung geschenkt. Die Kunst der Fälschung hat mit grossem Erfolg 
den Geschmack der Konsumenten für naturreinen Wein entfremdet. Und nicht 
blos das; die gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts in wahrhaft beängsti 
gendem Masse überhandgenommenen Weinfälschungen haben die wirtschaftliche 
Existenz der Winzer schwer geschädigt und mehr beeinflusst, als die elementaren 
Feinde wie: Frost, Sauerwurm, Heuwurm u. s. w. So wurden einesteils dem 
weinkonsumierenden Publikum alle möglichen „Weinfabrikate“ unter der Be 
zeichnung hervorragender Marken: „Rüdesheimer“, „Rauenthaler“ u. s. w. vor 
gesetzt, während andererseits wieder sonstige, sicherlich gute und empfehlenswerte 
Marken des Rheingaus völlig ignoriert wurden und unbekannt blieben. Ganz natur- 
gemäss mussten derartige verwerfliche Manipulationen die Rentabilität des Wein 
baus selbst in mittleren und guten Jahren gefährden, umsomehr man die Kunst 
mischungen zu unverhältnismässig billigen Preisen vertrieb. 
„Sein oder nicht sein“ wurde zu einer überaus wichtigen Frage für den 
im Rheingau vorherrschenden mittleren und kleineren Grundbesitz. Aber auch 
hier sollte sich ein Schild finden, der vor der drohenden Gefahr aufgerichtet 
werden konnte. Die deutsche Losung: „Einer für Alle, Alle für Einen“ kam 
auch hier und zwar in der Einführung der Winzervereine zur Geltung. 
Wir finden heute im Rheingau keine weinbautreibende Gemeinde mehr, 
die nicht einen Winzerverein aufzuweisen hätte. Das in diesen, auf Raifl'eisenschem 
Organisations-System aufgebauten Winzervereinen herrschende Prinzip der 
Interessengemeinschaft ist ein derart ausgeprägtes, dass das einem jeweiligen Ver 
eine angehörige Einzelmitglied geradezu „enteignet“ erscheint und von keinerlei 
Sonderinteressen sich beeinflussen lässt. Wohl bleibt das Einzelmitglied 
selbstredend Besitzer von Grund und Boden, ebenso bleibt der Einzel 
besitzer in seinem Entschlüsse, ob es Mitglied sein oder bleiben will, 
absolut unabhängig, hat er aber einmal freiwillig die Erklärung seiner 
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Mitgliedschaft abgegeben, so ist er aber auch sozusagen Angehöriger eines 
„sozialen Staates im Kleinen“ geworden, dessen Gesetzen er sich präzise 
unterzuordnen hat. So bestehen z. B. genaueste gemeinsame Vorschriften 
bezüglich Anlage, Auswahl, Zucht und Schnitt der Rebe, über Düngung und 
Bau, ferner über Beginn des herbstlichen Traubenschnitts, über Anliefe 
rung der Trauben, Kelterung und Einlagerung des Weines u. s. w. Der 
Gesamtbesitz der einzelnen Mitglieder ist in bestimmte Qualitätsklassen je 
nach Lage und Traubensorte eingeteilt. Die Winzervereinsmitglieder be 
geben sich des Rechtes, ihre Trauben selbst zu keltern, sie bringen den 
gesamten unzerkleinerten Traubenschnitt vom Weinberge direkt zur Ge 
nossenschaftskellerei, wo sowohl die Kelterung als auch die Keller 
behandlung von Seite des im Ehrenamt thätigen Vorstandes peinlichst 
kontrolliert wird. Aus dem strikten Einhalten aller in Betracht kommenden 
Vereins-Vorschriften resultiert einerseits ganz naturgemäss die Naturreinheit 
und unbestreitbarste Originalität der Weine, andererseits findet das an- 
erkennenswerte Bestreben, Qualitätsweine von be 
sonders hervorragenden Marken einzulegen, eine 
wohlbeachtenswerte Föderung. Um nun aber auch 
bezüglich des Absatzes mit der so zweckmässig ge 
regelten genossenschaftlichen Produktion gleichen 
Schritt zu halten, hat sich hinwiederum auf ge 
nossenschaftlicher Basis die Central - Verkaufs- 
Genossen schaft Rh eingauer Winzerverein e 
zu Eltville a. Rh. organisiert, welche die Aufgabe 
hat, die gesamte Produktion der ihr als Mitglieder 
angeschlossenen Winzervereine zu vertreiben. 
Man findet in den einzelnen Ortskellern, 
sowie in der ausgedehnten Centralkellerei, wovon 
wir einige Abbildungen bringen, reichhaltige Lager 
der verschiedenen Jahrgänge und Q ualitäten von 
den kleinsten bis zu den renommiertesten Marken 
des Rheingaus, für deren Entwickelung zu einem 
marktkräftigen und gesuchten Produkt von ge 
diegener Reife zweckmässige Fürsorge getroffen ist. 
In dieser trefflichen Organisation ist auch nicht 
der kleinste Umstand ausser Acht gelassen, aus 
dem Vorteile für die wirtschaftliche Hebung des 
Rheingauer Winzerstandes erwachsen. So leuchtet 
dem Rheingauer Winzer eine neue, glückver- 
heissende Morgenröte, und die Zeit wird wieder 
kehren, wo dieser so vielseitig bedrohte Winzer 
stand mit mehr Zuversicht sich des Lohnes seiner 
Arbeit erfreuen darf, wo wieder rebenbekränzte 
Winzer und Winzerinnen die Berge herabsteigen 
und dankbaren Herzens einstimmen in den Lob- 
und Dankgesang: 
Lasst weithin schallen nun ein fröhlich Singen - 
Ein Feierabendlied nach Sorg’ und Müh’n, — : 
Ein Loblied sei’s, dem Rhein soll es erklingen 
Und seinen Reben, die stets neu uns blüh’n! 
Doch Eines, Brüder, Ein’s sei nicht vergessen : 
Ein Dankgebet, soll’s unserm Gott auch sein 
Dafür, dass er die Gnad’ uns zugemessen, 
Dass deutscher Wein uns blinkt am deutschen 
Rhein.
        
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