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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

BERLINER LEBEN 
Unmittelbar an den 
lieblichen Anlagen des 
Kochbrunnens ist das 
Bötel Rose 
(Besitzer H. Haeffner) 
gelegen, und aus den 
Fenstern des modernen 
Prachtbaues, der sich mit 
seiner feingegliederten 
Sandsteinfassade im Stile 
von Versailles bis zur 
schönen Taunusstrasse 
hinauf erstreckt, blickt 
man über Türme und Dächer hin auf die grünen Wald- und Rebenhänge 
des würdigen Neroberges. Was, abgesehen von der komfortablen Eleganz dieses 
altberühmten Badehotels, dessen ältere, feingemütliche Stammhäuser als Dependancen 
noch daneben bestehen, es besonders empfiehlt, ist die überaus günstige Lage eben 
in der unmittelbaren Nähe des Kochbrunnens, der Wiesbadens heilkräftigster Quell 
ist. Von diesem strömen die Thermen in eigenen Leitungen direkt in die Wannen 
des wunderbar schönen Badehauses der „Rose“, das durch einen Personenaufzug 
mit allen Stockwerken des Hotels verbunden ist. Und die Gäste, welche die Trink 
kur gebrauchen, haben nur nötig aus dem Portal zu treten, um beim Frühkonzert 
der berühmten Kurkapelle ihren Brunnen einzunehmen. Natürlich ist die „Rose“ 
mit allen neuzeitlichen Bequemlichkeiten ausgestattet. Ganz aus Stein und Eisen 
erbaut und durchweg heizbar, birgt das Hotel 150 höchst elegant eingerichtete Schlaf 
zimmer und Salons, sowie abgeschlossene Wohnungen. Bei längerem Aufenthalt, der 
durch das Vorhandensein von Lese-, Konservations- und Musikzimmer, sowie einer 
herrlich luftigen Marmorhalle zur höchsten Annehmlichkeit wird, werden die vorteil 
haftesten Arrangements gewährt. 
Die schönste Zierde eines jeden Gartens 
ist unstreitig die Silberblautanne (Picea pungens argentea), die sich schon längst der 
besonderen Gunst aller Gartenfreunde erfreut. Diese Bevorzugung vor anderen 
Koniferen ist jedoch eine vollauf berechtigte und durch ihre hervorragenden Eigen 
schaften, wie schöner Wuchs, schöne blaue Färbung, und Widerstandsfähigkeit gegen 
Frost, wohlbegründete. Durch ihre wunderbare, hellsilberblaue Färbung, die besonders 
nach Vollendung des jungen Triebes (ca. Mitte Mai—Juni) zur vollen Geltung gelangt, 
eignet sie sich in der Landschaftsgärtnerei vorzüglich zur Herstellung von Kon 
trasten. Frei auf dem Rasen stehend oder zu kleinen lockeren Gruppen vereinigt, 
ruft sie eine grossartige Wirkung hervor. — Die Silberblautanne stammt aus den 
höheren Regionen Nordamerikas, sodass sie nicht nur widerstandsfähig gegen unsere 
kältesten Winter ist, sondern auch noch in viel kälteren Ländern, wie z. B. in 
Russland, vorzüglich gedeiht, was die Anpflanzungen in Riga, Moskau, Petersburg 
etc. zur Genüge beweisen. Die Firma A. Weber & Co., Gartenbau, Wiesbaden, 
welcher auf der Grossen Allgem. Deutschen Gartenbau-Ausstellung in Mainz 1901 
für die hervorragendste Gesamtleistung der Ehrenpreis seiner Majestät des 
deutschen Kaisers zuerkannt wurde, befasst sich bereits seit Jahrzehnten eingehend 
mit der Spezialkultur dieser Silberblautannen und sind von derselben schön geformte 
Exemplare in allen Grössen zu beziehen; dieselben verpflanzen sich sehr leicht (sehr 
selten stirbt eine Pflanze beim Verpflanzen) und können daher jedermann bestens 
zur Anpflanzung empfohlen werden. Die beste Verpflanzzeit ist März—Mai und 
August—September. 
Condiforei und Cafe Kaiserbad 
Inh.: Earl Berges. 
Was die weltbekannte Triumphstrasse „Unter den Linden“ für Berlin, das ist 
die Wilhelmstrasse für das moderne Wiesbaden. Hier flutet sein vornehmstes Leben 
— hier fühlt man dessen Pulsschlag stärker als sonst wo. Bei schönem Wetter 
ist die Avenue Wilhelmstrasse der Gorso für tout Wiesbaden oder richtiger für tout 
le monde! Denn aus allen ihren Teilen sendet ja die Welt ihre Vertreter zu der 
heilkräftigen Quelle am Fusse des Taunus. Unter dem lachenden Himmel prä 
sentiert sich da eine elegante Musterkarte der Völker Europas und jener von jenseits 
des grossen Wassers, und es lohnt sich in der That, sie Revue passieren zu 
lassen. — Ach, wie viel Schönheit giebts doch auf der Welt, und ach! — wie fern 
sind doch die Sterne! Ist man des Flanierens und des Bewunderns müde, dann 
sucht man eines der Cafes auf, die sich jetzt dort aufgethan haben, oder besser 
noch — man tritt in eine der beliebtesten Konditoreien ein und nimmt eine Tasse 
Chocolade. Bei Berges zum Beispiel, einem vorzüglichen Condittore, im Hause 
„Kaiserbad“. Da ist’s ganz wie bei Kranzier! Das Rendez-vous der schönen 
Welt. Ein Plätzchen ist in den weiten, eleganten Räumen bald gefunden und man 
labt sich an all den Köstlichkeiten, die dieser das Leben versüssende Künstler so un 
vergleichlich schmackhaft herzustellen versteht. Der subtilste Geschmack kommt da 
auf seine Rechnung — jede Nation und jedes Natiönchen findet seinen Lieblings 
trunk und seine heimischen Leckerbissen. Dabei waltet die rundliche Hebe mit 
den lachenden Augen so flink und graziös ihres Amtes, balanciert in mäandrischen 
Windungen so sicher mit dem schwer beladenen Servierbrett zwischen Tischen und 
Stühlen hindurch, dass man mit ruhigem Lächeln ihr zusieht und sich geduldig 
sagt: „warte nur, warte nur — balde schlürfst auch du“! Wenn du irgendwo als 
stiller Beobachter aus der Ecke deinen Witz üben willst oder gar von Amtswegen Stoff 
zu Novellen und beginnenden Romanen suchst, dann verbringe nur ein Stündchen 
hinter den Spiegelscheiben dieses prächtigen Buen retiro. Du gehst fröhlicher nach 
Hause, als du gekommen bist.
        
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