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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

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2)er höfliche Meldereiter. 
Von 
Freiherr von Schlicht. 
(Nachdruck verboten.) 
« jer Kommandeur des Husaren-Regiments Fianz 
Heinrich las nun wohl schon zum sechsten 
• c(VjcP Mal das umfangreiche Schreiben, das am 
frühen Morgen vom General-Kommando eingelaufen 
war. Das Aktenstück enthielt lauter Bemerkungen 
für die bevorstehenden Herbstmanöver und da 
Seine Excellenz mit aller Bestimmtheit darauf rech 
nete, dass es den Herren Regimentskommandeuren 
noch möglich sein würde, alle seine Wünsche zu 
erfüllen, so war deren Stimmung nicht allzu rosig, 
denn die Wünsche der Vorgesetzten stehen meist 
in direktem Widerspruch mit denen der Unter 
gebenen und man muss sehr häufig, um die Höheren 
zu erfreuen, alle Anordnungen, die man schon ge 
troffen hat, über den Haufen werfen. Und das ist 
nicht nur sehr unangenehm, sondern auch sehr 
schwierig. 
Das galt besonders von einem Passus des um 
fangreichen Aktenstückes, den der Herr Oberst immer 
und immer wieder las und der bei ihm ein so 
energisches Schütteln des Kopfes veranlasste, dass 
das Feuer seiner brennenden Cigarre, die er im 
Mund hielt, einem Irrlicht glich, das bald hier, bald 
dort leuchtet. 
„Wäre Excellenz nicht Excellenz, und wäre 
Excellenz nicht mein Vorgesetzter“, sagte er schliess 
lich zu seinem Adjutanten, mit dem er zusammen 
auf dem Bureau sass, „dann möchte ich wohl be 
haupten, dass Excellenz sich das, was er über das 
Meldewesen hier schreibt, nicht ganz richtig über 
legt hat, zum mindesten drückt er sich sehr unklar 
aus. Excellenz schreibt hier wörtlich: „„Wie ich es 
schon bei dem letzten Manöver in meiner Schluss 
kritik sagte und wie ich es in dem Rundschreiben 
nach Schluss der Manöver den mir unterstellten 
Truppenteilen mitteilte, hat das Meldewesen mich 
im vorigen Jahr in keiner Weise befriedigt und auch 
nicht befriedigen können. Ueber den Wert der 
Meldungen brauche ich heute ja nicht viel Worte 
zu machen, denn ich glaube es bereits zu wieder 
holten Malen klar gesagt zu haben, dass der Führer 
nur dann disponieren und nur dann seine Truppen 
richtig ansetzen kann, wenn er durch zahlreiche und 
genaue Meldungen über die Aufstellung der feindlichen 
Truppen unterrichtet ist. In dieser Hinsicht erfüllte 
die Kavallerie im vorigen Jahr absolut nicht die 
Erwartungen, die ich an sie stellen musste. Nicht 
nur, dass die Meldungen sehr häufig ganz ausblieben 
auch das Wenige, was gemeldet wurde, Hess 
sehr viel zu wünschen übrig. Vor allen Dingen 
aber erwarte ich auch, dass in diesem Jahr mir die 
Meldungen in einer anderen Art und Weise über 
bracht werden wie im vorigen Jahr. Ich wünsche 
es nicht wieder zu sehen, dass die Meldereiter mich 
beinahe umreiten und mir die Meldekarten, ohne ein 
Wort dabei zu sagen, mit einer kurzen, energischen 
Bewegung hinreichen, gleichsam, als wollten sie mich 
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mit der Hand stossen; diese Boxerbewegungen, wenn 
ich mich so ausdrücken soll, verbitte ich mir auf 
das energischste. Gewiss soll der Verkehr des 
.Untergebenen mit dem Vorgesetzten streng mili 
tärisch sein, aber er lässt sich doch in eine gewisse 
(höfliche Form hineinbringen und gerade die wünsche 
ich in diesem Jahre anzutreffen.““ 
Die Cigarre des Herrn Oberst flog wieder wie 
ein Feuerball in der Luft herum. 
„Was denkt Excellenz sich nur dabei?“ fragte 
er seinen Adjutanten. „Ich habe mit aller Strenge 
darauf gehalten, dass die Meldereiter, wenn sie eine 
Meldung abstatten oder überbringen, sich so mili 
tärisch, wie nur irgend möglich benehmen, den Mund 
halten, eine tadellose Haltung annehmen und den 
Vorgesetzten mit grossen, offenen Augen frei an- 
sehen. Nun genügt das plötzlich nicht mehr: nun 
soll eine gewisse höfliche Form gewahrt werden! 
Wenn Excellenz wenigstens die Güte gehabt hätten, 
sich darüber zu äussern, was er unter dieser höflichen 
Form versteht und wie er sich dieselbe denkt, dann 
wollte ich sie meinen Leuten schon beibringen, darauf 
könnte Excellenz sämtliche Eide der Welt schwören; 
denn um dem Tadel eines Vorgesetzten zu entgehen, 
thut ein Untergebener, der seinen Dienst liebt und 
der es weiter bringen will, alles, und er bringt seinen 
Untergebenen Sachen bei, die er früher selbst nicht 
für möglich gehalten hat. Nun sagen Sie auch mal 
einen Ton; wie denken Sie sich die höflliche Form?“ 
Der Adjutant fühlte sich durch die Frage des 
Vorgesetzten und durch das Vertrauen auf sein 
Wissen, das aus diesen Worten sprach, zwar sehr 
geehrt, — aber das war auch alles. Eine ver 
ständige Antwort vermochte auch er nicht zu geben. 
Aber während die indirekten Fragen das Gute haben, 
dass man sie mit Stillschweigen übergehen kann, 
gehört auf eine direkte Frage, zumal wenn sie aus 
dem Munde eines Vorgesetzten kommt, immer auch 
eine Antwort — schweigt man auch dann, so 
ist das entweder ein Zeichen von Widersetzlich 
keit oder von geistiger Beschränktheit, und in dieser 
Beleuchtung zeigt sich der Untergebene nicht gern 
dem Höheren. Sagen musste der Adjutant also 
irgend etwas und so meinte er denn schliesslich: 
„Vielleicht will Excellenz, dass die Meldereiter ihm 
die Meldekarten mit einer geringen Verbeugung über 
reichen oder dass sie während des Sprechens ein 
freundliches Gesicht machen.“ 
Der Oberst sah seinen Adjutanten, der seine 
Sache sehr gut gemacht zu haben glaubte, mit 
grossen, starren Augen an. „Sagen Sie mal,“ fragte 
er endlich, „haben Sie gestern Abend sehr lange 
im Kasino gesessen? Was Sie mir da erzählen, 
scheint mir eine Kateridee zu sein, oder wollten Sie 
mich etwa uzen? Soll ich meinen Husaren vielleicht 
vor dem Manöver noch Tanz- und Anstandsunterricht 
geben lassen und sollen die Jungen da noch erst 
lernen, mit einer sogenannten eleganten Verbeugung 
bei der unter Hundert wenigstens Neunundneunzig 
mit einem Bein hinten ausschlagen, einer Tänzerin 
einen Blumenstrauss zu überreichen, und sollen meine 
Husaren dann das, was sie in der Anstandsstunde 
lernten, praktisch im Manövergelände verwerten? 
Excellenz müsste nicht Excellenz, sondern wie Sie 
ein ganz junger Oberleutnant sein, wenn er allen 
Ernstes so etwas verlangen oder auch nur denken 
sollte.“ 
Der Herr Oberst schwieg und der Adjutant 
machte ein sehr wenig intelligentes Gesicht 1 Der 
letzte Hieb sass und zwar derartig, dass es ihm 
nicht einmal schmeichelte, mit Excellenz in einem 
Atem genannt worden zu sein. 
Der Kommandeur versank in tiefes Nachdenken, 
seinen Adjutanten fragte er garnicht mehr um Rat, 
dabei kam, wie es sich eben erst gezeigt hatte, doch 
nichts Gescheidtes heraus, so grübelte er denn allein 
weiter und zerbrach sich den Kopf darüber, in 
welcher Form Excellenz denn die Meldungen über 
bracht haben wollte; aber auch bei seinem Nach 
denken kam nicht allzu viel heraus, eigentlich garnichts. 
Aber so ganz umsonst zerbricht sich ein Vor 
gesetzter denn doch nicht den Kopf, das zeigte sich 
auch hier wieder: „Halt, ich habs,“ rief er endlich, 
„Ich lese heute Mittag den Herren Rittmeistern das 
Schreiben Sr. Excellenz vor und sage dann zu ihnen: 
„Meine Herren, Excellenz drückt sich so klar und 
deutlich aus und die gewisse höfliche Form, die 
Excellenz zu sehen wünscht, ist so selbstverständlich, 
dass ich über die Form selbst ja kein weiteres Wort 
zu verlieren brauche.“ — So werde ich zu den 
Herren sprechen und sie mögen dann selbst sehen, 
wie sie das Kunststück fertig bringen — ich vermag 
ihnen beim besten Willen nicht zu helfen.“ 
Die Herren machten am Mittag, als der Kom 
mandeur zu ihnen gesprochen und sich dann schneller, 
als es sonst seine Art war, von ihnen verabschiedet 
hatte, ein sehr langes Gesicht und sahen sich mit 
grossen Augen verwundert an. Was verstand der 
Oberst unter der gewissen höflichen Form? Dass 
Excellenz nicht über den Haufen geritten werden 
wollte, war ja selbstverständlich — deshalb hatten 
sie auch ihren Husaren auf das strengste einge 
schärft, schon fünf Schritt von dem Vorgesetzten 
vom Pferd zu springen und den alten Friedrich 
Wilhelm am Zügel zu nehmen. Es war ja ein 
Leichtes, die fünf Schritt in sieben oder acht um 
zuändern, aber damit war auch dann Schluss der 
Vorstellung — mehr gab es nicht. 
„Das einfachste ist,“ dachten die Rittmeister 
endlich, „wir schärfen unseren Leutnants ein, mit 
aller Strenge darauf zu halten, dass die Leute ihres 
Zuges die Meldungen in einer gewissen höflichen 
Form überbringen — mögen sie dann selbst Zusehen, 
wie sie das Kunststück fertig bringen, wir können 
ihnen da beim besten Willen nicht helfen.“ 
Am nächsten Vormittag machten die Herren 
Leutnants, als ihnen die Herren Rittmeister bei dem 
Exerzieren eine lange Rede gehalten hatten, sehr 
lange Gesichter und sahen sich mit grossen, starren 
Augen gegenseitig sehr verwundert an. Sie hatten 
keine Ahnung, wie Excellenz sich die Sache dachte. 
Aber auch ein Leutnant weiss sich zu helfen: 
als die Zugführer entlassen waren, riefen sie ihre 
Unteroffiziere zusammen und hielten denen eine 
Rede, deren Inhalt auf ein Haar dem glich, was der 
Herr Oberst zu seinen Rittmeistern gesprochen hatte. 
Mochten die Unteroffiziere sehen, wie sie das 
Kunststück fertig brachten sie selbst konnten
        
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