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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

BERLINER LEBEN 
£in historisches Fenster. 
Wenn man in Wiesbaden die Wilhelmstrasse ent 
lang wandert, diesen unvergleichlichen Promenaden 
weg, auf dem das moderne Leben in einer farben 
reichen Fülle an uns vorüberfiutet, wie kaum anders 
wo, fällt uns in der Reihe stattlicher Hotels, welche 
die Strassenfront begrenzen, ein einfacher aber 
geschmackvollerBau auf,das Parkhotel,das mit dem 
Hotel Bristol zu einem Ganzen durch den jetzigen 
Besitzer, Herrn Adolf Neuendorff, verbunden 
ist. Es ist dies keine jener modernen Karawan 
sereien, die mit ihrem unruhigen Treiben und dem 
Glanze allermodernster Ausstattung die rechte Ge 
mütlichkeit verscheucht haben; der schöne Garten, 
der bis zur evangelischen Kirche als imposantem 
Hintergrund sich erstreckt, die geschmackvolle Be 
haglichkeit der Innenräume, alles hat den Reiz 
vornehmer Einfachheit. Aber gerade dies hat 
seit manchen Jahren schon das Hotel zum Absteige 
quartier fast aller Fürstlichkeiten gemacht, die so 
oft die schöne Bäderstadt besuchen und dort gerade 
in der Loslösung von den Fesseln des drückenden 
Ceremoniells wahrhaft Erholung fanden. Seit 1882 
schon hat der Nestor der europäischen Fürsten 
familien und ,, Grossvater Europas 1 *, König 
Christian IX. von Dänemark, der von seinem 
Volke ebenso hoch geehrt und geliebt wird, wie von 
allen, die seine herzliche Güte kennen, alljährlich hier 
geweilt, früher auch von seiner nun dahingeschiedenen 
Gemahlin begleitet. Nicht ganz so regelmässig und 
doch fast jedes Jahr gehörte der Sohn des greisen 
Herrschers, König Georg von Griechenland, 
zu den Besuchern des Hauses, und augenblicklich 
hat. Grossfürstin Alexandra von Russland schon 
den ganzen Winter in den Räumen des ersten Stocks 
ihr Heim aufgeschlagen. Da hat sich nun ein 
schöner Brauch allmählich eingebürgert. Auf einem 
Balkonfenster, das den Blick auf den wundervollen 
Kurpark gestattet, haben die fürstlichen Gäste mit 
Diamantstift ihre Namen selbst eingezeichnet. So 
vereinigt diese Scheibe eine Fülle von Schriftzügen 
erlauchter Persönlichkeiten, darunter die ersten 
Europas, denn auch die, welche die Gäste des Hauses 
besuchten, sind dem Brauche gefolgt. Da sehen 
wirvor allem die kraftvollen Schriftzüge von Deutsch 
lands kaiserlichem Herrn, auch seine hohe 
Gemahlin und die hochselige Kaiserin Friedrich 
fehlen nicht. Prinz Albrecht von Preussen und 
Prinzessin Margarete von Hessen, die Schwester 
unseres Kaisers, repräsentieren weiter das Hohen- 
zollerngeschlecht. 
Besonders zahlreich sind die Mitglieder des 
russischen Herrscherhauses vertreten. Neben dem 
Zaren selbst, Nicolaus II, finden wir die Kaiserin 
Alexandra, die Grossfürstinnen Alexan dra Jose- 
phowna und Jelissaweta, die Grossfürsten 
Sergei und Gavriel, König Christian IX von 
Dänemark nebst Georgios, dem Könige der 
Hellenen, und Prinz Nikolaus von Griechen 
land folgen. Erzherzog Eugen von O e sterreich 
repräsentiert das alte Erzhaus. Viele deutsche 
Fürsten und Fürstinnen schliessen sich an, so die 
verstorbenen Grossherzoge von Sach sen-Wei mar 
Wie viel denkwürdige Scenen, vielleicht von 
historischer Bedeutung, in den Räumen des Hotels 
bei solchen fürstlichen Besuchen sich abspielten, 
das mag die Phantasie des Beschauers sich selbst 
ausmalen; der Besitzer des Hotels ist schweigsam 
wie das Grab und weiss allen Anfragen neu 
gieriger Gemüter gegenüber die strengste und 
hier absolut notwendige Diskretion zu wahren. 
Wiesbadener ßötelpaläste. 
Wenn Wiesbaden heute unbestritten der mo 
derne Badeort par excellence in Deutschland ist, 
so entfällt wohl der vornehmste Teil des Verdienstes 
daran auf seine weltberühmte Quelle —den „Koch 
brunnen“. Auch Lage und Umgebung haben durch 
ihre reizvolle Schönheit das Ihrige gethan, um es 
alljährlich zu einem Mekka für viele tausend 
Menschen zu schaffen. Undankbar aber wäre es, 
zu verkennen, dass der Ruf seiner berühmten 
Aerzte — der weite Blick einer vorzüglichen Ver 
waltung — das kluge Verständnis seiner Einwohner 
für die Bedürfnisse einer fortgeschrittenen Zeit 
mit ihren wachsenden Ansprüchen an eine ver 
feinerte Lebensführung — gleichfalls kräftig dazu 
beigetragen haben, den Glanz seines Namens zu er 
höhen. Ein zielbewusst geleiteter Erwerbssinn hat. 
da unter weiser Ausnutzung des Gegebenen Vieles 
geschaffen, was den Aufenthalt in diesem Bade so 
angenehm macht. Wer einsam sein will, den 
führen prächtig gebahnte Wege in schattige stille 
Thäler und auf die waldigen, fernblickenden Flöhen 
des Taunus — und wer das Getriebe der Menschen, 
das Leben der Grossstadt vorzieht, der findet am 
Kochbrunnen und in der herrlichen Platanen-Allee 
der Wilhelmsstrasse einen Korso so bunt und inter 
essant wie kaum sonst irgendwo in der Welt. 
Stundenlang kann man da in den Parkanlagen des 
Kurhauses, des imposanten Theaters — im Anblick 
herrlicher Auslagen der Geschäfte und im Studium 
einer internationalen hin- und herwogenden 
eleganten Menschenmenge Zerstreuung finden. 
Künstlerkonzerte und vollendete Theatervor 
stellungengeben jedem Tage einen schönen Schluss, 
und die Zeit vergeht im Fluge. Und — last not 
least — nicht nur für das geistige Behagen — auch 
für die materiellen Ansprüche unseres sterblichen 
Teiles ist ganz ausnehmend gute Fürsorge überall 
getroffen! Dem Verdienste der Wiesbadener 
Hoteliers — alle Ehre! — Hier giebt es Hotel- 
Dynastien ! Familien, in denen Gross- und Urgross- 
väter bereits ihre Kräfte in den Dienst der Auf 
nahme und Bewix-tung der hungernden, durstenden 
und leidenden Menschheit gestellt haben. Was 
und Oldenburg, der Herzog von Sachsen-Altenburg mit weiland 
Gemahlin und Prinzessin Therese, Prinz Friedrich Karl von 
Hessen und die regierende Fürstin Marie Anna von Schaumburg- 
Lippe, Prinzessin Mary von Hannover, Herzogin Wera von- 
Württemberg, Prinz Max von Baden. Wahrlich, eine stattliche 
Liste, und sie ist nicht abgeschlossen, noch ist Platz für manche 
Gäste auf der Scheibe, die der glückliche Besitzer aufs sorglichste 
vor frevelhaften Händen schützt. 
hat sich alles unter ihren Dächern im Laufe der 
Jahrhunderte zusammengefunden?! Wie viel 
Menschenleid und Freud hat sich da abgespielt, ja, 
wie viel Geschichte, wie viel politische Ereignisse 
haben sich da abgewickelt?! Und die Besitzer dieser 
altberühmten Häuser haben es wirklich verstanden, 
wie wirkliche Lebenskünstler ihrer Aufgabe gerecht 
zu werden. Wir greifen aus den vielen guten 
Häusern nur einige der berühmtesten heraus.
        
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