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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

BERLINER LEBEN. 
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Christoph Willibald Ritter von Gluck. 
■ u Weidenwang bei Neumarkt in der Oberpfalz ist der Reformator der dramatischen 
Musik geboren, am 2. Juli 1714, eines Försters Kind. Als fahrender Mu 
sikant zog der Jüngling in Böhmen auf den 
Dörfern umher, bis Fürst Lobkowitz, des 
Vaters Gutsherr, ihm eine gründliche mu 
sikalische Ausbildung ermöglichte. Zwar 
hat er in solcher Schule nie jene souveräne 
Beherrschung aller musikalischen Technik 
sich angeeignet, wie sie die gelehrte Musik 
jener Tage erforderte, aber dieser Mangel 
gerade liess ihn später um so energischer 
das eigentliche Wesen der dramatischen 
Musik betonen. Lange hat der Künstler 
dem Modegeschmack seines Zeitalters ge 
dient und italienische Virtuosenopern ge 
schrieben, traditionell in den Stoffen wie 
in der musikalischen, noch ganz forma 
listischen Behandlung. Unterdessen kam 
er weit in der Welt umher, in London 
traf er mit Händel zusammen, in Paris 
mit Rameau, in Hamburg, Dresden, Kopen 
hagen, vor allem in Wien weilte er längere 
Zeit, bis er endlich, fast fünfzig Jahre alt, 
den ,,Orpheus“ schrieb, das erste Werk 
der neuen dramatisch-musikalischen Kunst, 
das an Stelle eines Arienbündels mit un 
endlichen Virtuoseneffekten, jener durch 
und durch verlogenen ,,opera veria“ eine 
sinngemässe Handlung voll Einfachheit und 
Keuschheit durch eine ganz diesem dra 
matischen Inhalt entsprechende, einzig der 
Wahrheit des Ausdrucks dienende Musik 
ausdeutete. Noch aber war hier die Um 
gestaltung der italienischen Oper nicht 
vollkommen vollzogen, noch das wahrhaft dramatische Leben nicht ganz gewonnen. 
Einen grossen Fortschritt bedeutete so die ,,/Uceste“ (1776), bei der, wie im Orpheus, 
der italienische Dichter Calzabigi die grossen Intentionen des Musikers durch 
seine Textdichtung verständnisvoll unterstützte. In dem Vorworte aber zu dieser 
Oper sprach sich mit ewig denkwürdigen 
Worten Gluck selbst über die Bedeutung 
seiner Reform aus: „Ich suchte die Musik 
zu ihrer wahren Bestimmung zurückzu 
führen, die darin besteht, die Poesie zu 
unterstützen und den Ausdruck der Leiden 
schaften, sowie das Interesse der Situa 
tionen mehr zu verstärken, ohne die Hand 
lung zu unterbrechen und sie durch über 
flüssige Verzierungen zu schwächen.“ Und 
wenn auch die Oper „Paris und Helena“ 
einen Rückschritt bedeutet in ihrer musi 
kalischen Armut, so feierte doch der 
Künstler mit seiner „Iphigenie in Aulis“ 
1777 zu Paris den verdienten Triumph 
reifer Meisterschaft. Kein Geringerer als 
Richard Wagner hat durch seine wunder 
volle Bühnenbearbeitung das Werk für 
unsere Zeit erneuert. Es folgen die Opern 
„Armide“, deren Wiederauferstehung jetzt 
in den Wiesbadener Festspielen bevor 
steht, und „Iphigenie in Tauris“. Am 
15. November 17-87 schloss der Meister, 
von der ganzen Welt betrauert, die Augen. 
Der grosse Streit zwischen der italieni 
schen und der Gluckschen Oper, der so 
viele Federn in Bewegung gesetzt, war 
entschieden, und ein Jahrhundert später 
konnte Richard Wagner den ganzen mäch 
tigen Strom der symphonischen Musik, 
die Beethoven geschaffen, der Oper dienst 
bar machen und nun erst an Stelle der 
zahlreichen kleinen Formen Glucks die einheitliche grosse Form des deutschen Musik 
dramas setzen.
        
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