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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

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BERLINER LEBEN 
dem Heros aller Taugenichtse, dem feigen, lügen 
haften und lüsternen, im Wohlleben ergrauten und 
doch an guter Laune und witzigen Einfällen so 
reichen Spitzbuben das prächtige Bäuchlein ge 
tätschelt, die Narrenkappe über die Ohren gestülpt 
und den Lorbeerkranz der Unsterblichkeit auf den 
kahlen Sünderschädel gedrückt“, so sagt Joseph 
Lau ff treffend im diesjährigen Festbuche, und auch 
in Nicolais Weisen bleibt der feiste Ritter von gleicher 
humoristischer Kraft. Auch dieses Werk ist schon 
im vorigen Jahre neu bearbeitet worden als Zeitbild 
von köstlicher Frische und Unmittelbarkeit. In der 
Musik galt es diesmal nur die ursprüngliche Form 
der Oper an einigen Stellen wieder mehr zur 
Geltung zu bringen; so ist das klangschöne, wenn 
auch nicht bedeutende Schlussterzett wieder 
hergestellt. Die Prochschen Rezitative sind 
zugleich heilsam verkürzt. Dafür aber bringt 
dann alles Szenische den Stimmungscharak 
ter des Werkes das eigentümliche histo 
rische und Lokalkolorit zurhöchsten Geltung. 
Aufs Strengste wurde der Zeitcharakter in 
den Kostümen durchgeführt, nicht um hier 
pedantisch mit gelehrten Studien zu prunken, 
sondern weil gerade in diesen Frachten aus 
dem 15. Jahrhundert, jener „kostümlichen 
Wildnis“ ein eigenartiger, barock-phan 
tastischer Humor sich offenbart, der hier 
durch die Kunst des vortrefflichen Ober 
inspektors L. Raupp zu buntem Leben er 
weckt wurde. Einen Begriff Von diesen 
seltsamen Trachten mag das Bild dieses 
Heftes geben. Und ebenso bieten die De 
korationen das treueste Konterfei des Städt 
chens Windsor mit seinem alten Schlosse. 
C. M. v. Webers „Oberon“, der 
vor zwei Jahren zum ersten Male in der 
neuen „Wiesbadener Bearbeitung“ glanzvoll 
seine Auferstehung feierte und seitdem 
immer wieder von den Hörern angestaunt 
wurde, fehlt auch dieses Jahr nicht. Wie 
Viele, denen am Klavier das ganze Wunder 
reich Avulans in der Phantasie sich erschloss, 
durch Oberons Zauberhorn geweckt, die 
nach Webers Tönen eine Welt von Schön 
heit sich erträumten, hat in früheren Zeiten 
die Aufführung des herrlichen Werkes aus 
allen Himmeln gerissen; erst jetzt ist das 
erstrebt und wohl auch erreicht, was Weber selbst 
gethan hätte, wäre ihm nicht allzu früh die Feder aus 
der Hand gesunken. Es war eine geniale Idee Herrn 
von Hülsens, zur Verbindung der einzelnen Musik 
stücke das Melodrama zu benutzen, das die musika 
lische Stimmung festhält und doch nicht wie das Rezi 
tativ die Handlung zu sehr verzögert. Die Worte zu 
diesen Stellen, die erst einen sinnvollen Zusammenhang 
hersteilen, hat Joseph Lauff gefunden, sie sind von 
höchstem poetischem Reize, die Musik schrieb Joseph 
Schlar, indem er nur die eigenen Motive Webers be 
nutzte und diese leitmotivisch, aber doch fast immer 
im Style jener Zeit verarbeitete. Die szenische Aus 
stattung des Werkes ist bekanntlich das Grösste, 
was in dieser Hinsicht je geschah, eine Wunderwelt 
von Märchenpracht ist hier geschaffen, und doch 
nur das, was der ganze Stoff gebieterisch verlangte. 
Die Aufführung von Aubers graziöser Oper 
„Der schwarze Domino“ (geschrieben 1837) 
bringt auch die leichte Spieloper zu Ehren, die früher 
eine Zeit lang vielleicht zu sehr unterschätzt wurde. 
Jetzt erkennen wir eher auch in diesen prickelnden 
Tanzrythmen des französischen Meisters des Esprit 
eine feinsinnige Charakterisierungskunst und er 
freuen uns an dem schützenden Texte Scribes. Dies 
mal wird vor allem das Lokalkolorit in Kostümen 
und Dekorationen sorgfältig gewahrt werden. 
Ein wundervoller Stoff, der den modernen Hörer 
unwillkürlich an die grossen seelischen Konflikte in 
Tristan und Parsifal erinnert, ist in dem Q_uinault- 
schen Texte, den Gluck seiner Oper „Armide“ 
Dekoration aus „Der schwarze Domino“. 
zu Grunde legte, mit allen Konvenienzen und Ausser- 
lichkeiten des französischen Theatergeschmacks ver 
quickt, und noch Niemand hat bis jetzt vermocht, 
die Musik des Meisters von solchen Fesseln zu er 
lösen, das Drama in seiner mächtigen Einfachheit 
aus jenen zopfigen Zuthaten herauszuheben. Jetzt 
erst hat Georg von Hülsen diese rettende That 
vollbracht. Sein neuer Text entfernt mit grosser 
Kühnheit alles, was den grossen Zug der inneren 
Handlung aufhält, die zahllosen Reden der Freun 
dinnen, die mythologischen Anspielungen, die vielen 
Ballets sind beseitigt, der vierte Akt mit seinen 
albernen Wundergeschichten fiel ganz weg, vor allem 
aber ist alles was blieb, überall veredelt und ver 
innerlicht, und von einer Sprache getragen, deren 
Schwung nichts mehr mit all den gezwungenen 
Opernphrasen der alten Übersetzung zu tliun hat. 
So bildet schon die Lektüre dieser Verdichtung, die 
streng mit der Musik Glucks harmoniert, einen vollen 
Genuss. Wie der Bearbeiter aber die Handlung ge 
staltete, hat er selbst unübertrefflich im diesjährigen 
Festbuche dargelegt. 
Statt der ursprünglichen, immer wieder sich 
zersplitternden Handlung ist jetzt alles in 9 gewal 
tigen szenischen Bildern zusammengedrängt, deren 
letztes mit tief tragischem Schlussakkord ausklingt: 
„Meine Sonne versank im Meer Im Tode mir 
allein grüsst Vergessen und Friede, Die heilige Liebe 
starb — stirb auch Du denn Armide“. So wird 
die Zauberpracht zur Wüstenei, und zu Häupten 
der entseelten Armide steht in schweigender Ein 
samkeit die Furie des Hasses . . . Ein 
Stück, das einen Stuck oder Klinger zur bild 
nerischen Ausbeutung veranlassen könnte. 
Joseph Schlar musste so auch seiner 
seits in der Musik vieles beseitigen, aber 
doch ging nichts von wertvollen musikali 
schen Motiven ganz verloren, die Themen 
wurden benutzt, um die einzelnen Bilder zu 
verbinden und so auch der Musik etwas von 
jener inneren Einheit zu verleihen, die wir 
heutzutage nicht mehr entbehren können. 
Wie die eminente Schwierigkeit überwunden 
wurde, ohne gelehrtes Archaisieren sich in 
den einfachen Stil des alten Meisters zu 
rückzuversetzen, das werden die Auffüh 
rungen zeigen. Jedenfalls aber wird die 
Musik, auch wenn sie für unser Empfinden 
mit ihrer klassischen Formenstrenge nicht 
immer den romantischen Grundton des 
Werkes festhalten kann, in dieser Konzen 
tration ungleich mächtiger wirken als früher. 
Von der intensiven Stimmungsmacht 
der Dekorationen, die durch Oberinspektor 
Schick mit vollstem künstlerischen Ver 
ständnis zusammengestellt wurden, geben 
unsere Abbildungen Zeugnis. Ebenso sieht 
hier der Leser, wie L. Raupp in den 
Kostümen die historische Gründlichkeit 
mit der freikombinierenden farbenfrohen 
Phantasie vereinte. 
Ein spezielles Interesse knüpft sich 
noch an dieses Kunstwerk. Glucks,,Armide“ 
war einst Festoper bei der Vermählung 
unseres Kaiserpaares. Mit besonderer Teilnahme 
wird so der hohe Herr durch diese Neuschöpfung 
an einen bedeutungsvollen Augenblick seines Lebens 
sich erinnern lassen. 
Zum Schlüsse möchten wir noch den Leser, 
der dieses Heft durchblättert, daran erinnern, dass 
von den Künstlern der Wiesbadener Hofbühne eben 
nur die im Bilde wiedergegeben wurden, die in 
diesem Jahre mitwirken; so fehlen manche tüchtigen 
Kräfte, besonders Hofkapellmeister Prof.Mannstädt, 
der in den früheren Jahren das Orchester mehrfach 
so umsichtig leitete. ]£_ p m 
Sämtliche Dckorations- und Kostümbildcr sind vom 
Hofphotographen J. Jacob, Wiesbaden, angefertigt.
        
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