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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

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deutschen Leben heimisch. Freilich der Glanz der Höfe 
wurde dann durch das Anheben eines demokratischen Zeit 
alters mit seinen Volksfesten und politischen Kämpfen für 
eine Weile verdunkelt. — — 
Inzwischen ward Berlin zur Hauptstadt des neuen deutschen 
Reiches. Kaiser Wilhelm I aber war in den einfachen Ge 
wohnheiten des sparsamen väterlichen Haushaltes alt geworden. 
Wenn es zu seiner Zeit dennoch glänzende Hoffeste gab, die 
gelegentlich die farbige Pracht der Renaissance wieder 
zauberten, dann waren sie der lreisinnigen Unternehmung des 
Kronprinzen und seiner kunstliebenden Gemahlin zuzuschreiben. 
Das ist denn auch die Blütezeit der grossen berliner Künstler 
kostümfeste gewesen. Jener Sinn, jene Freude an historischem 
Festglanz hat sich auf unseren jetzigen Kaiser von seinen 
Eltern übertragen, und es ist noch wohl erinnerlich, wie er 
gleich im Anfang seiner Regierungszeit den einförmigen Ball 
festen im Schlosse durch die Wiederbelebung alter Prunk- 
ceremonien und Etikettengrazie, der Fackeltänze, Menuette 
und Gavotten die reizvollste Abwechselung verlieh. Das letzte 
solcher Feste war vor fünf Jahren jenes schöne im Stile 
des Empire oder sagen wir: Luisenzeit. Seitdem hat mit 
fast unerbittlicher Regelmässigkeit die Hoftrauer lange Pausen 
vorgeschrieben. Unvergesslich für jeden, der dabei war, ist 
auch das intime Kostümfest gewesen, das der Kaiser dem 
Altmeister Menzel, dem Maler der fridericianischen Zeit an 
historischer Stätte, im Parke von Sans-souci gab. Hierin, 
wie ein Künstler von seinem König geehrt ward, zeigt sich 
vor allem die vorgeschrittene Auffassung des modernen 
Monarchen, der Gelehrten und Schauspielern, Schriftstellern 
und Künstlern seine impulsive, ganz weltmenschliche Floch- 
schätzung erweist. Ein starkes Beispiel für einen durch 
gebildeten Natinalstolz ist damit gegeben, wie er sonst nur 
den Franzosen nachzurühmen war, die jedes grosse Talent 
als ein Stück vaterländischen Ruhmes hoch halten. 
Und sonach darf es nicht mehr wunder nehmen, wenn 
die Klüfte und Risse, die es zwischen den verschiedenen 
Standes- und Berufsgruppen der grossstädtischen Welt immer 
noch gab, sich jetzt schnell überbrücken. Von Unduldsam 
keit und Dünkelsinn spürt man heute mehr nur in subalter 
neren als in den höheren Kreisen. Bei den Empfängen im 
Palais des Reichskanzlers Grafen BUlow findet sich die „ge 
mischteste“ Gesellschaft zusammen. 
— Mit hochfliegenden Gedanken für eine grosszügige 
Reform der Geselligkeit Berlins trägt sich die rastlose Phantasie 
des Künstlers Gustav Eberlein. In einer Akropolis, die er an 
der Stelle, wo jetzt Kroll steht, errichtet wissen will, solle 
die gesamte metropolitische Geistigkeit, Künstlerschaft und 
Eleganz zusammenströmen und in festlichem Getümmel sich 
ausleben. Ein Gedanke, schwer auszudenken. Schönste 
Wirklichkeit sind aber die Feste, die der Künstler und seine 
Gemahlin, eine geborene Gräfin Hertzberg, in den Hallen ihres 
Hauses zu geben verstehen. Von einem letzten dieser feste 
rühren die nebenstehenden Bilder her. F. 
MM- 
UNER LEBEN 
i. Kammerherr v. Rosenberg, 2. Gräfin Dolly zu Limburg-Stirum, 3. Prof. Gustav Eberlein, 4. Gräfin Betliusy-Huc, 
5. Exc. Generallt. z. D. Freiherr von Dincklage-Campe, 6. Hofopernsängerin Helene Licban-Globig. 
1. Graf Pilati, 2. Gräfin Vera v. Li nburg-Stirum, 3. Lotti v. Zobeltitz, 4. Baron v. Maltzahn, 5. Melitta v. Herigojen, 
6. Komponist v. Woikowsky-Biedau, 7. Graf Ewald v. Hertzberg, 8. Freifrau v. Carnap. 
Originalaufnahmen vom llofphot. Erich Sellin, Berlin.
        
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