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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

BERLINER LEBEN 
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Berliner Geselligkeit. 
■ )er beste Reiz des grossstädtischen Lebens ist die weit- 
1 herzige, alle Gegensätze umfassende Geselligkeit. Aber 
wie lange ist es her, dass in der Residenz der preussischen 
Könige ein solcher Zusammenschluss heterogener Kreise 
einmal möglich ward! Man soll nur im Geschichtswerk Heinrich 
von Treitschkes nachlesen, um sich zu unterrichten, wie 
wenige Jahrzehnte erst zurückliegen, dass Gelehrte und Künstler 
und überhaupt beliebige Weltmenschen nicht sowohl im 
berliner Stadtschlosse als in den höfischen Zirkeln sich gesell 
schaftlicher Berechtigungen erfreuten. Wohl verstand Friedrich 
Wilhelm III die Talente der Kunst und Wissenschaft an der 
rechten Stelle zu verwenden; jedoch sie in regem geselligen 
Verkehr um sich zu versammeln, widersprach seinen an 
spruchslosen Gewohnheiten. Von Zeit zu Zeit — so lesen 
wir bei Treitschke — entschloss sich der König auch, der 
gesammten Berliner Gesellschaft ein Schauspiel königlicher 
Pracht zu geben, wobei Schinkel, Spontini und der Maler 
W. Hensel ihre ganze Kunst aufbieten mussten. Zwei dieser 
Feste, die beiden Märchenspiele „Lalla Rookh“ und „Die 
weisse Rose“ erlangten einen europäischen Ruf, und das Fest 
der weissen Rose verdiente in der That, durch den Pinsel 
des jungen Adolf Menzel verherrlicht zu werden. Von 
Tausenden ehrfürchtiger Zuschauer bewundert, ritten die 
königlichen Prinzen in goldenem Aarhelm und schimmernder 
Rüstung Karussel, um ihrer Schwester Gharlotte, der weissen 
Rose, ritterlich zu huldigen. Doch solche Tage, da der Hof 
aus seinem Stillleben heraustrat, erschienen nur selten. Auch 
andere Stätten grossstädtischer Geselligkeit besass Berlin nur 
wenige. Fast allein in den reichen Häusern Mendelssohn 
und Meyerbeer fanden geistreiche Menschen verschiedener 
Gesinnung noch einen neutralen Boden für ungezwungenen 
Verkehr. Sonst bestanden überall nur kleine Parteien und 
Kränzchen. Da war es ein Wendepunkt in unserer Bildung, 
als im Jahre 1827 Alexander Humboldt nach Berlin zurück 
kehrte, um nach dem Wunsche des Königs in freier Müsse 
an seinem heimischen Hofe zu leben. Verwöhnt durch die 
leichte Anmut der Pariser Salons wollte er sich in die Grob 
heit, in die dürftige Enge der Heimat lange nicht finden 
und seufzte noch nach Jahren: „Berlin, ick hev di dick en 
satt, du bist en blivst en Barenstadt.“ Aber er lenkte die 
Blicke des Königs auf alles Neue und Lebendige, was sich 
in Kunst und Wissenschaft regte, und als damals ein Kongress 
der Naturforscher nach Berlin ausgeschrieben wurde, nahm 
ihn Humboldt unter den Mantel seines grossen Namens. Wie 
staunten die Berliner, als bei dem grossen Bankett die könig 
lichen Prinzen sich unter die Professoren mischten und 
Demagogenrichter mit Verschwörern Arm in Arm zur Tafel 
schritten; der König selber sah nur schüchtern aus seiner 
Loge auf das ungewohnte 'Treiben hernieder. So wurde der 
gute Ton grossstädtischer Duldsamkeit in dem zerfahrenen 
1. Graf zur Lippe-Biesterfcld, 2. Afrikaforscher Schillings, 3. Frau Professor Ebcrlein, geb. Gräfin v. Hertzberg, 4. Geigenvirtuosin 
Irene v. Brennerberg, 5. Hofopernsänger Julius Licban, 6. Exc. Frhr. v. Cramm-Burgdorf, braunschweigischer Gesandter.
        
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