Path:

Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

,,Ohne von Nelly Abschied genommen zu haben? 
Nein, niemals!“ 
Miss Clever bat und flehte. Nelly sei ja noch 
wahrhaftig ein Kind, — sie würde sich bald zu 
trösten wissen, wenn ein anderes Spielzeug ihr gefiele. 
Ich wollte, ich konnte nicht nachgeben, denn 
mir sass der süsse Fratz eben ganz gewaltig im 
Herzen; endlich einigten wir uns dahin, dass ich 
Nelly alles mitteilen, — dann abzureisen und das 
nächste Jahr als „promovirter Dr.“ um ihre Hand 
in aller Form bei der Obervormundschaft anhalten 
würde. 
Ich kam mir dabei wie ein übergossener Pudel 
vor, den man mit einem Schlage aus einem warmen 
Stillleben in einen rauhen Herbsttag hinausgestossen 
hatte; und plötzlich fielen mir des Dichters Worte: 
„Weiter soll sich nicht ins Land Lieb von Liebe 
wagen, als sich blühend in der Hand lässt die Rose 
tragen“, schwer auf mein Gemüt. Nicht um meinet- 
nein um Nellys willen bangte es mir. Mein Em 
pfinden, das fühlte ich, würde Raum und Zeiten 
überdauern, aber sie — die verwöhnte — umworbene 
— bewunderte und last not least, reiche Erbin, 
würde sie in dem,abwechselungsreichen und farben 
prächtigen Leben, das sie umrauschte, im stände 
sein, das Bild eines Menschen festzuhalten, der nur 
wie — ja ich möchte fast sagen — nur wie eine 
Episodenfigur auf die Bühne ihres Daseins getreten 
— sie momentan erfreuend und zerstreuend — um 
sofort von der Bildfläche zu verschwinden? 
„O Lausanne, Du altersgraue, ehrwürdige Stadt, 
Dich werde ich sehen, wenn ich an ^ie 1, denke — 
von Dir werde ich träumen, wenn meine Phantasie 
mir immer wieder und wieder Nelly’s reizumflossenes 
Bildchen vor die Seele zaubert — Du bist die Folie 
zu dem Pastellbildchen, das meine Seele in mein 
Herz gezeichnet.“ 
So schrieb ich an jenem Abend in mein Tagebuch. 
Die Stunde der Entscheidung nahte: Nelly, tau 
frisch wie ein holder Maienmorgen, kam mir lächelnd 
entgegen. Die Sonne spielte in ihren goldenen Locken, 
sonniges Leuchten sprach aus ihren Augen — und 
als ich so vor ihr stand und ihr patschiges Händ 
chen mit leichtem Drucke in meinen Händen fühlte 
- da nannte ich mich im Stillen einen Dummkopf, 
wenn ich diesem lachenden Frühling zu entfliehen 
vermöchte. 
Fast schüchtern rückte ich mit meinem Bekennt 
nis allmählich heraus — die Wirkung war eine über 
raschende — Nelly lachte wie toll. — Dass ich noch 
ein „Student“ sei, das fand sie gar zu drollig. Sie 
konnte dies mit meinem mächtigen Bart und meinem 
sonstigen Aussehen gar nicht in Einklang bringen.. 
Ich stand verdutzt und sprachlos vor ihr. Solch 
eine Wirkung hatte ich doch nicht vorausgesehen. 
Ich verstand sie eben nicht. 
Wie hatte doch Miss Clever gesagt: Nelly wäre 
noch ein Kind, das sich bald zu trösten wüsste, 
wenn ein anderes Spielzeug ihr gefiele. 
Nun ja, der „Nicolo“ hatte plötzlich seinen Bart 
verloren, der ihm Würde und Ansehen gab, nun 
kam das Puppengesicht zum Vorschein — das er 
regte ihre Lachlust. 
Ein schlechtes Spiel, das die Kinder nicht freut. 
Und ich hatte es so ernst genommen. Bald darauf 
reiste ich ab. •— 
Eine Konsequenz hatte ich jedoch aus diesem 
kleinen Intermezzo gezogen. 
Der Ernst und hiermit auch die Freude am 
geistigen Schaffen ward plötzlich aus der Beschämung 
und Reue, die ich damals in Lausanne empfand — 
als mich Nelly, das Kind — verspottete, in meinem 
Innern erwacht und emporgeblüht. 
fl- •■••• 
fl» 
Das nächste Jahr umarmte Papa seinen „promo- 
virten Dr.“ und Mütterchen weinte Freudenthränen. 
Denn im Innersten ihres Herzens hatte sie doch ein 
bisschen Angst gehabt; sie kannte ja „ihren Jungen“, 
jetzt aber blickte sie mit Stolz auf ihn; er hatte 
doch Wort gehalten. Erst später hat sie es erfahren, 
dass an der ganzen Wandlung von allem Anfang an 
doch nur „ein Paar Stiefelchen“ die Schuld getragen. 
Dies wollte ich Ihnen erzählen, Gnädigste, um 
gleichzeitig die Berechtigung meines Fatalismus zu 
legitimieren. 
Zufall, nichts als Zufall — erwiderte ich bos 
haft — und er drohte lachend. „Was sich liebt, 
das neckt sich.“ — 
Bas fünfte liafjr, „Berlinm - Xeli.cn,“ 
Beginnt, rate ein|i ben frtfdjen .3ilng, 
.ltlnb reutj an HDort unb Bilbern geben 
Bas Befte mir in buntem .Bug. 
Bier italjte fjabeu mir gehalten, 
M>as Xiummer (Eins herein]! uerfgradj 
Muh neu ftnb mir nnb beul; bie XUten 
In unfern Blättern taufenbfaetj. 
3?er Beiif;sl;aupf]tabf fieraegte ^eenen, 
3f;r Xaefjen nnb il;r I|er;e.leib, 
jfl;r Strubel, ilubel, HDrinen, Belgien, 
3l;r Sommer- uub ifjc iSBiuterklcib, 
Bes 'Baifees fmu|tbegei|tcrt üufjaffeu, 
UBar unfer freifjes Jtugenmrrlt; 
Bes Bieters IBert, bes Bilbners 1B affen, 
ine fjalfeu uns beim Sägewerk. 
Bub tjag nnb Bacljf uub Baus uub Straßen 
ine futbeu uns ;um IBerk bereit 
Bub was im Singe mir erfajfen, 
Bier (tefjf es, Bilb au Bilb gereift. 
Jünb befte Buuff nnb gute IDnrte 
Bie bleiben fürber nufer Biel 
Bub feien frei; an jebern Bete, 
Bafjcint uub fern, willkommen uiel! 
„Berliner Befreit“! Bimmermübc, 
IBcift frifefjes Hegen, Blatt um Blatt 
Mnb preifi im Bilbe uub im Hiebe 
Bes freuffrljeit Bai fers frljönfle Btabt! 
Ofnt|Uui Häger.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.