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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Rede zu stehen, hätte hier eine Schule sonder 
gleichen. Man kennt Damen, die mit einem 
Dutzend Bekannten zu gleicher Zeit ohne besondere 
Schwierigkeit sprechen, ist einer der Zuhörenden 
vielleicht schwerhörig, so überschreit die gefällige 
Sprecherin selbst das störende Fortissimo einer kom- 
pleten Militairmusik. 
Der Zoologische Garten weckt längst verklun 
gene Erinnerungen an die goldene Jugendzeit. 
Sobald die alten Bäume grün werden, pilgert die 
Tierkarawane mit ihrer frölichen Kinderlast ihre 
gewohnten Wege. Eine Jungfrau schmiegt sich an 
den Arm ihrer steinalten Mutter und fragt sie, ob 
man ihr als Kind auch erlaubt'hätte, ein Kamel 
zu besteigen; wie alt muss die Fragende gewesen 
sein dass ihr die Erinnerung an diese Begebenheit 
entschwand, andererseits ist das Gedächtnis der 
Jungfrau ein ganz vortreffliches. 
Vor dem Musikpavillons ist für das klassisch 
musikalisch gebildete . Publicum ein mehrreihiges 
Parkett ausserordentlich bequemer Gartenfauteuils 
aufgestellt. Hier schläft man behaglich im Schatten 
und verdaut eventuellen Ärger oder Hummerma- 
jonnaise, vorausgesetzt dass man rücksichtsvolle 
Nachbarn zur Seite hat. Andernfalls wird einem 
auch dieser Genuss vergällt, besonders wenn rechts 
und links ein unermüdlicher Fragekasten sitzt. 
Die Musik spielt das Intermezzo aus der Caval- 
eria und jemand schnarcht dazu, plötzlich stösst 
man ihn mit einem Regenschirm an den Fuss, 
er erwacht und schaut sich verwundert um, er 
träumte eben, er wäre Automobildroschkenkutscher 
geworden und hätte die Tasche voller Strafman 
date wegen seines musterhaften Fahrens, es ist 
begreiflich, dass ein solcher Traum das Phlegma 
selbst nervös machen würde, da fragt man ihn 
von rechts: 
„Bitte, von wem ist die eben gespielt Piece, 
wir streiten uns darüber, ich behaupte dass die 
Melodie dem Schunkelwalzer ähnelt, Sie verzeihen, 
was ist Ihre Meinung?“ 
Der so brutal Erweckte wischt sich die Augen 
aus und gähnt herzhaft. 
Da wird er von links atlakiert: 
„Sie brauchen sich mit ihrem Urteil nicht 
zu beeilen, wenn ich Sie aber recht verstanden 
habe, sagten Sie, es wären Überbrettlmelodien?“ 
„Aber Bester“, schreit der rechts Sitzende, 
„den Schunkelwalzer werden Sie doch kennen?“ 
„Sie wollen wohl sagen den lustigen Ehemann“, 
ruft der linke Plagegeist. 
Der Gefragte will aufstehen, aber seine Nach 
barn ziehen ihn auf seinen Fauteuil zurück. 
„Ich glaube Sie sind total unmusikalisch“, spricht 
jetzt der Linke verächtlich, „hören Sie doch, hören 
Sie, trararah bumdiäh, aus welcher Oper ist das 
wohl, das sollten Sie doch wissen?“ 
Der Geplagte murmelt etwas Unverständliches. 
„Wenn Sie uns keine Auskunft geben können, 
sollten sie sich auch nicht daher setzen und eine 
Miene des tiefsten Verständnisses annehmen“. 
„Aber ich war doch eingeschlafen!“ 
„Dazu könneu Sie doch eine Bank im Thier 
garten benützen, hier stören Sie jedenfalls die 
ernstesten Genüsse, so gehen Sie doch und machen 
Sie dem blonden Kinderfräulein dort Platz, das 
arme Ding kann kaum mehr stehen“. 
Der Andere flicht, so schnell ihn seine Beine 
tragen, seinen Platz nimmt eine Bonne mit drei 
Kindern ein, die den Nebensitzenden auf die Flisse 
treten, den Gummiball ins Gesicht werfen, und 
die Kleider mit Stullenbutter beschmieren. Da 
kommt der im Kampfe mit Bonnen und Kindern 
ergraute Aufseher und behauptet, dass hier kein 
Spielplatz sei. 
„Denn hören Sie schlecht“, erwidert die 
Bonne. 
Der Aufseher bekommt einen rothen Kopf, 
aber er kennt den guten Ton des Zoologischen 
Gartens, er beherrscht sich und sagt würdevoll: 
„Hier ist doch kein Spielplatz". 
„Denn möchte ich blos wissen, zu was sie 
hier Musik machen?“ erkundigt sich die Bonne. 
Der Aufseher fürchtet für seine Person einen 
Schlaganfall und da er eine Familie hat, beschliesst 
er sich derselben zu erhalten, und den Kampf mit 
den Bonnen aufzugeben. 
„Den haben wir weggegrault“, lacht die 
Siegerin und setzt einer alten Dame ihren dicksten 
Schützling auf den Schoss, „Sie erlauben, Madame, 
bis ein Stuhl frei wird“. 
Wenn die Musikpause eintritt rennt alles 
davon. Sofort nehmen Andere die leeren Fauteuils 
ein und wenn die Stammgäste zurückkommen, 
wundern sie sich wirklich dass ihre Plätze besetzt 
sind und sie machen Glossen über die Usurpatoren, 
dann gehen sie und vermehren die Spötter der 
Lästerallee und berechnen, wieviel Besucherinnen 
des Zoologischen Gartens Aussicht haben, unter 
die Haube zu kommen und lassen durchblicken, 
dass sie die verschiedensten Familienverhältnisse 
besser kennen, als der routinierteste Detective. 
Dann kommt die Nacht. Tausend Lichter 
flammen auf und das ist sehr nothwendig, denn 
der Zoologische Garten ist ein Musterterrain für 
die Buddelei, bei jedem Loche steht eine Laterne 
und die Gerüste und Planken der Brauerei machen 
sich nachts noch einmal so hübsch, wie im Grau 
des märkischen Frühlings. Jede Tiergattung er 
hielt fast neue Behälter, zumeist zur scheinbaren 
Zufriedenheit der Bewohner, um so unbegreiflicher 
ist die Unzufriedenheit der Pfauen, und wenn ihr 
herrlicher Schweif, nach vergeblichen Versuchen, 
in ihren Miniaturkäfigen Rad zu schlagen, wie ein 
Scheuerbesen aussieht, so haben sie sich das 
nur selbst zuzuschreiben. 
— ■ 
.Hit flctiic UfriDfcit. 
Hä) raeif, Iffjr licht bas ©unket nidjt, 
Hn meiner 4?tuh’ i(t numig %id;t 
btnh mentg (iblitck ?u fmben; 
©rum manbert mir ptr ^fabt I;inaus, 
ild; bleibe mtferbeff’ pt Ifaus, 
fflj)tr l'eljn uns bei ben Binben; 
Bcxmr bie Grünte frl;tafeu gefjf, 
Bah’ id; mein Beib Ijinuieggemeljt, 
Kämt mieber ;®)ärd;eu ftnneu. 
j§rt)Iie|p um bie Binbeu einen Kran?, 
©ie JfilMicn fjebf ptm Kingeßauj, 
©linkt (Euefj mir Königinnen. 
Um Qtanj rerriratf ein ^tünbitpen fdptell, 
(EI;’ IU;r es merkt, hin id; ptr Btetl 
lltnb Watfd;e in bie l|änbe; 
itfjr jubelt auf, fetjt (End; im Kreis, 
IDeil id; fouiele Blänken meij|, 
llirtb Blürd;ett rd;nc (Enbe. 
(Ein ©rin;, ein .3fijd;, ein hinüber Ifirf, 
(Ein Etixleiu, bas im Iffilaibe irrt, 
btnb roas bie 3(röfd;e munkeln. 
(Ein bummer Bär — itf; merb’ nidjt müb’, 
Bis (Eud; bie Klangen f;ell erglüFjf, 
Bis (Eud; bie (Bugen funkeln. 
(Emil Jaltfer.
        
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