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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Die Erzählungen meines Freundes Natsrtißlnikoff. 
Von 
Richard Skowronnek. 
X. Die blaue Cravatte. 
Sie haben Natschelnikoff nicht gekannt? Mi- 
rofan Alexandrowitsch Natschelnikoff? Das ist 
eigentlich merkwürdig, denn als eingeschworener 
Pilsenerbiertrinker hätten Sie ihm doch einmal 
wenigstens in der Taubenstrasse begegnen müssen! 
Sie sind erst seit zwei Jahren in Berlin? Dann 
sind Sie freilich entschuldigt; so lange ist’s nämlich 
ungefähr her, seit er ganz spurlos verschwunden 
ist. So geheimnisvoll, möchte ich fast sagen, wie 
er eines schönen Tages, oder vielmehr Morgens, 
um mich correct auszudrücken, bei uns aufge 
taucht war. Na ist schliesslich auch egal, ich er 
wähne ihn nur, weil ich als alter Journalist mir’s 
noch immer nicht abgewöhnen kann, bei Ge 
schichten, die ich erzähle, die Quelle zu citieren. 
Was er tagsüber trieb, wusste niemand genau 
zu sagen. Er selbst schwieg sich darüber aus, so 
gesprächig er sonst war, und so ergingen wir 
uns denn in den verschiedensten Mutmassungen. 
Die Einen hielten ihn für einen Privatgelehrten, 
der hier litterarische.Studien trieb, andere wiederum 
für einen Maler oder Bildhauer, und einmal tauchte 
sogar die Vermutung auf, er sei ein russischer 
Geheimpolizist, der seine an der , hiesigen Univer 
sität studierenden Landsleute ausspioniere und 
beobachte. Damals erörterten wir ziemlich ernst 
haft die Frage, ob wir nicht besser daran thäten, 
uns sein Erscheinen am „langen Tische“ zu ver 
bitten, aber einmal sind wir doch eine herzlich 
zwanglose und bunte Gesellschaft, ohne die 
strengen Aufnahmebedingungen einesgeschlossenen 
Clubs, und die ganze Action scheiterte schliess 
lich daran, dass niemand die heikle Aufgabe über 
nehmen wollte. Am Ende schlief die ganze Sache 
ein, und Mirofan Alexandrowitsch Natschelnikoff 
erschien nach wie vor so gegen halb drei Uhr 
morgens an unserm Stammtische, begrüsste ver 
bindlich lächelnd sämtliche Anwesenden, liess 
seine hageren und etwas überlangen Gliedmassen 
in einem Stuhle nieder und bestellte sich' bei 
Arnold in seinem hart klingenden Deutsch „ein 
Glass Bierrl“ 
Sie wollen endlich die Geschichte hören? 
Warten Sie’s nur ab, die kommt noch. 
Also, wie gesagt, was er tagsüber trieb, wusste 
aus eigener Anschauung niemand von uns zu be 
richten, aber allabendlich, so kurz nach Mitter 
nacht, erschien er mit der Regelmässigkeit eines 
alten Platzhirsches in der Taubenstrasse, liess sich 
zunächst zur Äsung im Taubenhaus nieder, 
wechselte dann in die „Hütte“ hinüber, und lan 
dete schliesslich hier bei uns, am langen Tisch 
bei Stallmann. Den Zweck dieses Wechsels, den 
er wohl auch auf einige andere Locale ausdehnen 
mochte, lernten wir erst nach geraumer Zeit 
kennen: Er erzählte an jedem Abend ein bis zwei 
I 
neue Geschichten, und suchte sich dafür offenbar 
stets ein neues Publikum. Er erzählte pointirt 
und gewandt, ja ich möchte fast sagen, virtuos, 
und verfiel niemals in den Fehler so mancher 
professionellen Anekdotenerzähler, seine Geschichten 
um jeden Preis an den Mann zu bringen. Er 
wartete stets die richtige Zeit und Stimmung ab, 
und fast immer wusste er die Geschichte, die er 
auf der Pfanne hatte, in irgend eine passende Be 
ziehung zu dem gerade behandelten Gesprächs 
thema zu bringen. 
Also geschah es auch mit der Geschichte von 
der blauen Cravatte, die ich Ihnen wiedererzählen 
will, allerdings ohne den Anspruch, auch nur 
entfernt an den Reiz und Charme zu reichen, mit 
denen der Originalerzähler sie auszustatten wusste. 
Einen wesentlichen Anteil an ihrer oft geradezu 
durchschlagenden Wirkung hatte freilich auch der 
zuweilen direkt komisch klingende deutsch-russi 
sche Dialekt Natschelnikoffs, aus dem er —■ wie 
ich vermute mit wohlerwogener künstlerischer Ab 
sicht — manchmal geradezu erschütternde Pointen 
hervorzuholen wusste. 
Also wir sassen, wie üblich, zu sieben oder 
acht um den langen Tisch herum. Die Premiere 
des Abends war nach allen Richtungen hin be 
leuchtet, erörtert und durchgesprochen worden. 
Bei einem Teile der Stammtischgäste machte'sich 
bereits der gelinde Stumpfsinn bemerkbar, der 
dem Bezahlen und Nachhausegehen voraufzu 
gehen pflegt, nur an der scharfen Ecke, wo der 
Väterspieler P. und der Kritiker R. sassen, war 
noch eine lebhafte Unterhaltung im Schwange. 
Die beiden lösten, wenn ich mich recht erinnere, 
eine gerade brennende Theaterfrage; der Helden 
vater, indem er die Fadenscheinigkeit seiner Argu 
mentation durch einen erheblichen Aufwand seines 
Organs zu verdecken suchte, während der Kritiker 
aus Verzweiflung, dass es ihm nicht gelang, zu 
Worte zu kommen, mit dem buschigen Kopfe 
unter den Tisch tauchte, die rechte Hand erhob 
und ein unparlamentarisches „Blödsinn“ nach dem 
andern dazwischen schmetterte. Natschelnikoff 
sass daneben, lächelte zuweilen sarkastisch und 
überlegen und wartete anscheinend auf den ge 
eigneten Augenblick, seine abendliche Geschichte 
loszuwerden. Da trat einer unserer „Jüngsten“ 
ins Local, ein Journalistlein, das frisch von der 
Schulbank weg in einem kleinen Localblättchen 
für 150 Mark monatlich alles herunterriss, was 
ausser Hauptmann, Holz, Schlaf, Dehmel und 
Halbe — Maeterlinck war damals noch nicht er 
funden — seine Stimme auf dem deutschen 
Parnass ertönen zu lassen sich erfrechte. Schiller, 
Goethe und Lessing fertigte er mit einem halb 
mitleidigen Achselzucken ab, für die späteren 
hatte er ein paar jener billigen Schlagwörter übrig, 
wie sie in der damals florierenden „Freien Bühne“ 
geprägt wurden, und Wildenbruch und Suder 
mann erledigte er mit einem verächtlichen Lächeln 
und der kurzen Charakteristik als „öde Tantiemen 
verdiener“ — bekanntlich das ärgste, was diese 
jungen Herren einem zeitgenössischen Autor da 
i 
t 
mals und noch heute vorzuwerfen pflegen, so 
lange sie nämlich selbst sich ihren Platz an der 
grossen Futterkrippe noch nicht erobert haben. 
Um aber auch sein Aeusseres mit seinem littera- 
risch-revolutionären Innern in Einklang zu brin 
gen, hatte sich unser Jüngster einen jener Riesen- 
shlipse zugelegt, die einen zwiefachen Zweck er 
füllen. Erstens nämlich dem Träger das so lästige 
öftere Wechseln der Oberhemden zu ersparen, 
und zweitens ihn aus der Masse der gewöhnlich 
gekleideten Sterblichen herauszuheben; als eine 
Art freimaur.eris.cher Tracht,.die dem litterarischen 
Revolutionär gestattet, sogleich und auf den ersten 
Blick den Gesinnungsgenossen zu erkennen, der 
gleich ihm erhobenen Hauptes durch die Menge 
der Banausen schreitet. 
Sie lächeln verständnisinnig und nachsichtig, 
verehrter Freund, als wenn Sie sagen wollten: 
Aha, jetzt wird endlich die versprochene Ge 
schichte kommen. Ja, sie kommt sofort, nur muss 
ich vorher noch vorausschicken, dass unser Freund 
Natschelnikoff stets tadellos gekleidet ging und in 
der Auswahl seiner täglich wechselnden Cravatten 
einen geradezu erlesenen Geschmack bekundete. 
Unnötig zu sagen, dass er niemals „fertige“ Cra 
vatten trug, sondern stets sogenannte „Selbst 
binder“, denen er mit einer geradezu unheim 
lichen Fertigkeit das Gepräge eines ganz indivi 
duellen Geschmackes zu geben verstand, obwohl 
sie aussahen, als wären sie von einer geschickten 
Cravattenmacherin geschnitten, gebunden und 
festgenäht. 
Also unser Jüngster — seinen Namen will ich 
lieber nicht mal mit dem Anfangsbuchstaben be 
zeichnen — setzt sich hin, bestellt sich ein Glas 
Bier und greift mit der weissen Hand — alle 
litterarischen Revolutionäre haben weisse Hände — 
nach der Einemarkfünfzig-Busennadel, um die Auf 
merksamkeit der Anwesenden diskret auf den am 
Tage vorher gekauften Brustschmuck zu lenken. 
Der Kritiker und Heldenvater haben bei seinem 
Eintreten ihren Disput unterbrochen, einer von uns 
fragt ihn nach seiner Meinung über die Premiere 
des Abends — ich. glaube, es war Wildenbruchs 
„König Heinrich“ — und er zuckt, wie üblich, 
mit den Achseln und. greift nach seinem Glase. 
„Ich habe es eben in meiner Kritik ausführ 
lich begründet. „Neuruppiner Bilderbogen“, nichts 
weiter. Überhaupt Wildenbruch! So ein öder 
Tantiemenverdiener . . . Doch heute garnicht mehr 
ernsthaft zu nehmen.“ 
Natschelnikoff setzt sich sein Augenglas auf. 
„Na ja, Sie haben selbstverständlich Recht, 
lieber Freund, aber, erlauben Sie mal, Ihre Cravatte 
ist ganz scheusslich gebunden!“ 
Unser Jüngster fährt auf. 
„Wieso? Was wollen Sie damit sagen?“ 
„Nichts weiter, als in den Worten liegt,“ er 
widert Natschelnikoff gelassen. „Übrigens, wenn 
es Sie nicht langweilt, meine Herren, will ich Ihnen 
eine Geschichte erzählen, was aus so einer Cravatte 
für ein Unheil entstehen kann, wenn man sie nicht 
zu binden versteht.“
        
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