Path:

Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Es war genug! Jn meiner Seele schwoll’s, 
Wie dunkle Sälle, die gespenstisch gähren 
Und, ob vereint im Glas, verbissnen Grolls 
Gegen den Frieden sich wild ringend wehren, 
ln das Gewühl, das um mich lief und rief, 
Sah ich ein Fremder, fodt war mein Vertrauen; 
Was ich gewollt, es lag im Staube liet, 
Und alle Sehnsucht schwieg, es aufzubauen. 
Nur herben Spott tür meine Schwärmerei 
Und für die Welt ein schweigendes Verachten... 
Und all die bittre Weisheit war vorbei, 
Als Deine Augen in die meinen lachten. 
Friedrich Adler. 
^ 
* 
^ßerliner 3p azier^än^e. 
Von 
Gustav Jäger. 
Ein Zwittergeschöpf von Pintscher und Teckel 
irrt maulkorblos auf der Strasse umher, beschnup 
pert die Vorbeigehenden, lässt keuchend die Zunge 
heraus hängen und verkriecht sielt endlich in eine 
Ecke. Dort lässt er Ohren und Schwanz noch 
mehr herabhängen und das Hundegesicht zeigt den 
Ausdruck kläglichster Angst. Manchmal kommen 
Collegen zu ihm gesprungen und prüfen seinen 
Geruch, aber er reagiert nicht auf dergleichen Un 
sinn. Er hat, als er einer Hündin nachlief, erst seine 
Herrschaft und dann den Maulkorb verloren und 
nun ergiebt er sich furchtsam in sein Schicksal. 
Er verwünscht den Frühling und die Liebe, bis er 
in seiner pessimistischen Philosophie durch eine 
starke Faust gestört wird. Die packt ihn rauh beim 
Nacken und der Räuber höhnt dazu: „Det muss 
eene janz besondere Rasse sin.“ Der arme Hund 
heult jämmerlich, er hoflt das Mitleid der Menschen 
zu erregen und erwartet von irgendwoher Hilfe, 
gerade wie ein Mensch, wenn es diesem hunde 
schlecht geht, aber der Hundefänger besieht und 
befühlt seinen Fang prüfend und dann erklärter: 
„Det Biest wird mir wohl am Halse nieiben. Fett 
is er ooch nich und sein Fell is noch nich Mode, 
denn bleib es bei die Jiftstulle“ und der arme Köter 
verschwindet vom Schauplatz, die Sonne scheint 
weiter, gerade wie vorher, und die schönen Men 
schen liebäugeln in den Spiegelscheiben der Schau 
fenster mit ihrer unter den anderen Geschöpfen so 
hervorragenden Form und freuen sich, dass der 
Frühling doch endlich kam und mit ihm die ver 
schiedenen Blumenmädel, freilich dürfen diese nicht 
so alt sein, wie die vom Wintergarten. Die herr 
lichste Vertreterin ihrer wohlriechenden Gilde steht 
weit draussen im Westen, beim Bahnhof Zoolo 
gischer Garten, und man weiss nicht, sind ihre 
jugendlichen Wangen oder ihre frischen Rosen 
rüther. Ihre Stimme klingt melodischer als die 
Nachtigallenkehlen des nahen Thiergartens und 
ihre Preise sind höher als die vom Blumenschmidt 
Unter den Linden. Wie die Sonne ist sie immer von 
einigen beharrlichen Trabanten umgeben, die es 
nicht glauben wollen, dass sie treuloser wie die 
Untreue. Kommt die Nacht, dann verwandelt sie 
sich wie Aschenbrödel in eine gar herrliche Prin 
zessin, freilich in eine ganz moderne, die sich je 
nach der Kasse ihres diensthabenden Verehrers bei 
Petrus oder bei Tietz kleidet. In lauen Frühlings 
nächten sitzt sie im Zoologischen Garten, auf der 
Terrasse bei Adlon & Dressei und die Kellner sind 
ausserordentlich höflich mit ihr, viel höflicher wie 
mit dem gewöhnlichen Publicum, gegen welches 
bei Bier und mitgebrachter Stulle nebst einem 
halben Dutzend Jöhren ein Aufwand von freund 
licher Miene und wenn es auch nur eine Ge 
sichtsverzerrung wäre, nie am Platze ist, gerade 
dadurch aber wussten sich diese Ganymede bei 
den ruppigen Gästen in den ihnen gebührenden 
Respect zu setzen. Heute wagt kein einhei 
mischer Besucher des Zoologischen Gartens, be 
dürfnislos an einem Tische zu sitzen. Er wird 
scharf beobachtet und wenn seine Backen und 
seine Kehle nicht eine ununterbrochene Ess- und 
Trinkthätigkeit beweisen, wird er auf das Inhumane 
seines Daseins aufmerksam gemacht, das die Stühle 
nassauernd absitzen will. Auf der Terrasse trinkt 
man zumeist Sekt und wer keinen bezahlen kann 
und trotzdem zur eleganten Welt gezählt sein will, 
der flaniert zwischen den glücklicheren Tischen 
umher und thut so, als ob ihm kein Platz recht 
wäre. Aber das Kellnerauge durchschaut den 
Heuchler und die Uber seine Person ausgetausch 
ten Bemerkungen kannte Knigge noch nicht. 
Nachdem das verflossene Jahr musikalisch ein 
dürftiges zu nennen War, mangelt es an neuen 
Melodiecn. Somit erfreut man sich an den klassi 
schen Tönen älterer Jahrgänge. Der Lunawalzer, 
die Washingtonpost, Pankow kille haben leider kein 
Wagner und Consorten geschrieben, sonst ständen 
auch sie im goldenen Buch der Musik, dafür stehen 
sie im goldenen Gemüte des Volkes und es soll 
hier nicht weiter untersucht werden, welcher Ort 
der Verewigung vorzuziehen ist, das trockene 
Papier oder das denkende Gehirn des Publi 
kums. Noch nie hat man zu einer Wagner 
oder Beethoven-Melodie gesungen oder gepfiffen, 
während das ausnahmslos bei den erwähnten 
Melodieen geschieht. Es ist ein unvergleich 
licher Genuss für den besseren Menschen von 
seiner segensreichen Nichtsthuerei im Zoologischen 
Garten ausruhen zu dürfen, hat er noch dazu das 
Glück, eine hübsche Renommierliebe zu besitzen, 
so beneiden ihn die Götter und seine Freunde 
darum und letztere versuchen mit allen erlaubten 
und unerlaubten Mitteln, dem Paare ihre Er 
gebenheit zu beweisen. Ein alter Spötter nannte 
diese Beschäftigung einmal das Präludium der 
Ehe. Jedenfalls wirkt aber die Umgebung auch 
auf die Stimmung der Menschen ein und es ist 
begreiflich, dass gutes Essen und Trinken, Mode- 
melodieen, blendende Beleuchtung, elegante Spa 
ziergänger und anheimelndes Brüllen exotischer 
Tiere, die wahrscheinlich die europäische Kultur 
nicht gut verdauen, der menschlichen Seele ein 
harmonisches Gleichgewicht geben und so hat 
jede Sache ihr Gutes und erfüllt ihren Zweck, so 
bald sie durch ihre Mittel den Menschen, wenn 
auch nur zeitweilig, zum ethischen Geschöpf 
schuf, als das er sich bestimmt fühlt, sobald nie 
mand seine Kreise durch übel angebrachtes Mora 
lisieren stört. 
An einem öffentlichen Orte sind auch die 
allgemeinen Anschauungen geklärter, die Kritik 
über den lieben Nächsten wird eine nachsichtigere, 
sobald er keine besondere Eigenschaften zeigt, mit 
denen er der lieben Familie der Allgemeinheit 
entschlüpfen will. Auf der mit Unrecht Lästerallee 
genannten Promenade des Zoologischen Gartens 
hat die alles ausgleichende Zeit einen Ton ge 
schaffen, welcher mustergiltig für analoge Orte 
unseres kleinen Planeten sein sollte. Die Einheit 
des Gesprächstoffes ist auf fundamentale Regeln 
aufgebaut, die hoffentlich unsere Urenkel so un- 
erschüttert überkommen, wie sie die Urväter 
empfingen. Die oratoritche Kunst bildet sich hier 
zur Vollendung aus und ein österreichischer Ab 
geordneter, welcher durch seine exponierte Stellung 
oft gezwungen ist, mehreren Schreiern zugleich
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.