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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

»Ja damals! Sie warten gewiss auf die Elektrische?" 
»Ja, mein Herr, doch da kommt sie schon!" 
Ein Wagen mit Bahnpersonal gefüllt, rauschte schnell 
vorbei. 
»Ich will auf den nächsten Wagen warten," hoffte 
der Fremde. 
Da kam wieder ein Wagen, auch der fuhr an der 
Haltestelle rastlos vorüber. Er trug eine Flagge, die in 
weissem Felde ein rotes Kreuz führte. Von den Stufen 
des Wagens tröpfelte Blut. Aus dem Inneren kamen 
Jammerlaute, ernsthafte Herren liefen darin geschäftig hin 
und her. 
»Um Gotteswillen, was war das!" rief der Fremde. 
»Ach", sprach der Einheimische gleichgiltig, »das war 
blos eine Fuhre Blessierter!" 
»Blessierter! Es herrscht doch bei uns der tiefste 
Frieden!“ 
»In der Politik, Verehrtester, gewiss. Dieblutenden 
Gestalten, die eben wie ein Spuk Gefolterter aus der 
gemütsmenschlichen Inquisitionszeit vorbeiflogen, sind 
auf dem Schlachtfeld der grossen Berliner Strassenbahn 
ehrenvoll Gefallene." 
»So viele?" 
»Erlauben Sie, Berlin hat mit den Vororten beinahe 
drei Millionen Menschen. Der Inhalt des Wagens, 
der soeben vorbeifuhr, bildet also ein Atom dieser Ueber- 
völkerung, der durch unsere grossartigen Verkehrsein 
richtungen so segensreich gesteuert wird. Nur Blinde 
verkennen diese Vorteile." 
»Verzeihen Sie meine Unkenntnis. Hoffentlich 
kommt bald mein Wagen, mir ist sehr übel geworden." 
»Nehmen Sie doch eine Droschke." 
»Niemals, endlich muss doch auch einmal mein 
Wagen kommen!" 
»Gewiss, wenn keine Verkehrsstörung vorkam." 
»Ich hoffe es nicht.“ 
Oder wenn der Strom nicht versagte." 
»Gott gebe es!" 
»Oder wenn man die Linie nicht plötzlich einstellte." 
»Aber das geht doch nicht so ohne weiteres!" 
»Man hört es, dass Sie lange nicht in Berlin waren. 
Wer, glauben Sie, hat hier zu bestimmen?" 
„Die Polizei, der Magistrat, die Behörde, die — 
die - - —" 
„Die grosse Berliner Strassenbahn. Sie bestimmt, 
befiehlt, ordnet an, richtet ein, stellt ein, oh, sie über 
holte bereits Amerika mit ihren öffentlichen Hinrich 
tungen mittelst Elektrizität derjenigen Verbrecher, die 
sich ihr in den Weg stellen." 
„Es ist furchtbar! Ich will mich doch beeilen, 
ganz, anstatt in Fragmenten nach Hause zu kommen. 
Jedenfalls werde ich bei einer anderen Haltestelle warten, 
endlich wird doch ein Wagen kommen, der mich in 
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meinen Stadtteil bringt. Die Strassenbahn soll ja so 
ausgezeichnete Verbindungen haben." 
„Jawohl, nach oben," grinste der Berliner mit einem 
Blick in den Himmel und verschwand im Dunkel der 
Strassenbeleuchtung. 
„Legen Sie einen Bulletinbogen in die Remington," 
befahl im Zentralbureau der grossen Berliner Strassen 
bahn der diensthabende Oberinspektor. 
„Fertig," meldete der Sekretär. 
„Erstatten Sie Bericht," wandte sich der Oberinspek 
tor an den vor ihm stehenden Oberkontroleur. 
„Zu Befehl, Herr Oberinspektor. Im Norden vier 
Tote, zwei Schwerverletzte." 
Die Remington klapperte wie Totengebein. 
„Im Osten drei Tote, fünf Schwer- und fünfzehn 
Leichtverletzte. 
Im Süden ein Toter, zwei total Verstümmelte, die 
aber heute Abend noch lebten und nur acht Leicht 
verletzte. 
Im Westen vierzehn Leichtverletzte. 
Unter diesen vierundfünfzig Unvorsichtigen befinden 
sich nur acht Tote. An der ganzen Summe partizipieren 
neunundzwanzig Frauen, zwölf Kinder, dreizehn Männer. 
Dieses günstige Resultat des letzten Monates, — im 
vorletzten hatten wir zweiundsechzig sogenannte Unfälle 
zu verzeichnen, — ist teils auf das vorsichtiger gewordene 
Publikum zurückzuführen, teils verdanken wir es der 
routinierten Fahrkunst unserer Wagenführer." 
Der Oberkontroleur zeigte durch eine Verbeugung 
das Ende seines Rapportes an. 
„Ich danke Herr Oberkontroleur. Sind Sie fertig, 
Herr Sekretär?" 
Kling, kling, — die Remingtonglocke läutete die 
letzte Zeile aus, dann rasselte der Bogen aus der Walze. 
Der Sekretär überreichte das Blatt dem Oberinspek 
tor. Dieser las es kaltblütig durch, dann wandte er sich 
gut gelaunt zu seinen Untergebenen. 
„Sehen Sie wohl meine Herren, ich sagte es voraus, 
dass sich die Verlustliste des Publikums rapid bessern 
würde. Sobald wir unter dreissig angelangt sind, stellen 
wir die Ausgabe der monatlichen Bulletins ein und be 
schränken uns auf solche quartaliter. Gott sei Dank, 
mein Optimismus behielt wieder einmal Recht. Ich 
erhoffe Monate mit dem bekannten einen Toten und 
günstigere Resultate kann wohl kein Billigdenkender ver 
langen. Wir wollen deshalb auch vorläufig von der An 
bringung von Schutzvorrichtungen, die für unsere herr 
lichen Wagen eine Geschmacklosigkeit sondergleichen 
wären, absehen und ich hoffe mir dadurch den Dank 
der Aktionäre und eine Sparprämie zu verdienen. Nun 
habe ich aber Appetit bekommen. Guten Abend meine 
Herren!" 
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Die J-fochzeif am Zaun 
von Georg Engel. 
^^päf stürm’ ich heut’ zu "Dir herein, 
Nun flink, klein Eve, mach’ "Dich fein, 
“Denn heut’ soll unsre jdochzeif sein. 
Zwar kann ich mich mit 'Hang nicht brüsten, 
Auch hab’ ich weder Gut noch Geld, 
Und doch gehört mir rings die Welt 
Und soll das Hämmerlein uns rüsten. 
Uns’re Hammer aber ist clämmernclblau, 
"Drin tausend golcl’ne bichter glüh’n, 
Und hier Hein erstes bager, schau, 
Hiein Evchen, das ist duftend grün; 
Bas ist so weich und warm und gross, 
Hopfkissen gieb’s von grünem Moos, 
Es rascheln vertraulich die gelben Aehren — 
Nun küss’ mich, kleine Eve — 
Was soll das Wehren? — 
Was soll das Verstecken? 
Wir lieben uns Beide, 
Und über uns spannt von blauer Seide 
Her jdimmel seine luftigsten Hecken. — 
Hen Mond hab’ ich heut’ abbestellt, 
Ich glaubte, Hu schämst Bich, Hu kleine Süsse; 
Hoch horch, da raschelt noch über das Feld 
Her Abendwind und bringet Hir Grüsse 
Und jdochzeitswünsche von den Blumen am jdain; 
Nun streck’ Bich, klein Eve — und Schlummer 
[mir ein.
        
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