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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

„Hm . . . vor zwei Stunden, während wir 
hier süssen ... Er blieb einen Augenblick sin 
nend stehen. „Na, dann hilft es nicht.“ 
„Ja, und er hat immer auf Dich gewartet.“ 
Und nun sagte ich ihm gerade heraus, was 
der Assistent mir erzählt hatte. 
„So, so“, erwiderte Pius ganz gefasst . . . 
„Dann bin ich ja überflüssig. Wo hast Du 
meinen Hut?“ Dabei lächelte er weiss Gott schon 
wieder. 
„Wohin willst Du denn so eilig?“ 
„Auf’s Telegraphenamt.“ 
„Ach so ja . . . Deine Mutter.“ 
„Nachher. Erst telegraphiere ich an die Lotte. 
Herrgott, wird sich das Mädel freuen. Adieu! 
Vielen Dank!“ 
Noch ein Händedruck und fort war er. 
Der Doktor langte sich eine neue Cigarette 
aus dem Etui und fragte dann sein Gegenüber, 
das noch schweigend sass, die Augen auf den 
Boden geheftet: „Wollen wir gehen?“ 
„Ist denn die Geschichte aus?“ 
„Ja.“ 
„Hast Du denn nichts mehr von ihm gehört?“ 
„So viel wie nichts. Er soll nach M. zurück- 
gekehrt sein und seine alte Beschäftigung wieder 
aufgenommen haben. Er war einer von den Un 
verbesserlichen, weisst Du. Das Frohlocken, das 
bei seinen letzten Worten über sein Gesicht ging, 
sagte mir genug.“ 
„Na, nun komm, wir haben hier lange genug 
gesessen.“ 
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r 9) sr eil markt. 
An jedem Montag zu früher Stunde — von acht 
bis neun nenn’ ich früh — findet sich im grossen 
Flur des alten Akademiegebäudes, Unter den Linden 38, 
eine höchst merkwürdige Gesellschaft zusammen. 
Dort, in der dämmerigen Säulenhalle mögen an 
hundert Menschen versammelt sein. Zu beiden Seiten 
haben sie sich in geraden Reihen aufgestellt, wie zu 
einer Parade. Greise mit wallenden Bärten, Jünglinge 
mit Löwenmähnen, runzlige Mütterchen und frisch- 
wangige Mädchen, auch Kinder, die noch nicht zur 
Schule brauchen. Alles verhält sich in abwartendem 
Schweigen. Nur in einer Ecke hinter den Säulen 
geht’s lebhafter zu, wird geschwätzt und gestikuliert. 
Dort steht eine grellfarbige Gruppe zusammen ; junges 
.italienisches Volk in seiner Nationaltracht. Und nicht 
weit davon lehnt an der Wand ein Neger, der einen 
roten Fez auf seiner schwarzen Wolle trägt. 
Durch den freigelassenen Mittelgang passieren 
eiligen Schrittes die Studierenden der Akademie. 
Denn Montags wird für die Woche das neue Modell 
gestellt, und da heisst’s sich eine gute Ansicht sichern. 
Diese jungen Herren, die sich doch für so bedeutend 
halten, finden keine Beachtung. Sobald aber Jemand 
in die Halle tritt, von dem man weiss, dass er einer 
der Professoren ist, geht eine Bewegung durch die 
Menge. Jeder nimmt eine Haltung an, giebt sich 
eine Pose, drapiert sich, und wenn einer weiss, dass 
er sich im Profil am besten macht, dann dreht er 
sich dementsprechend nach der Seite. Der Herr Pro 
fessor sucht sich im Vorbeigehen mit prüfendem Blick 
aus, was er gerade braucht, -— ein stummer Wink, 
der sofort verstanden wird, und der oder die Aus 
erwählte darf ihm folgen. 
Für tägliche vier Stunden mit drei Viertelstunden 
Ruhepausen erhält das Staatsmodell einen harten 
Thaler, und sechs Tage hat die Woche. Seine Gegen 
leistung besteht darin, in einem gut geheizten Raume 
auf einem Stuhle Platz zu nehmen, ein bischen still 
zu halten und dabei möglichst nicht einzuschlafen. 
Aber die akademische Jugend, die zu ihren Füssen 
sitzt und zu ihnen emporschaut, sorgt schon durch 
die besten Witze und musikalischen Vorträge für 
aufmunternde Unterhaltung. 
Hat der letzte Professor den Flur passirt und 
seinen Bedarf gedeckt, dann tritt der Portier, ein 
alter Wachtmeister von den Gardes du corps aus 
seiner Loge und ruft mit Kommandostimme: ,,Die 
Klassen sind besetzt!" Sofort erscheinen auch schon 
die Hausdiener mit Besen und Giesskannen auf der 
Bildfläche, um Kehraus zu machen und die Ver 
sammlung in des Wortes wahrster Bedeutung zu 
„sprengen“. Die Leute trollen sich von dannen. 
Der Neger hängt sich seinen Korb mit Apfelsinen, 
womit er in den Wirtschaften hausieren geht, um, 
die kleinen Italienerinnen nehmen die Tambourins 
und die Käfige mit den auf Liebesorakel dressirten 
Dompfaffen wieder unter ihre bunten Schürzen; und 
die charaktervollen Apostelköpfe stecken ihre sonst 
bis auf die Schultern fallenden Haare unter den Hut. 
Denn wenn sie hernach in der Friedrichstrasse Zettel 
verteilen oder auf andere Weise sich nützlich machen 
wollen, müssen sie ihre höhere Bestimmung verleugnen. 
Am nächsten Montag kommen sie alle wieder 
in der Hoffnung, dass sie eines Künstlers Auge reizen 
werden. Eigentliche Berufsmodelle sind ja die Leutchen, 
die den Markt besuchen, nicht. Die wenigsten von 
ihnen werden auch von der augenblicklichen Not 
gerade auf diesen Verdienst verwiesen. Sie können 
den Zahltag am Ende der Woche abwarten und in 
den Frühstückspausen sind sie in der Lage, die wohl 
belegtesten Stullen auszupacken, um die schon mancher 
der angehenden Raphaele sie heimlich beneidet hat. 
Zumeist ist es die leichte, schmerzlose Arbeit, die sie 
anzieht. Denn diese Idealköpfe wollen ja blos Modell 
sitzen, aber nicht stehen. Für die wirklich saure 
Arbeit des stundenlangen Verharrens in schwierigen 
Körperstellungen möchten siesich schönstens bedanken. 
Dazu braucht’s Anderer mit anderen Qualitäten, auch 
moralischen. 
Menschen, die einen „guten Akt haben“, sind 
weisse Raben, und unter dem allgemein sogenannten 
schöneren Geschlecht sind sie — ja ja — noch seltener 
zu finden, als unter den Männern, deren normale 
Entwickelung nicht in dem Masse durch unzweck 
mässige Kleidung und andern Kulturzwang beein 
flusst worden ist. 
Ein Aktmodell will entdeckt sein, wie ein Helden 
tenor. Auch hier spielt der Zufall gewöhnlich die 
Entdeckerrolle. Bei irgend einer Gelegenheit ist ein 
Bildhauer oder Maler auf die körperlichen Vorzüge 
aufmerksam geworden. Und wenn der Mann auch 
noch Talent hat, nämlich die Intelligenz, das vor 
geschriebene Bewegungsmoment auszudrücken und 
festzuhalten, dann ist sein Ruf begründet und sein 
Glück gemacht. So Einer hat nicht nötig, sich auf 
dem Markte anzubieten; denn nach ihm ist oft auf 
halbe Jahre hinaus für jeden Tag bis in die späten 
Abendstunden Nachfrage. Das Werden eines Werkes 
hängt oft genug von dem guten Willen, von dem 
Wohlwollen des geehrten Modelles ab; und der Mann 
weiss sich ganz richtig einzuschätzen. „Ick und 
Bejas“. Die Verhältnisse bringen die Vertraulichkeit 
so mit sich. Was bleibt dem Künstler übrig? Um 
seinen Mitarbeiter munter zu erhalten, muss der 
„Meister“ mit ihm plaudern. Sie frühstücken wohl 
auch mit einander, und die Leute werden schliesslich 
immer gebildeter, na und auch vertraulicher. Aber 
man muss es ihnen lassen, das geschenkte Vertrauen 
missbrauchen sie nie anders, als zu harmlosen Re 
nommistereien, nicht aus Klugheit nur, sondern auch 
aus Anstand. Ja, aus Anstand. Es giebt welche 
unter ihnen, die um keinen Preis in einer Damen 
malschule ihren Beruf ausüben werden. 
Wo gearbeitet wird, da ist auch der Ernst. 
Darum giebt’s auch lleissige und ernste Mädchen 
unter den Modellen. Freilich, die unsicheren Kan- 
tonistinnen sind in der Mehrzahl. Wie oft passiert 
es, dass Einer mit der Arbeit, die gerade im besten 
Schwünge war, stecken bleibt, weil sein Modell, das 
einzige, das er für den Zweck brauchen konnte, das ihn 
überhaupt zu dem Werke inspiriert hatte, ihn schnöde 
im Stich lässt. Manchmal stellt sich das Fräulein 
freilich schon nach ein paar Tagen mit irgend einer 
faulen Entschuldigung wieder ein, aber es giebt auch 
welche, die, weil sie was besseres vorhatten, sich 
nicht wieder sehen lassen. Um solchen Kalamitäten 
vorzubeugen, werden die Künstler erfinderisch. Sie 
führen Prämiensysteme ein, legen Sparbüchsen an, 
deren die Inhaberinnen bei Kontraventionen verlustig 
gehen. Aber ach, auch diese Mittel reichen mit 
unter nicht aus, sieb der einzig Schönen zu ver 
sichern. Und cs giebt so manch einen, dem in der 
Verzweiflung nichts anderes übrig geblieben ist, als 
sein Modell zu — heiraten. 
Friedrich Fuchs.
        
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