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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

uns hingesetzt, die merkwürdig schnell alle waren; 
der Kerl muss heimlich mitgetrunken haben. 
Wie der Pius so ernst wird, fällt mir auch 
etwas an ihm auf, was ich bisher nicht bemerkt, 
er war ganz in schwarz und trug auch eine 
schwarze Kravatte. 
„Mein Gott, Pius, hast Du einen Toten hier?“ 
„So weit ist es noch nicht. Mein alter Erb 
onkel liegt hier am Magengeschwür. Vorgestern 
hat er uns geschrieben, ich solle schleunigst kom 
men. Man muss also auf alles gefasst sein.“ 
„Alter Erbonkel! Aber Mensch, dann kannst 
Du ja noch vergnügt sein.“ 
„Durchaus nicht. Wenn Du wüsstest, was 
er für Bedingungen macht.“ 
Ei' musste also erzählen. Und die Quintessenz 
war: Pius hatte in M., wo er jetzt bei seiner 
Mutter lebte, ein Verhältnis. Wie hiess das Mädel 
doch gleich? Lotte, glaub’ ich, na, ist ja egal. 
Heiraten wollte er die Lotte nicht, das wäre ihm 
zu unbequem gewesen. Ja, er war so einer, denr’s 
keiner recht machen konnte, das gestand er selbst 
ein. Das Jus hatte er längst aufgesteckt und dafür 
Pinsel und Palette angefasst, dazu habe er ent 
schieden grosses Talent. Wie ich aber immer besser 
erfuhr, sass er von nachmittags bis in die Nacht 
in den Kneipen und morgens schlief er bis in 
den Mittag. Was sollte er da auch mit einer Frau. 
Und doch konnte er das Mädel nicht lassen. 
Herrgott, hat er mir von ihm vorgeschwärmt, 
wie gut und lieb es sei, ganz und gar keine 
Dirne, er achte und verehre die Lotte, der er die 
schönsten Stunden seines Lebens verdanke. — 
Und dies Glück wolle sein Onkel ihm nun 
rauben. Die Bedingung, unter der er ihn beerben 
solle, laute darauf, dass er dem Mädel den Lauf 
pass gäbe, sich eine vernünftige Beschäftigung 
suche, die ihren Mann ernähre und dann seine 
— des Onkels — Pflegetochter heirate. Für alles 
verlange der Onkel sein schriftliches Ehrenwort, 
und dies dem Onkel zu geben sei er herge 
kommen. — Leicht sei ihm der Entschluss ja 
nicht geworden, aber, mein Gott, in der Not 
fresse der Deubel Fliegen. — Die Malerei bringe 
noch nichts ein, und da auch das Vermögen der 
Mutter immer mehr zusammenschmelze — übrigens 
sehr erklärlich, nicht wahr? — so sei ihm schliess 
lich nach einem rührenden Abschied von der 
Lotte nichts anderes übrig geblieben, als her zu 
reisen. Vor einer Stunde sei er angekommen. — 
Noch sass mm der ganze Trennungsschmerz 
in den Gliedern. Er musste wirklich viel von der 
Lotte gehalten haben. Der arme Pius. Aber 
schliesslich hatte er sich gesagt 75000 — oder 
waren’s 175000 Mark? — sind auch kein Pappen 
stiel, und man braucht die Pflegetochter ja nur zu 
heiraten, aber nicht zu lieben. — Darin musste 
ich ihm Recht geben und tröstete nun auf meine 
Weise an ihm herum. Der Rotwein that das 
Beste dabei. Nach ein paar Gläsern ward er 
wieder ganz munter. 
Ich hatte inzwischen auf der Journaltabelle 
festgestellt, dass der Herr Bernhard Meister auf 
Zimmer No. 56 lag. Wie der Stifter nun wieder 
mal rein kam, fragte ich nach dem Befinden des 
ollen Herrn, und da erhielten wir die Antwort, 
dass cs ihm so weit ganz gut ginge, und er würde 
wohl bald wieder heraus sein. — 
Darüber freute sich der Pius mächtig, viel 
leicht besann sich der Alte noch, und er brauchte 
dann sein bequemes Leben und die Lotte nicht 
aufzugeben. Verhungern würde der Alte sie schon 
nicht lassen. Er wurde ganz aufgekratzt und stiess 
immer wieder mit mir an. Stifter hatte schon die 
dritte oder vierte Flasche, weiss Gott woher, ge 
holt. Na, ich blieb ja auch nicht zurück, und so 
kam eine ganz solenne Sonntag - Nachmittags- 
Kneiperei zustande. Tausend alte Geschichten 
wurden ausgekramt, all’ die schönen Heidelberger 
Zeiten nochmals durchlebt, einer wusste immer 
den anderen um ein Abenteuer zu übertrumpfen. 
So flogen die Stunden dahin. 
Da fragte mich Stifter, der übrigens meiner 
Meinung nach unsere feuchtfröhliche Stimmung 
vollkommen teilte, plötzlich im Flüstertöne: „Soll 
ich dem ollen Klempnermeister auch 'mal ein Glas 
’riiberbringen?“ 
Eine Idee, doch nein! 
„Wo denken Sie hin! Einer der an Magen 
geschwür leidet.“ 
„Magengeschwür? Wer? No. 36?“ 
„Na ja.“ 
„I, der olle Herr doch nicht, der hat ja blos 
eine akute Periostitis des linken Oberschenkels. 
Überfahren worden. Sie meinen wohl . . .“ 
„Stifter, Sie sind nicht ganz . . .“ Ich deutete 
mit dem Zeigefinger an die Stirn. 
„Aber vollkommen, Herr Doktor.“ 
„Ich bitt’ Sie, auf der Journal-Tabelle steht 
doch . . . Geben Sie sie noch 'mal her.“ 
„Ja, dann hat der Doktor Weiss, den Sie ver 
treten, vergessen, es gestern Abend abzuändern. 
Bis gestern Morgen hat ein Herr Meister auf 36 
gelegen. Ich wollte ja schon sagen . . .“ 
„Wer liegt da jetzt?“ 
„Das ist ein Klempnermeister Schilling.“ 
„Und mein Onkel, was ist mit dem?“ 
Pius war ganz blass geworden. 
„Ja, den hab’ ich nicht mehr. Der ist gestern 
in die chirurgische Abteilung zur Operation ge 
kommen.“ 
„Nun und ... so reden Sie doch!“ 
„Ja. weiter weiss ich nichts. Da hinüber 
komme ich nicht.“ 
„Da hört doch alles auf“, rief da Pius. „Zur 
Operation! Dann muss es doch schlimm mit ihm 
stehen, und ich sitze hier und . . . Mensch, Sie . . .“ 
Er fuhr Stifter ganz wütend an, na, der durfte 
es ja auch nicht anders wissen. Stifter liess sich 
aber nicht bange machen.“ 
„Wenn der Herr Doktor so freundlich sein 
wollen, drüben 'mal anzutragen, so können wir 
gleich erfahren, wie’s steht. Das Telephon ist 
hier gerade Uber den Korridor.“ 
Pius stürzte voran. Er wollte gleich einen 
Hörer fassen, aber ich nahm ihm das Ding wieder 
aus der Hand. So brutal sollte er das Schlimmste, 
wenn es eingetreten war, nicht hören. 
Drüben kam der Assistent an den Apparat, 
sehr erfreut, mich heute erst 'mal per Distance 
kennen zu lernen. Herrn Meisters Befinden? Hm, 
hm . . . Ich erschrak. Herr Meister sei nicht 
mehr drüben. Was das bedeuten solle? 
Herr Meister sei vor zwei Stunden nach der 
Operation eines Magengeschwürs verstorben. 
„So, so.“ Ich sagte das ganz mechanisch und 
hielt die Hörer krampfhaft am Ohre fest. Der 
Assistent sprach noch ein paar Worte, fragte, ob 
ich den Herrn Meister oder vielleicht seinen Neffen 
gekannt habe. Von diesem habe der alte Herr, 
der bei vollem Bewusstsein bis zu allerletzt ge 
blieben, immer gesprochen. Er habe ihn erwartet, 
aber wenn er ihm den letzten Dienst nicht er 
wiese, so erhielte er keinen Pfennig. Ob ich seine 
Pflegetochter, die noch drüben sei, nicht ein bis 
chen trösten wolle? Ein hübsches Mädchen . . ." 
Und dann klingelte er ab. Ich getraute nicht, 
mich umzudrehen. Endlich stiess Pius mich an. 
„Na, was macht er?“ 
„Ach, es geht ihm soweit ganz gut . . .“ Ich 
nestelte noch an den Hörern herum. 
„Er . . , er . . . ist . . .“ 
„So verstell’ Dich doch nicht, ich merk’ doch, 
was los ist.“ 
„Ja, alter Junge . . .“ Nun fasste ich seine 
Hand . . . „Sieh 'mal, vor zwei Stunden.“
        
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