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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Erstarrung, die ^tatsächlich zum Schmerz ge 
worden war. Welch ein Vergnügen 1 Ah! wenn 
ich es Lady Darlington nicht versprochen hätte. 
Victor Hugos Wort kam mir in den Sinn. Da 
mals war auch grosser Wind, cs ist wahr, aber 
Ludwig XIII — er — hat doch sechs Wölfe er 
legt. Das war immerhin seine Zerstreuung, 
während ich . . . ich! . . . Die alten Brummer 
Napoleons müssen bei ihrem Rückzug aus Russ 
land dasselbe gefühlt haben, was ich jetzt 
fühlte — so eine Art Paroxismus — auf den 
ersten besten Kosaken zu schiessen, nur um sich 
zu rühren, um etwas zu thun, um zu knallen, 
was weiss ich? 
Manchesmal schaute ich zu Fontmartin hinüber 
und machte ihm mit den Armen eine Pantomime 
der Verzweiflung; aber mit gebieterischer Geberd e 
befahl er immer wieder Unbeweglichkeit. Da 
hielt ichs nicht mehr aus. Das Lamm setzte sein 
Trappeln um den Pflock in einer nervener 
schütternden Weise fort. Es wurde zur Qual ■— 
es war wie eine Verfolgung. Wenn ich nicht 
schiesse — mich Hess die Idee nicht los, ich fühlte 
es deutlich — muss ich krank werden, und, meiner 
Treu — ich leg an — und paff! tödtlich am Kopf 
getroffen, fiel das arme Lamm. 
„Na, bravo,“ rief mir Fontmartin ironisch zu, 
„jetzt können wir ja nach Hause gehen, uns 
niederlcgen. Nach dieser Heldenthat ist es nicht 
wahrscheinlich, dass der Wolf auf unsere Seite 
kommt. Um Lady Darlington einen Lamm 
schlögl zu bringen, wars nicht der Mühe wert, 
Dich in Bewegung zu setzen.“ 
Ich entschuldigte mich, so gut ich konnte, 
schützte eine nächtliche Hallucination vor, und 
wir kehrten, vor Kälte erstarrt, in das Schloss zu 
rück, mein Freund unendlich schlechter Laune. 
Am nächsten Tag wurde ich selbsverständlich mit 
zarten Spässen überschüttet, und man konnte gar 
nicht genug Sarkasmen finden für diesen Pariser 
Jäger, diesen wilden Lammtöter. Die Witze 
waren ja gewiss geistreich, aber man sagte mir so 
viel und so viel, dass ich, müde, diesen in ein 
Delirium verfallenen Provinzlern als Stichblatt zu 
dienen, es vorzog nach Paris zurückzukehren, und 
Montag erschien ich, — etwas beunruhigt darüber, 
wie sie mich aufnehmen würde, — bei Lady Dar 
lington... 
Der Empfang war ziemlich kühl und — 1 merk 
würdig, vom Wolfspelz sprach sie gar nicht. Aber 
sie zeigte mir dafür — als Revanche — ein, pracht 
volles Bärenfell, das sie sich während meiner Ab 
wesenheit verschafft hatte, so wie . auch einen 
prächtigen Russen, Rittmeister im Preobraschenski- 
Regiment, der, wie es schien, aus' demselben 
Lande kam wie der Bär. 
Er sah recht launig aus, der Kapitän, und 
sehr zufrieden, so wie ein Mann, der genau weiss 
was eine Wolfsjagd ist, und der nicht unver 
richteter Sache nach Hause kommt. Diese eng 
lischen Ladies sind wirklich ganz originell. Teneo 
lupum auribus. 
Gute Nacht Toto, 
Tutur. 
Ein Unverbesseflieher. 
Skizze von Garl Julius Rode mann, Berlin. 
„Da ist mir ’mal eine kuriose Geschichte pas 
siert,“ unterbrach einer der zwei Herren, die auf 
dem Aussenbalkon des Alsterpavillons ihren Nach 
mittagskaffee einnahmen, die bisher von beiden 
schweigsam betriebene Zeitungslektüre. Er deutete 
auf eine Notiz, die von der Frequenz des Kranken 
hauses in L. handelte. 
„Na, wart’ ’mal einen Augenblick, ich bin mit 
dem Artikel hier gleich zu Ende“, entgegnete der 
andere und trank geschwind ein Schlückchen, 
„kannst ja ’mal erzählen, ’ne gute Geschichte hör 
ich gern.“ 
Der Erste legte die Zeitung nieder, nahm eine 
Cigarette aus dem vor ihm liegenden Etui, zün 
dete sie gemächlich an und blickte, so lange der 
Freund noch las, auf das bunt bewegte Bild des 
Alsterbassins mit seinen vielen kleinen, schrill 
pfeifenden Dampfern, Schwänen und Ruderböten. 
Drüben wurde dies Panorama von der Lombards 
brücke, daran schlicssend vom Alsterdamm und 
rechts zur Seite vom Jungfernstieg eingerahmt, 
alles breite, mit Bäumen bepflanzte Strassen, auf 
denen in fortwährendem Auf und Nieder Menschen, 
Wagen und elektrische Bahnen an einander vor 
bei hasteten. — 
„So, nun schiess’ mal. los, Doktor.“ Der an 
dere legte die „Illustrierte“ beiseite, holte sich 
gleichfalls eine Cigarette aus dem Etui und tippte 
sein Gegenüber damit auf die Finger. — 
„Na, höre mal, zu. Vor circa fünf Jahren be 
gann ich meine erste Praxis in L. Ein alter Sanitäts 
rat, der Name thut nichts zur Sache, der meinen 
Alten gut gekannt hatte, nahm mich unter seine 
Fittige, so kam ich schnell hinein und hatte gut 
zu thun, Da lässt mich eines schönen Sonntags- 
morgens der alte Herr rufen, er brauche für einen 
Kollegen vom Krankenhause, der plötzlich habe 
verreisen müssen, Vertretung für ein paar Tage.— 
Ob ich ihm den Gefallen thun wolle? Dann solle 
ich nur gleich nach 'fische ’rausfahren. — Es sei 
kein aufregender und auch nicht so verantwort 
licher Posten. Der Oberwärter, ein Mordskerl, 
wisse besser Bescheid als alle zusammen. Na, ich 
also raus. 
Die Sache liess sich ganz nett an. Der Stifter 
hatte schon einen vortrefflichen Kaffee gebraut, 
einige Zeitungen zusammengetragen, sogar ein 
paar unten aus dem Garten frisch gepflückte Rosen 
in einem Wasserglas auf den Tisch gestellt. Man 
merkte gleich, der Kerl war ’ne Seele. Und dann 
rapportierte er: alles in Ordnung, ich brauche 
heute keinen Rundgang bei den Kranken mehr zu 
machen. Na, mir sollte es recht sein, und so ver 
tiefte ich mich dann nach dem Kaffee in die 
Zeitungen. 
Da nach ’ner Weile klingelts draussen. Der 
Stifter meldet einen Herrn, der den Doktor zu 
sprechen wünscht. Wer kommt rein? Mein alter 
Freund und Leidensgefährte von der alma mater, 
Bernhard Fromm, genannt Pius der Fromme. Du 
hast ihn nicht gekannt? Denke Dir also ein kleines 
dickes Kerlchen, er war es noch viel mehr ge 
worden, seit ich ihn damals vor zehn Jahren zu 
letzt gesehen, mit hellblondem Haar und mäch 
tigem, rötlichem Schnurrbart. Trotz seiner Wohl- 
bcleibtheit behende, dabei stets fidel und im Grunde 
ein guter Kerl. 
Wie er mich erkennt, fliegt er mir gleich an 
den Hals. 
„Mensch, Barth, Donnerwetter!“ 
„Pius, altes Haus, wo kommst Du her?“ 
»Tausend noch ma\ Du hier.“ Er kam nicht 
aus dem Staunen heraus. 
»Ich denke, Du bist in Leipzig?“ fragte ich. 
„Und Du in Berlin?“ fragte er. 
Und so fragten wir uns gegenseitig eineWcile 
aus, was mir so vorkam, da keiner eine Antwort 
gab, als wenn zwei Jungens sich .schneeballen 
und dabei stets vorbei schmeissen. 
Na endlich, kriegte er mich doch unter. Ich 
musste beichten. Als er darauf an die Reihe kam, 
wurde er plötzlich ernst. Er hatte anscheinend 
ganz vergessen, dass er in einem Krankenhaus 
sass. Ja, wir hatten es uns inzwischen gemütlich 
gemacht, Stifter, der auf alles eingerichtet zu sein 
schien, hatte sogar zwei Flaschen Rotspon • vor
        
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