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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Küost-PcibliküiD. 
Von J. Norden. 
ei der Fülle der Kunstausstellungen, mit denen 
der Berliner seit einigen Jahren Winter und 
Sommer ununterbrochen so überreich gesegnet 
ist, hat der zünftige Besucher dieser Ausstellungen 
es’ oft sehr schwer. Mit dem Offenbachschen 
Kalchos möchte er ausrufen: „Trop de fleurs". 
Der Vergleich ist übrigens allzu schmeichel 
haft. Blumen? Du lieber Gott — wir wissen es ja 
Alle, dass es durchaus nicht blos„Blumen“ sind, die 
am Altar der Kunstgeopfert werden. Und mit Blumen 
ist hier natürlich nicht das „Stilleben" gemeint. 
Aber Eines giebts, was den Kritiker beim 
Durchstöbern der 60 und mehr grossen und kleinen 
Ausstellungen, die ihm der Kreislauf des Jahres 
jetzt zu bescheren pflegt, bei guter Laune erhält: 
das liebe Publikum. 
Man braucht nicht gerade ausserordentlich bos 
haft zu sein, um ein gewisses Vergnügen daran zu 
finden,es zu beobachten,seine Urteile zu vernehmen, 
mit denen es nicht zurückhält... Im Gegenteil ... 
Allerspasshaftestes wird dort laut. EineSumme 
von Unkenntnis selbst der elementarsten Begriffe 
der Kunsttechnik, von mangelndem Verständnis 
für Kunstzwecke, von geistloser Auffassung des 
tieferen Sinnes eines Kunstwerks . . . Und die 
sonderbarsten Anlässe eines solchen Kunstaus 
stellungsbesuches werden offenbar. Namentlich 
auf den grossen Sommerausstellungen mit Militär 
konzert und, je nachdem, Sect oder Bowle mit 
leckerem Souper, oder Bier und Schinkenstullen. . . 
Sie meinen — das alles sei gar nicht so spass- 
haft? Urteilen Sie selbst: 
Banausen. 
„Um Himmelswillen", ruft der Kanzleirat aus 
und deutet auf eine Laterne auf dem ersten Plan 
eines Bildes, das eine Brücke darstellt mit Schiffen 
am jenseitigen Ufer des Flusses, „dieser Laternen 
pfosten hier ist ja dreimal so hoch, als der Mast des 
Dampfers dahinten. Ist denn so was möglich!" 
„AberPapa—“ wendet schüchtern dasFräulein 
Tochter ein und sieht sich scheu um, ob Jemand 
seine tiefsinnige Bemerkung vernommen hat. 
Sie werden fortgedrängt. 
* * 
* 
Vor einem Damenporträt. 
Ein paar junge Frauen und Mädchen. Leb 
haft gestikulierend. Sie haben das Bild erkannt. 
','Meine beste Frau Kommerzienrat, haben Sie 
je bemerkt, dass Frau v. K. grüne Flecken auf. 
den Wangen hat! Grün! Es ist einfach empörend! 
Und für ein solches Bild soll man 2500 M. zahlen! 
Der Künstler muss ja farbenblind sein, dass er 
rot für grün nimmt" . .. „Uebrigens, Frau Doktor, 
haben Sie die Aktstudie von Zorn gesehen - sie 
hängt im Nebensaal — da ist ja der Rücken voll 
brauner, grauer und violetter Kleckse. Wozu über 
haupt nackte Modelle malen. Es ist degautant. 
Und wenn man sie wenigstens erst ein Bad nehmen 
liesse! . . . Und mein Mann, der es von seinem 
Freunde, dem Kritiker, gehört hat, behauptet steif 
und fest, Zorn sei ein bedeutender Künstler. Mir 
hat das Bild ganz den Appetit verdorben. Und 
ich freute mich so auf den Eiscafe." 
Walzerklänge tönen aus dem Garten herüber. 
Die Damen haben genug von der Kunst und gehen. 
* * 
* 
Zwei Herren, vor einer Landschaft. Fluss mit 
Abendstimmung an einem trüben regnerischen 
Tage im Spätsommer, Pappeln ragen am Ufer auf. 
Wie Langhammer es zu malen liebt. 
„Diese Modernen — wie gesucht, wie un 
natürlich! Hast Du schon je chokoladenfarbige 
Wolken gesehen — in der Mark, oder sonst wo? 
Ich nicht! Was das für sonderbar gestaltete 
schwarzgrüne Fetzen vor den Wolken sind! Sollen 
wohl Bäume sein? Was? Und dann — dort — 
auf dem eintönig braunen Untergründe plötzlich 
einige rosa Flecken . . . Das soll Natur sein!“ 
„Jawohl“, stimmt der Andere zu, „und sieh' 
Dir 'mal das Wasser an: vorn tiefdunkel und nicht 
etwa braun, wie die märchenhaften Wolken, die 
es doch wiederspiegeln muss, sondern blitzblau. 
Dort hinten aber silberglänzend! Es ist zum 
Schreien!“ U. s. w., u. s. w., u. s. w. 
Flirt. 
Mehr in den grossen ständigen Galerien und 
Museen anzutreffen. Man ist dort ungestörter und 
die Galeriediener sind so diskret und haben 
gerade zur rechten Zeit einen Staubflecken auf 
einem Bilde zu entfernen, oder im Nebensaal die 
Rouleaux vorzuziehen. . . Aber doch auch in den 
grossen Ausstellungen, Wochentags, an schönen 
Sommertagen schliesslich, unter Hunderten ist 
man ja auch allein. Und dort — es giebt dort 
Säle, wo fast nie Jemand hinkommt, z. B. der der 
Architekten. . . Man ist scheinbar in den Grund 
riss und die Profilansicht eines grandiosen Brücken 
bauentwurfs vertieft und plötzlich pressen sich 
die Lippen aufeinander. 
Oder in einem der kleinen intimen „Salons“ 
in der Winterzeit. „1 Uhr Nachmittags, links in 
der Ecke der grossen Nische, vor Brandenburgs 
,Stunden'." So hatte sie geschrieben, mit ihrer 
süssen, kleinen, kritzlichen Handschrift auf 
Wedgwoodpapier. Und er ist pünktlich da und 
hat alle Bilder schon sechsmal gesehen, ohne sie 
zu sehen, und steht zum achten Mal vor dem 
Brandenburg und sie kommt nicht. Schliesslich! 
Drei junge Mädchen, zwei Couleurstudenten, 
ein Kunstschüler mit Sezessionskravatte, Taillen 
rock und langem schlichtem Haar. Wie das 
zwitschert und säuselt und lacht und flüstert. 
Strahlende Augen/suchende Hände. Ein tolles 
Jagen von Bild zu Bild. Dann ist plötzlich ein 
Paar zurückgeblieben; ein zweites desgleichen. 
„Endlich allein!“ sagt der Kravattenjüngling und 
hinter einem Palmenarrangement auf schwellender 
Polsterbank weiht er seine Blonde in die Kunst 
— welche Kunst? — ein. 
Eine besondere Spezies: „der ältere Herr." 
Kennt alle Katalogverkäuferinnen der „Grossen 
Ausstellung" beim Vornamen und begrüsst die 
Kassendamen in den „Salons" mit Handschlag. 
Ist immer vor den Bildern zu finden, wo chicvolle 
junge Damen stehen, oder vor Nuditäten. Er 
weist allein durch die Säle wandelnden Damen 
gern Kavaliersdienste, in der Hoffnung, als Führer 
geduldet zu werden. Versteht es, seine Aufmerk 
samkeit zwischen der „Diana im Bade“ vor ihm 
und der Dame im Pelzcape hinter ihm zu teilen. 
Hat immer die Saisonblume im Knopfloch und 
einen zusammengeklappten Katalog in der Hand. 
Trägt mitunter ein Monocle. 
L 
Der Sachverständige. 
Der Schrecken des Ateliers und des kunst 
sinnigen Publikums. Meist von unbestimmtem 
Alter. Weiss alles, kennt alles. Ist — so behauptet 
er - ein Duzfreund von Lenbach, hat neulich 
in Paris mit Billotte und Remard gefrühstückt, hat 
dem Wiener Olbrich die Idee zu seinen neuesten 
Künstlerheimbauten in Darmstadt gegeben und 
Walter Leistikow veranlasst, weniger zu stilisieren, 
als bisher; wird Melchior Fechter bei dem Ent 
wurf seiner neuesten Glasmalereien beraten; kennt 
Richard Muther auswendig und schwört auf Licht- 
wark, der übrigens seine besten Ideen „ihm" zu 
verdanken habe. 
ln die Ateliers der ihm bekannten Maler 
platzt er immer gerade dann hinein, wenn ein 
ernsthafter Käufer da ist, dem er oft das Bild ver 
ekelt, das dieser haben wollte; natürlich durch 
seine „sachverständigen“ Bemerkungen. Er hat 
auch noch ein anderes Talent, das — dem Künstler 
brühwarm mitzuteilen, wie Jemand sein Werk 
heruntergerissen habe; aber er thut’s mit dem wohl 
wollenden Bemerken: „Ganzso schlimm sei es nicht.“ 
Woran man ihn erkennt? 
Geht achselzuckend und verächtlich lächelnd 
an dem Haufen Publikum vorüber, das vor der 
grossen „Sensation" der Ausstellung sich drängt, 
und bleibt gern vor dem Bildchen eines „Unbe 
kannten" stehen, gewöhnlich mit einem leisen „Ah!" 
Tritt dann drei, vier Schritt zurück, mustert das 
Bild mit rückwärts geneigtem Kopf durch die 
gekrümmte Hand, stellt sich dann dicht davor, 
beschnüffelt die Leinewand kreuz und quer, 
brummt „hm, sehr gut“, sieht sich um, ob auch 
Jemand in der Nähe, und — wenn er wirklich
        
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