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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

wurde von dem Pförtner zu den Bureaux ge 
wiesen, welche im Erdgeschoss Ingen. Es fiel nun 
unserem guten Geitel auf, dass es hier bei Thomas 
Graft & Go. ganz anders aussah als bei Gurr- 
witzsch, viel einfacher, aber viel vornehmer und 
dass man auch nichts hörte, während es bei Gurr- 
witzsch surrte und bunte. Die Leute hatten 
gewiss nicht viel zu thun. Das Wartezimmer 
war — ja sauberer und netter sah es wohl aus, 
aber es war so kahl, so nichts darin, ein paar 
Stühle, eine Rohrbank, ein Tisch mit einer Wasser 
flasche und Gläsern darauf und das war alles; 
keine Maschinen und Räder und Ziegel und Zeich 
nungen und Bilder, nichts von den eindrucks 
vollen Dingen aus dem Wartesaal bei Gurrwitzsch. 
Nach einer Weile kam der Diener, der ihn 
nach seinem Wunsche gefragt hatte, zurück und 
führte ihn in ein Bureau, in welchem ein Herr 
mit Brille, mächtigem Vollbart und einer riesigen 
Glatze sass. 
„Herr Andreas Geitel?“ 
„Jawohl, so ist mein Name,“ 
„Bitte Platz zu nehmen. Sie wünschen Auskunft 
Uber unsere Bedingungen für die Entnahme von 
Patenten?“ Andreas nickte. „Welcher Art ist Ihre 
Erfindung?“ 
„Eine landwirtschaftliche, eine Handkartoflel- 
pflanzmaschine “ 
„Einen Augenblick!“ sagte der Herr mit 
Brille, Vollbart und Glatze, klingelte den Diener 
heran und ersuchte ihn, Herrn Prewitz zu rufen. 
Herr Prewitz kam. 
„Herr Prewitz, wollen Sie sich von Herrn 
Geitel einmal seine Erfindung einer Handkartoflel- 
pllanzmaschine auseinandersetzen lassen.“ 
Nun wurde Andreas angst und bange. Gurr 
witzsch hatte ihn nach der Erfindung selbst noch 
gar nicht gefragt und schon gleich dreitausend 
Mark gefordert. Hier gingen sie ihm aber 
sofort mit der Sache an den Leib. Er machte 
deshalb verzagte Einwendungen, dass er sich nur 
erst habe erkundigen Wullen und die Herren doch 
nicht unnütz bemühen wolle. 
„Kommen Sie nur mit, Herr Geitel, das kostet 
nichts,“ sagte Prewitz, der den Bauern rasch 
durchschaute. 
Erleichtert athmete Geitel auf und folgte dem 
Ingenieur in dessen Zimmer, wo er nun in grosser 
Länge und Umständlichkeit seine Erfindung aus 
einandersetzte und sich in den Tod verwunderte, 
dass Prewitz nach den wortreichen, aber nicht 
ganz klaren Erläuterungen rasch mit dem Stift 
eine Zeichnung der Maschine entwarf, just so wie 
sie Andreas sich gedacht und zu Hause mit Hülfe 
des Dorfschmiedes gebaut hatte. 
„Ja, ganz genau so habe ich es gemacht,“ rief 
Geitel mit Enthusiasmus, der teils der Kunst des 
Ingenieurs, teils dem eignen Genius galt. „Und 
ich sage Ihnen, die Maschine geht ganz famos.“ 
„Das mag schon sein, Herr Geitel,“ meinte 
Prewitz, „ich fürchte nur, Sie bekommen an der 
Maschine nicht viel patentiert.“ 
„Nicht patentiert die Maschine?“ rief erregt 
Geitel. „Herr Gurrwitzsch sagt doch —“ hier 
hielt er inne, da er merkte, dass er sich ver 
seil nappt hatte. 
„So. bei Gurrwitzsch, sind Sie also schon ge 
wesen,“ meinte trocken der Ingenieur. „Ja, der 
nimmt für Geld alles an. Aber warten Sie mal 
einen Augenblick, dann will ich Ihnen etwas 
zeigen.“ Und mit diesen Worten ging Prewitz in 
ein Nebenzimmer, aus welchem er bald mit einem 
dünnen Heftchen in der Hand zurückkehrte. 
„Sehen Sie, Herr Geitel,“ sagte er belehrend 
zu dem Bauer, „dies ist hier die Beschreibung 
eines älteren deutschen Patentes. Nun schauen 
Sie hin und sagen Sie mir, was an Ihrer Erfindung 
gegen diese anders sein soll.“ 
Geitel schaute betroffen auf die Zeichnung, 
die da vor ihm ausgebreitet lag. Denn das war 
ja seine Maschine; vielleicht in einigen Kleinig 
keiten etwas anders, aber in der Hauptsache waren 
alle Teile da, und als ihm der Ingenieur noch die 
Beschreibung mit kurzen Worten erläutert hatte, 
musste er sich mit bitterem Schmerz eingestehen, 
dass ihm der verf— Kerl von Erfinder seinen 
schönen Gedanken vorweg genommen hatte. Aber 
er konnte es doch nicht fassen, wie so etwas wohl 
möglich sei. 
„Ja,“ sagte ihm der Ingenieur, „lieber Herr 
Geitel, das kommt alle Tage vor, dass zwei Leute 
auf genau den gleichen Erfindergedanken kommen 
und oft auch drei und vier. Natürlich denkt dann 
jeder von ihnen, der andere habe ihm die Idee ge 
stohlen. Nun, in Ihrem Falle kommt das nicht 
in Frage; denn sehen Sie, das Patent ist schon 
drei Jahre alt, und übrigens hat es der Erfinder 
erlöschen lassen.“ 
Bei dieser Bemerkung leuchtete das Hoffnungs- 
fünkchen unseres Andreas wieder auf. 
„Dann kann ich mir die Sache jetzt paten 
tieren lassen?“ rief er freudig. 
„I, bewahre!“ sagte Prewitz. „Die Sache ist 
ein für alle mal erledigt. Darauf giebt es kein 
Patent mehr.“ 
„Aber, Herr Gurrwitzsch —“ wendete Geitel 
ein. 
„Reden Sie mir nicht von Gurrwitzsch!“ fiel 
ihm Prewitz ärgerlich in die Rede. „Der redet 
Ihnen alles mögliche vor, damit Sie bei ihm viel 
Geld abladen und nur wertloses Zeug dafür be 
kommen. Was hat er Ihnen denn abgefordert?“ 
„Für die Patente in eilf Ländern dreitausend 
Mark!“ 
„Alles in Allem?“ 
„Ja, das glaube ich doch“. 
„So, Sie glauben? Na, Herr Geitel, ich will 
Ihnen etwas sagen, wenn Sie Ihr Geld mit Gewalt 
loswerden wollen, dann gehen Sie zu Gurrwitzsch 
und übergeben Sie ihm die dreitausend Mark. 
Wiedersehen werden Sie dann keinen Pfennig, 
was Sie wohl nach dem, was ich Ihnen gezeigt 
habe, begreifen werden.“ 
Ob AndregS Geitel dies so ganz begriff, 
dürfen wir billig in Zweifel ziehen. Denn nach 
allem, was er von und bei Gurrwitzsch gesehen 
und gehört hatte, traute er diesem Manne doch 
zu, dass dieser das Patent noch herausholen könne, 
und es fuhr ihm unwillkürlich heraus, dass Herr 
Gurrwitzsch mit dem Herrn Präsidenten des Pa 
tentamtes so innig befreundet sei. 
Prewitz beantwortete diese Eröffnung mit 
einem lauten Hoho, dem ein fast endloses Lachen 
folgte. 
„Sie, Berner, kommen Sie mal her,“ rief er 
nach rückwärts in das andere Zimmer hinein. 
„Berner, Gurrwitzsch hat bei diesem Herrn hier 
wieder den „Apparat“ spielen lassen und ihm er 
zählt, dass er mit dem Präsidenten vom Patent 
amte auf Du und Du stände und alle Patente, 
die er haben wolle, von dem erlange. — Was?“ 
wendete er sich an Geitel, „war es nicht so? Ist 
nicht auch der englische Botschafter dagewesen, 
während Sie mit Gurrwitzsch sprachen, oder Ex- 
cellenz v. Maibaum oder ein russischer Gross 
fürst? — Na ich sehe es Ihnen schon an, Herr 
Geitel, Gurrwitzsch hat mit Ihnen seine Zicken 
gemacht. Nun will ich Ihnen einen guten Rat 
geben, halten Sie sich von dem Kerl fern, wenn 
Sie Ihr Geld behalten wollen, und versuchen Sie 
kein Patent auf Ihre Erfindung zu nehmen. Es 
wäre schade um die Thaler. Unser Haus würde 
diese Sache jedenfalls nicht übernehmen.“ 
Sehr betrübt zog Andreas ab. Er konnte es 
garuicht fassen, dass Herr Gurrwitzsch ein 
Schwindler sein solle und war überzeugt, dass 
die Herren bei Thomas Graff & Co. den ausge 
zeichneten Mann, der so viel mehr als sie ver 
stand und so grosse Verbindungen hatte, an welche 
jene Firma nicht tippen konnte, böswillig herunter 
gerissen hatten; aber das ältere Patent war da, 
das hatte er ja gesehen und, wenn Herr Gurr 
witzsch davon gewusst hätte, würde er es ihm 
auch sofort gesagt und ihm die Sache wider 
raten haben. Und so kam Andreas dahin, dass 
es am besten sei, er schriebe an Gurrwitzsch und 
fragte bei ihm an, ob er die Patentierung unter 
der Bedingung übernehmen wolle, dass er, Geitel, 
erst dann zu zahlen habe, wenn das Patent er 
teilt sei. 
So hat er denn auch gethan; und darauf ist 
ein vier Seiten langer Brief des Welthauses bei 
ihm eingegangen, in welchem mit vierzehn Grün 
den auseinandergesetzt wurde, dass eine solche 
Geschäftspraxis ganz unerhört wäre und dass 
Geitel jetzt die dreitausend Mark in Bar und 
Wechsel einsenden solle. Mittlerweile hatten sich 
aber die Hoffnungen Geitels stark abgekühlt, zu 
mal ihm eine Kuh umgefallen war und die Gross 
magd ihm gekündigt hatte. Dann kam noch ein 
Brief vom Welthause mit der energischen For 
derung, die Gelder einzusenden, oder einhundert 
Mark Honorar für die Besprechung zu zahlen, da 
Herr Gurrwitzsch seine kostbare Zeit nicht um 
sonst opfern könne. 
Der kluge Geitel that darauf das Beste, was 
er thuen konnte; er beantwortete weder diesen 
Brief noch den nächsten und darauf wurde alles 
still. Andreas hatte seinen Erfindertraum ausge 
träumt und dreitausend Mark in der Tasche be 
halten.
        
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