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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

können überzeugt sein, dass dieses Patent für Sie 
sehr lohnend wird. Da war erst im vorigen 
Monate ein Herr bei uns, auch ein Landwirt, der 
hatte sich — durch mein Bureau — eine neue 
Hacke patentieren lassen. Wissen Sie, was der 
mit dieser Erfindung erzielt hat?“ 
Andreas wusste es nicht, aber war sehr ge 
spannt, es zu erfahren. 
„Nun“, fuhr Gurrwitzsch mit heller Freude 
in seinem Antlitz fort, „baare dreihunderttausend 
Mark hat ihm eine amerikanische Fabrik dafür 
gegeben, haar, auf den Tisch des Hauses!“ 
„Herr Gurrwitzsch,“ unterbrach hier Herr 
Questenberg die aufregende Erzählung seines 
Chefs, indem er den Kopf durch die Thür 
steckte, „das russische Marineministerium fragt an, 
wie es mit dem Patentankauf stände. Was soll 
ich antworten ?“ 
„Schreiben Sie dem Minister,“ sagte Herr 
Gurrwitzsch, sich auf seinem Sessel halb zu 
Questenberg hinwendend, „der Erfinder bliebe 
bei seiner Forderung von vier Millionen Mark 
und ich müsse Excellenz dringend anrathen, diesen 
Preis zu acceptiren, da ich unter der Hand er 
fahren habe, dass die englische Regierung ent 
schlossen sei, selbst mehr zu geben — Sie 
können“, rief er dem abziehenden Questenberg 
nach, „Sie können dem Herrn Minister bei dieser 
Gelegenheit schreiben, dass es für die Zukunft 
doch besser sein würde, wenn er mir bei den 
Ankäufen von Erfindungen freie Hand Hesse, und 
dass die jetzige Mehrforderung des Erfinders durch 
die von mir widerratenen Verzögerungen ent 
standen sei.“ 
Questenberg verschwand, um an den russischen 
Minister zu schreiben. 
„Entschuldigen Sie, Herr Geitel, wenn wir 
aufs Neue gestört wurden,“ nahm Alexander Gurr 
witzsch das unterbrochene Gespräch wieder auf, 
„aber sehen Sie das geht einmal nicht anders.“ 
„Ja, ja, Herr Gurrwitzsch, das kann ich mir 
schon denken, wenn man mit so hohen Herren 
zu thun hat,“ meinte Geitel. 
„Und ich mache mir gar nichts daraus. Im 
Grunde genommen ist mir ein Minister nicht so 
viel werth, wie ein schlichter Erfinder, wenn er 
er etwas geschaffen hat. Denn Minister kann 
jeder werden. Aber Erfinder 1“ Und Gurrwitzsch 
erhob die rechte Hand und schaute verzückt in 
die Höhe. Aber darüber vergass er das Geschäft 
keineswegs und so fuhr er alsbald fort: „Also 
um nun zu unserer Sache zu kommen, rate ich 
Ihnen, das deutsche, das französische, das belgische, 
das dänische, das schwedische und norwegische, 
das russische, österreichische, italienische, englische 
und amerikanische Patent zu nehmen.“ 
,Wäre es nicht besser, es zuerst einmal nur 
in Deutschland zu versuchen?“ fragte zaghaft Geitel. 
, Wo denken Sie hin, Herr Geitel, dann wird 
Ihnen ja die Erfindung in anderen Ländern nach 
gemacht und Ihr Gewinn geht zum Kuckuck.“ 
„So, so, so, so!“ sagte Geitel. 
Nein, nein, entweder ganz oder gar nicht, 
Herr”Geitel. Was kann es Ihnen auf die drei 
tausend Mark ankommen, wo Sie das Zwei-, Drei-, 
Vierhundertfache oder, was weiss ich, dafür wieder 
bekommen können.“ 
„Dreitausend Mark ist viel Geld“, sagte, sielt 
hinter dem Ohr krauend, Geitel. 
„Erlauben es Ihnen Ihre Mittel nicht?“ 
„Nun, das schon, aber ich habe so viel Geld 
nicht gerade daliegen.“ 
„Ö, Herr Geitel, das soll Ihnen keine Schwierig 
keiten machen. Sie zahlen mir die Hälfte an und 
geben mir für den Rest Wechsel.“ 
„Lord Lonsdale wünscht Sie am Telephon 
zu sprechen,“ meldete liier Mielenz. Gurrwitzsch 
nahm das vor ihm liegende Tischtelephon auf 
und führte es an den Kopf: 
„Hello, here Alexander Gurrwitzsch. — Good 
morning, Your Lordship. — Yes! Yes! — No! 
— Indeed! — Yes! Yes! —“ Und den Apparat 
niederlegend, sagte er zu dem wartenden Mielenz: 
„Der Lord wird gleich einen Sekretär mit Quittung 
schicken. Lassen Sie ihm die achtzigtausend Mark 
auszahlen.“ 
„Schön,“ sagte Mielenz und verschwand. 
Mittlerweile hatte sich nun Geitel besonnen 
und entschlossen, seine grosse Erfindung dem 
Welthause Gurrwitzsch anzuvertrauen. Da ihn 
die dreitausend Mark aber doch schmerzten und 
er sie noch einige Zeit für sich behalten wollte, 
so versuchte er auf diplomatischem Wege, den 
Betrag abzumindern und die Zahlung hinzuziehen, 
zumal ihm die Ausstellung von Wechseln gar 
nicht gefiel. 
„Sagen Sie mal, Herr Gurrwitzsch, geht es 
nicht billiger?“ 
„Keinen Pfennig, Herr Geitel. Billiger machen 
werden es Ihnen vielleicht andere sogenannte 
Patentanwälte, das heisst, sie sagen Ihnen, sie 
wollten das Patent für weniger Geld anmelden — 
verstehen Sie? anmelden. — Ob sie es dann be 
kommen, ist eine andere Frage, denn die Herren 
haben ja keine Verbindungen. — Bekommen Sie 
es aber, dann müssen Sie noch viel mehr nach 
zahlen.“ 
In diesem Augenblick erschien wieder Herr 
Zuberow. „Der Direktor des Patentamtes in 
Washington telegraphiert, ob wir die Patentan 
sprüche so annehmen wollten, wie er vorge 
schlagen.“ 
„Fällt mir nicht ein,“ fuhr Gurrwitzsch in die 
Höhe, „was denkt der Amerikaner, wer ich sei? 
Meint er, ich wäre der erste Beste? Kabeln Sie 
ihm sofort zurück: Es bleibt, wie ich bestimmt 
habe. Wenn Patentamt nicht annehmen will, 
sofort Beschwerde beim Präsidenten der Staaten. 
Ich will dem Herrn schon Mores lehren.“ 
„Schön,“ sagte Zuberow und verschwand. 
„Also, Herr Geitel, nicht in meinem Interesse 
— für mich ist die Sache ja nicht von grosser 
Bedeutung, das heisst dem Gelde nach nicht von 
grosser Bedeutung, die Ehre weiss ich ja zu 
schätzen — nicht in meinem, sondern in Ihrem 
eigensten Interesse rathe ich Ihnen und Sie werden 
es nicht bereuen, meinem Rate zu folgen: Gehen 
Sie gleich ordentlich an die Sache ran.“ 
Nun, Geitel wollte dies ja auch, aber die 
Trennung von seinem Besitz wurde ihm doch 
schwer und er fing deshalb eine lange Rede an. 
Gurrwitzsch drückte aber auf den verborgenen 
Beendigungsknopf und sofort erschien Questenberg. 
„Herr Gurrwitzsch, Excellenz v. Maibaum 
ist da mit einer wichtigen Sache vom Reichs 
kanzler.“ 
„Führen Sie Excellenz in meinen Salon,“ rief 
lebhalt Gurrwitzsch, und sich zu Geitel wendend, 
sagte er: „Herr Geitel, es thut mir furchtbar leid, 
dass ich unsere Unterredung abkürzen muss, ein 
hoher Herr vom Reichskanzleramt will mich 
sprechen und Sie verstehen, solche Herren dürfen 
wir nicht warten lassen.“ 
„Gewiss, gewiss, Herr Gurrwitzsch, ich will 
Sie nun auch nicht länger aufhalten,“ meinte eifrig 
Geitel. Aber mit dieser Bereitwilligkeit war dem 
Patentanwalt noch nicht ganz gedient. 
„Ja, also wie ist es denn?“ fragte er nun den 
Bauer. 
„Nun, ich werde es nach Ihrer Anweisung 
machen.“ 
„Und die Anzahlung?“ 
„Ja, so viel habe ich natürlich nicht bei mir.“ 
„Wieviel können Sie denn sofort zahlen? 
Wissen Sie, es ist mir nur um die rasche Inan 
griffnahme zu thun.“ 
Nun dachte Andreas aber, dass es auf einige 
Tage auch nicht ankäme, und er meinte, er habe 
nur einige Mark bei sich und sein übriges Geld 
im Gasthofe. 
„Nun gut, Herr Geitel,“ sagte Gurrwitzsch, 
„holen Sie es her und wir fangen dann unver- 
weilt an.“ 
Dazu war Geitel bereit, denn er konnte seine 
Scheine, die er in der Brieftasche hatte, doch noch 
einige Zeit behalten und so drückte er denn dem 
guten Herrn Gurrwitzsch, der schon aufgestanden 
war, um zu der nicht vorhandenen Excellenz zu 
eilen, warm die dargebotene Rechte. Dann aber 
machte er sich auf und, da er die rechte Thür 
verfehlte, geriet er in das Kontor des Herrn 
Mielenz, aus dem er auf den rechten Weg ge 
wiesen wurde. Es fiel ihm aber bei diesem Gange 
auf, dass der Herr v. Böckel, in eine Leinewand 
jacke gekleidet, an einem Tischchen des Kontors 
sass, obwohl er es vorhin doch so sehr eilig 
gehabt hatte. Wahrscheinlich wartete er aufseinen 
Herrn, Excellenz v. Maibaum, wozu freilich die 
Leinewandjacke eigentlich nicht recht passte. 
Andreas Geitel war, ein Krösus an Hoffnungen, 
von dem „Welthause Alexander Gurrwitzsch“ hin- 
wettgegangen und es trieb ihn, seine glänzende 
Zukunft zunächst etwas spazieren zu führen. So 
schleuderte er denn den Schiffbauerdamm entlang 
und bog nach dem Königsplatze ein. Da wollte 
es der Zufall, dass sein Blick auf ein kleines, neben 
einer Hausthür befestigtes Firmenschild fiel und 
er las: Thomas Graff & Co., Patentanwälte. 
„Sieh, sieh!“ sagte sich Andreas. „Da wohnen 
ja auch Patentanwälte. Das ist gewiss die Pfuscher 
sorte, von welcher Herr Gurrwitzsch sprach. •— 
L kannst ja da auch einmal hinaufgehen und dir 
die Menschen ansehen. Kosten wird es ja nichts 
und etwas hört man ja immer!“ So gedacht, so 
gethan. Andreas zog die Klingel, trat ein und
        
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