Path:

Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

war 
um die 
Stunde 
11 Uhr 
Vormittag 
,, voll-; 
ständig 
aufge 
räumt und 
in Ord 
nung ge 
bracht, so 
dass es einen 
gewissen 
häuslichen 
Anstrich ge 
wonnen hatte. 
Auf den 
Tischen keine 
Oläser mehr, 
auf der Erde 
keine Zünd 
hölzer und 
Zigarren- 
stümpfchen, 
keine leeren 
Farbentuben, 
keine Pinsel, 
nichts. Nein, 
der Geist der 
Ordnung 
herrschte da 
rin, und der 
Sonnenstrahl, 
der durch das 
hohe Fenster hereindrang, fiel 
auf gut abgestaubte Möbel, 
auf Bilder und Bilderrahmen 
und auf „Krüger", die grosse 
Ulmerdogge, die langhinge 
streckt dalag und sich sonnte 
und schlief. 
Das 
Atelier 
Aurelio Montiel, der Maler, aber stand vor seiner 
Staffelei, und nichts von dem Sonnenstrahle drang in 
sein Gemüt, seinen Geist. Nein, er lag gerade im 
Kampfe mit einer jener Krisen von hoffnungsloser Selbst- 
zerfallenheit und Muthlosigkeit, die in den nervösen 
Zeiten von heute so oft unsere Künstler befällt. Was 
um Himmelswillen wollte er auf die Leinewand da werfen? 
Was wollte er mit den Farben da zum Ausdruck bringen, 
die wie Soldaten in Reih und Glied auf den Rand der 
Palette geklext waren? Nichts, nichts! denn was er auch 
anfing, es gelang nicht, nicht so wenigstens, wie er es 
in sich trug, nein, so nicht. Das wiederzugeben gelang 
ihm nie, heute am wenigsten. Er hatte nichts, was ihn 
DAS /AODCLL. 
Von Emilia Pardo Bazän. 
^5,^- 
hätte begeistern können, keinen Gedanken, nichts, nicht 
einmal ein Modell. Das heisst, ja, in einer Viertelstunde 
würde es ja kommen, ein Allerweltsmodell, ein Modell, 
das auf hundert Bildern wiederkehrte, eines jener Modelle, 
die in der Vorhalle der Akademie herumlungern und 
warten, wer es brauchen kann, oder an die Atelierthür 
klopfen und sich für eine Pes;te die Stunde anbieten 
kommen. Der alte Mann mit dem Apostelbart, der junge 
Mann mit dem Judaskopf, das Zigeunermädel mit dem 
Tambourin und wie sie alle heissen die Modelle von 
Beruf, die den Künstler zur Verzweiflung bringen. 
Wann, wann kam denn endlich einmal etwas Neues, 
etwas was Und am liebsten hätte er, als es jetzt 
klingelte, gar nicht aufgemacht; denn das war ja das 
Modell, das ihn heute, in der Stimmung in der er jetzt 
war, anekelte, wie sein ganzer Beruf, seine ganze „Kunst." 
Kunst! Jawohl, o du mein Gott! Kunst! 
Und er lachte bitter auf und ging um zu öffnen. 
Aber was war das? Ganz überrascht trat er zurück, denn 
in der Thür da stand, statt des erwarteten Mannes mit 
dem Barte, ein junges, zartes, schüchternes Mädchen, 
kaum 15 bis 16 Jahre alt, von entzückender Figur und 
mit einem Gesichtchen „zum Malen." 
„Ich . . . ich komme" begann sie, „weil . . . weil 
mein Onkel mich schickt. Er kann nicht kommen. Er 
ist krank." 
„So? und was fehlt ihm?" 
„O, sein altes Leiden. Er liegt seit drei Tagen zu 
Bett und kann nichts verdienen." 
„Na komm' doch herein und erzähle." 
Und das Mädchen trat ein mit fast kindlicher Scheu 
und ebenso kindlicher Neugier. 
„Komm'", sagte er, „ein Stückchen Kuchen und ein 
Glas Wein wird wohl noch für dich da sein." 
Neugierig blickte das Mädchen sich im Atelier um, 
als wäre es etwas Ausserordentliches, etwas Heiliges. Und 
heilige Bilder hingen ja da auch in Menge und die 
Heiligen lächelten sie an, so vertraut, so liebreich. Da 
aber plötzlich fiel ihr Blick auf einen Akt. Ein nacktes 
Weib in der wollüstigen Pose einer Bacchantin, und 
Aurelio wandte keinen Blick von dem jungen Mädchen, 
das wie zu Tode erschrocken dastand und die Hand auf 
die pochende Brust presste, und in dessen bleiche Wangen 
eine zarteRötheaufstieg, diebiszum purpurnen, brennenden 
Roth wurde. Und aus diesem Roth, und aus diesem 
Schreck und aus dem ganzen Ausdruck und Wesen des 
Mädchens sprach so viel Seele, wie sie Aurelio noch nie 
gefunden. 
Es war wie eine Offenbarung. Kein Wort sagte das 
Mädchen. Kein Wort sagte der Maler. Nur als die 
Röthe aus dem Antlitz des Mädchens wieder wich, sagte 
der Maler: 
„Du bist also die Nichte Onkel Onofrios?" 
„Jawohl, die bin ich. Und ich lebe für ihn. Ich 
hab keine Eltern. Und jetzt, wo er nichts verdienen 
kann, 
muss 
i ch's 
für ihn 
thun. Des 
halb bin 
ich hier. 
Deshalb 
geh' ich 
auch zu 
den ande 
ren, viel 
leicht kann 
ich auch bei 
ihnen Modell 
stehen." 
„Das kannst 
du bei mir. 
Nur bei mir. 
Ich zahle dir 
das doppelte, 
das dreifache, 
wenn du es 
nur bei mir 
thust und wir 
können 
augenblick 
lich begin 
nen." 
Mit den Au 
gen des 
Künstlers 
blickte er 
nochmals auf 
das ent 
zückende 
Kind, dessen 
knospende Formen er unter 
dem dürftigen Kleidchen er- 
rieth. 
„Ziehe dich aus", wollte 
er sagen, aber er sagte es 
nicht. Nein, er hätte es nicht 
über die Lippen gebracht. 
„Stelle dich hin" sagte er „und sieh dort auf das 
Bild." Und er zeigte hin auf das Bild der Bacchantin. 
Und wieder stieg das Roth in die Wangen des Mädchens 
und wieder sprach der Schreck aus ihren Augen, 
der jähe, der hilflose Schreck. Und Aurelio hielt diesen 
Ausdruck fest und malte und malte wie er nie noch 
gemalt. Mehr als mit Lust, mit Begeisterung. Tagelang 
arbeitete er, tagelang kam sie zu ihm. Und das Bild 
wurde das, was der Künstler gewollt. Und das Bild 
hatte den Erfolg, den er geträumt. —
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.