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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

aus 12 Bogen zusammengesetzter Bretter und 
bildete ein Zirkelstück; den oberen Teil des Daches 
nahm der Malersaal ein, welcher durch keinen Dach 
stuhl unterbrochen und durch Lichtfenster von oben 
erleuchtet wurde. An den 4 Seiten des Hauses be 
fanden sich Basreliefs, welche, nach der Erfindung 
und den Modellen von Schadow in Stuck aus 
geführt, mythologische Gegenstände darstellten. 
Der Zuschauerraum in Form einer Ellipse 
hatten für 2000 Menschen Raum. Das Parterre 
war aufsteigend in 2 Absätzen angelegt und mit 
Bänken und gepolsterten Sitzen versehen. An den 
Seiten derselben befanden sich 13 Logen , über diesen 
lag der erste Rang mit der grossen Königlichen 
Loge gegenüber dem Theater und 21 andere Logen. 
Im Proszenium befand sich eine andere Königliche 
Loge und dieser gegenüber eine Loge für Fremde. 
Der 2. Rang zählte 26, der 3. Rang 24 Logen und 
2 Balkons, Amphithe ater und Gal ler ie bildete 
den 4. Rang. Hinter den Logen befand sich ein 
Doppel-Korridor, der im Winter geheizt werden 
konnte. Die Oeffnung der Bühne war 4U/2 Fuss 
breit und 34 Fuss hoch. Noch 5 Wochen vor 
Schluss des alten Hauses am 23. November 1801, 
warSchiller’s „Jungfrau von Orleans“ miteinem 
bis dahin noch nicht dagewesenen Ausstattungs 
gepränge in Szene gegangen und konnte bei vollsten 
Häusern und unter begeistertem Beifall oft wieder 
holt werden. Ein vorhergegangener Rollenstreit über 
die Besetzung der Titelrolle ist ein sprechendes 
Zeugnis für das Interesse, mit welchem sich die 
Berliner an den Theaterangelegenheiten beteiligten, 
und zugleich für die grosse Verehrung, die gern so 
herrlichen Talenten der Bühne, wie Mad. Henriette 
Meyer und Friederike Unzelmann entgegen 
gebracht wurde. Die Schillersche „Jungfrau von 
Orleans“ war denn auch die letzte Vorstellung am 
31. Dezember 1801 im alten Schauspielhause. Den 
Abschied bildete ein Epilog Iffland’s. 
Am folgenden 1. Januar 1802, an einem eisig 
kalten Neujahrstage strömte das Publikum zur Ein 
weihungs-Vorstellung in das neue Schauspielhaus, 
zur ersten Aufführung des fünfaktigen Schauspiels 
von Kotzebue: „Die Kreuzfahrer“. Der Er 
öffnungszettel liegt im Abdruck vor und gewährt 
einen lehrreichen Ueberblick über das Personal 
Ifflands, der selbstverständlich miteinem sinnreichen, 
würdig auch den königlichen Beschützer und Förderer 
der Kunst feiernden Prolog das erste Wort im 
Hause hatte. Enthusiastisch wurde das Königspaar 
in der Hofloge begrüsst. Das Schauspiel Kotzebues 
war eine bestellte Arbeit. Der fruchtbare Dichter, 
dem die heitere Muse viel vertrauensseliger zulächelte, 
als die ernste und tragische, hatte sich damals in 
Berlin niedergelassen und gab dem Weihestück zu 
gleich die Form eines dekorativen und kostümlichen 
Ausstattungsstückes. So wurde denn auch mehr 
noch, als das Werk des Verfassers, der künstlerische 
Reichtum an herrlichen Prospekten aus dem Maler- 
Atelier Veronas bewundert. 
Das neue Haus, welches freilich nicht mehr auf 
die künstlerische Schaffenskraft eines Fleck zählen 
konnte, der schon 1801 am Ende des Jahres allzu 
früh aus dem Leben abberufen worden war, ist als 
die eigentliche Hauptstätte der Iffl and sehen epochalen 
Direktionszeit zu bezeichnen, die im ganzen bis zu 
dem am 14. September erfolgten Tode 17 Jahre 
umfasste. Er hatte dem König in seiner Neubau- 
Eingabe vom io. Juli 1798 die Zusicherung unter 
breitet, dass, wenn das neue Theater gebaut sein 
würde, die Berliner Bühne die erste in Deutschland 
werden sollte. Und das war auch der Fall. 
14 Jahre des Iff'land’schen Lebens und künst 
lerisch bedeutsamen Wirkens gehörten dem neuen 
Hause, dessen Bestehen selbst nun noch 3 Jahre 
über den Tod seines Mitbegründers im Jahre 1814 
hinaus reichte. In dieser Periode wurde unter 
dem massgebenden Einflüsse der grossen Weimaraner 
der klassische Hochbau des deutschen Dramas vollendet 
und der künstlerische Styl der Darstellung auf der 
Bühne allmälig idealer gestimmt, bis er durch den 
Eintritt von Goethe’s Lieblingsschauspieler durch 
Pius Alexander Wolff unter Iffland’s Direktions- 
Nachfolger seinen Höhepunkt erreichte. Die „Picco 
lominie“, Wallenstein’s Tod“, „Maria Stuart 1 ,, „Die 
Jungfrau von Orleans“, „Egmont“ wurden aus den 
grossen Weimarischen Neu-Schöpfungen in das 
neue Haus mit hinübergenommen, und nun folgten 
dort 1802 am 10. März Lessing’s „Nathan der 
Weise“ mit J.ffland selbst in der Titelrolle; 5. April 
1802 „Turandot“ nach Gozzi von Schiller, 1802 
am 27. Dezember Goethe’s „Iphigenia auf Tauris“ 
die vornehmste und abgeklärteste dramatische 
Dichtung des künstlerisch - poetischen Neu- 
Hellenismus Frau Bethmann (Unzelmann) war 
die erste Darstellerin der herrlichen Griechin-Tochtre 
und spielte sie auch noch tiefbewegten Herzens, 
als nach dem Heimgange der unendlich geliebten 
Königin Luise und nach Schluss der Trauer 
1809 im August das Theater wieder mit Iphigenia 
eröffnet wurde. 
'I | Am 14. Juni 1803 folgte Schillers „Braut 
von Messina“, am 12. Juli 1803 Göthes „Natür 
liche Töchter“, am 28. November 1803 endlich 
auch „Wallensteins Lager“, am 25. Februar 
1804 „Julius Cäsar“ von Shakespeare in der 
Schlegelschen Übersetzung, am 4. Juli 1804 
Schillers „Wilhelm Teil“, am 24. Februar 1806 
„Phoedra“ nach Racine von Schiller, am 
2. Dezember 1809 Macbeth von Shakespeare in 
Schillers Bearbeitung. 1810 am 5. März der 
„Kaufmann von Venedig“ (Shakespeare- 
Schlegel), am 28. März 1810 „Don Carlos“ (in 
neuer Einrichtung), am 29. November 1809 „Maho- 
med“ nach Voltaire von Goethe, am 25. Novem 
ber 1811, „Torq uato Tasso“ von Goethe, 1811 
am9. April die Go etesehe Bearbeitung von Shakes 
peares „Romeo und Julia“, am 28. Dezember 
1812 „Othello“ in der Uebersetzung Schlegels. 
Das Jahr 1806 am 11. Juni hatte auch Zacharias 
Werners berühmtes Luther-Schauspiel „Die Macht 
der Kraft“ auf die Bühne gebracht. Iffland 
wurde vielbewundert in der Darstellung des Refor 
mators. „Luther“ und „Nathan“ blieben seine 
Lieblingsrollen und er trat oft darin bis zu seinem 
Tode 1814 auf. Als besondere grosse Ereignisse 
müssen aus der damaligen Zeit noch die besonderen 
Schillerabende im Königl. National-Theater erwähnt 
werden, die während der Anwesenheit und zu Ehren 
des gefeierten Dichters in Berlin 1804 angeordnet 
wurden. Man spielte unter begeisterten Kund 
gebungen für die in der Loge anwesenden nationalen 
Dichter: die „Räuber“, „Braut von Messina“, „Jung 
frau von Orleans“ und „Wallensteins Tod“. Schiller 
war damals schon sehr leidend und der Ausgang 
des folgenden Jahres 1805 sah ihn schon nicht mehr 
unter den Lebenden. Das Königliche Theater ver 
anstaltete 1806 eine Benefiz-Vorstellung für die 
Hinterbliebenen, zugleich eine Totenfeier für den 
Dichter, dessen „Braut von Messina“ eine erschütternde 
Wirkung ausübte. Die französische Occupation der 
Hauptstadt stellte die Energie, und den Patriotismus 
und die Königstreue Ifflands in das hellste Licht! 
Auch während der Abwesenheit des Königspaares, 
die bis zum Abzüge der französischen Truppen im 
August 1807 dauerte, wusste er trotz der feindlichen 
Späherschaften die Ehrungen des Landesherrn im 
Königlichen Theater aufrecht zu erhalten. Mit dem 
fremdländischen Kommandanten St. Hilaire geriet 
er wiederholt in Konflikt, doch ohne unglückliche 
Folgen. Die Rückkehr des Königspaares aus Königs 
berg und die Besitznahme der Residenz führte zu 
grossen neuen Huldigungsakten in Berlin, als deren 
schönste auch die Festvorstellungen im Theater 
hervortraten. Der König lohnte den treuen Patrioten 
Iffland mit Verleihung des roten Adlerordens, und 
da im weiteren nunmehr auch die längst schon 
morsche italienische Oper aufgelöst und das Friede- 
zianische Opernhans der deutschen durch Gluck, 
Mozart und Beethoven zur klassischen Bedeutung 
gelangten Oper eingeräumt wurde, so gelangte auch 
Iffland zu dem neu kreirten Posten eines General- 
Direktors. Der treffliche Mann erfreute sich leider 
nicht mehr lange dieser Würde. Der 22. September 
1814 erlöste ihn von längerem Leiden. 
Nach einem kurzen, von Regisseuren und Hof 
räten ausgeübten Interregnum trat, vom König be 
rufen, Graf Moritz von Brühl (geb. 1772 in der 
Nieder-Lausitz, gest. 1837) an die Spitze der Theater- 
Leitung und zwar als General-Intendant, da das 
dramatische Ober-Leitungsamt nunmehr zur Hof- 
Charge erhoben wurde. Graf Brühl trat am 
i. Januar 1815 ein. Er war einer der feingebildetsten 
Kavaliere des preussischen Hofes, hatte als junger 
Mann durch seinen Aufenthalt am Hofe der Prinzessin 
Amalie von Weimar schon die Freundschaft 
Goethes, Schillers, Herders, Wielands und 
all der andern erlauchten Geister gewonnen, von 
welchen die neue Kunst-Sonne damals ausging. 
Später war er Kammerherr des Prinzen Hein 
rich in Rheinsberg, der Königin-Mutter in Berlin 
und schlisslich Kammerherr der Königin Luise 
gewesen. Die Intendantenwahl war auf einen 
ganz besonderen Kunstschwärmer von edelstem 
Geschmack gefallen und in den 13 Jahren seiner 
Direktionsführung sollte das Königliche Theater 
eine ganz besondere denkwürdige Epoche erleben. 
Denkwürdig zunächst durch die Berufung dreier der 
hervorragendsten dramatischen Künstler. Der Tod 
des grossen Charakterdarstellers Iffland hatte in dem 
Personalbestand die empfindlichste Lücke gebracht. 
Nach dem Debüt Ludwig Devrients, der 1816-
        
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