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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

$)as Königliche Schauspielhaus in perlin 1802—1902 
§ ehn Jahre nach der Gründung des deutschen 
Burg-Theaters durch Kaiser Joseph II in Wien 
hatte auch in der Residenz der Hohenzollern für die 
deutsche Schauspielkunst durch die Bethätigung 
fürstlicher und landesherrlicher Munifizenz die ge 
deihlichste Epoche begonnen. König Friedrich 
Wilhelm II, der Nachfolger Friedrichs des Grossen 
nach dessen 1786 erfolgten Tode, hatte schon als Kron 
prinz regen Anteil an dem Aufblühen der Kunst, der 
Musik und des Theaters in deutschen Gauen genommen 
und war, als er den Thron bestieg, rasch entschlossen, 
der deutschen dramatischen Muse, die sich bis dahin 
an der Spree nur eines privaten unansehnlichen 
bürgerlichen Komödienhauses in der Behrenstrasse 
(auf dem Platze des heutigen Metro pol-Theaters) 
erfreuen konnte, einen mächtigen und sicheren Schutz 
am königlichen Hofe selbst zu gewähren. In jenem 
1756 vom Prinzipal Schuch erbauten, dann von 
Koch übernommenen und schliesslich von Karl 
Theophil Döbbelin erworbenen Komödienhause 
war allerdings längst schon die klassische Muse 
deutschen Ursprungs in prangender Jugendfülle er 
schienen und Englands dramatischer Genius bannte 
dort schon mit den tiefsinnigsten Werken die Berliner 
in seinen Zauberkreis. Minna von Barnhelm und 
Emilia Galotti, Götz von Berlichingen, 
C lavigo Stella, die Räuber, Fiesko und Kabale 
und Liebe, Othello, Romeo und Julia, Macbeth 
und Hamlet, alle diese unsterblichen Schöpfungen 
waren bereits von den zum Teil sehr rühmlichen 
Talenten der Kochschen und D öb b e linschen 
Theatergesellschaft in der Behrenstrasse aufgeführt 
worden. Die Verdienste Döbbelins waren dem 
Kronprinzen Friedrich Wilhelm nicht entgangen, 
selbst Prinz Heinrich, der, wie sein Bruder König 
Friedrich II dem französischen Schauspiele sehr 
hold gesinnt war und auf seinem Rheinsberger 
Schlosse eine französische Truppe unterhielt, konnte 
nach mehrmaligem Besuche des Döbbelin sehen 
Unternehmens nicht umhin, den deutschen Vor 
stellungen seinen Beifall zu spenden. Das französi 
sche Schauspielhaus, welches Friedrich der Grosse 
auf dem Gensdarmenplatze seinen nach Berlin 
berufenen französischen Schauspielern hatte erbauen 
lassen, stand längst wieder leer. Der alte Fritz 
war nun schon viele Jahre vor seinem Tode einsam 
geworden und die Königsloge im Theater leer ge 
blieben. Die Pariser Komödianten waren, als 
Friedrich Wilhelm II die Regierung übernahm, 
nicht mehr in Berlin und so vollzog sich die That- 
sache rascher, als man ahnen konnte. Der neue König 
berief den Direktor Döbbelin und dessen Truppe 
in das verlassene Schauspielhaus und wurde somit 
der Schöpfer des deutschen Königlichen Schauspiel 
hauses in Berlin, welches zunächst den Titel „König 
liches National-Theater“ trug. Am 5. Dezember 1786 
hatten die Residenzbewohner zum ersten Male das 
Vergnügen, ein deutsches Königliches Schauspielhaus 
besuchen zu können. 
Die Hoffnungen, welche der kunstliebende 
Monarch auf das neue Unternehmen gesetzt hatte, 
erfüllten sich in der ersten Zeit der Döb beli n sehen 
Oberleitung keineswegs. Der Charakter des Mannes, 
dem ein unverholftes Glück beschieden war, bewährte 
sich nicht. Döbbelin neigte zur Verschwendung, 
der damals besonders stark grassierende Spielteufel 
hatte auch ihn ergriffen und so konnte es nicht 
Wunder nehmen, dass das ihm unterstellte Kunst- 
Institut vernachlässigt wurde und auch wirtschaftlich 
zu leiden begann. Andere Männer wurden daher 
zur Oberleitung berufen, Döbbelin auf die Regie 
beschränkt. Die Professoren Engel, Verfasser der 
berühmten Mimik,Rammler, der Oden-Dichter, sowie 
der Oekonomie-Rat Wa r s i n g, Männer von Geschmack, 
Einsicht und praktischen Verwaltungserfahrungen 
waren eine Zeit lang bemüht, das Berliner National- 
Theater in die eines königlichen Instituts würdige 
Bahn zu lenken. Aber der volle Aufschwung kam 
erst mit der Berufung eines Künstlers und Bühnen 
dichters, dessen Ruhm von dem Mannheimer 
National-Theater, von der Geburtsstätte des 
Schillerschen Genius aus schon damals in alle 
deutschen Gaue hinaus gedrungen war. 
August Wilhelm Iffland (geb. 1759 in 
Hannover, gest. 1814 in Berlin). Das Dekret, mit 
welchem Iffland vom König zum Direktor des k. 
National-Theaters berufen wurde, datiert von Pots 
dam, 15. Dezember 1796. — Der neue Führer 
brachte ebensoviel hohen Kunstsinn, wie praktische 
Umsicht und durchgreifende Energie mit. War er 
selbst einer der genialsten Darsteller seiner Zeit, als 
Dramatiker schätzbar, obwohl auch allzu abhängig 
von der damaligen schwärmerischen Gefühlsstim 
mung und Empfindsamkeit, so hatte er doch das 
Glück, in Berlin schon eine Reihe bedeutsamer schau 
spielerischer Elemente von hohem Werte vorzufinden, 
die er mit Hinzufügung neuerworbener Kräfte all 
mählich zu einem der künstlerisch vornehmsten En 
sembles zu vereinigen verstand, um damit auch den 
grossen dramatischen Schöpfungen, die damals zuerst 
von Weimar ausgingen, gerecht zu werden und durch 
die sorgfältige Pflege eines Spielplans von reichstem 
literarischen Inhalte der Berliner Bühne die führende 
Rolle in Deutschland zu erobern. Die Namen der 
Darsteller Fleck und Mad. Unzelmann (später 
Unzelmann-Bethmann, Beschort und Madame 
Meyer (geborene Sch üler, verwitwete Mad. Eunicke, 
dann Gattin des Dr. Meyer, in dritter Ehe Mad. 
Hendel und zuletzt Mad. Hendel-Schütz), Ba- 
ranius, Döbbellin, sodann Ambrosch, Rüthli, 
Gerth, Gern, Karl Unzelmann u. s. w. sind 
unter I fflands Direktionsleitung zu stetig wachsen 
dem Rufe gelangt. Seine szenischen Grossthaten in 
den wenigen Jahren, die ihm das alte Jahrhundert 
seit Uebernahme des Führeramtes übrig gelassen 
waren die Aufführungen von Schillers „Picco 
lomini“ (18. Feb. 1799) und „Wallensteins Tod“ 
(17. Mai 1799) mit Fleck in der Rolle des „Wallen 
stein“, „Maria Stuart“ (8. Jan. 1801) mit Mad. 
Unzelmann in der Titelrolle, „Egmont“ (25. Feb. 
1801) mit Frau Unzelmann als Clärchen, „Ham 
let“ (15. Okt. 1799) in der neuen Schl egelschen 
Uebersetzung, mit Beschort in der Titelrolle. Auch 
das deutsche Singspiel und die deutsche Oper hatten, 
da sie damals mit dem deutschen Schauspiel noch 
unter einem Dache wohnten, weil das Königliche 
Opernhaus ausschliesslich der schon ziemlich alt 
modisch gewordenen italienischen Oper diente, in 
Iffland eine aufmerksame Pflege gefunden. Mo 
zarts und Glucks Sterne leuchteten in vollem 
Glanze, Dittersdorf, Schenk, Reichard gewannen 
Ruhm und Ehre. B. A. Weber war Kapellmeister, 
Margarethe Schick, geb. Hamei (1773—1809) 
ursprünglich seit ihrem Berliner Debüt 1792 Mitglied 
der italienischen Oper, dann aber eine der edelsten 
Zierden der deutschen Oper und königliche Kammer 
sängerin, die weibliche Hauptkraft für klassischen 
dramatischen Gesang. 
Aber mit den gesteigerten Ansprüchen der 
dramatischen Kunst in Berlin stellten sich so mannig 
fache Uebelstände des alten von Boumann am 
Gensdarmen-Markt gegenüber der Seehandlung in 
der Markgrafenstrasse errichteten Theatergebäudes 
heraus, dass Iffland ernstlich die Notwendigkeit 
eines neuen Schauspielhauses ins Auge fassen musste. 
Das Haus hatte knapp 600 Plätze, war durch und 
durch zugig und im Winter nicht zu erheizen. Der 
Durchführung eines Neubaues kamen günstige Ver 
hältnisse entgegen. Friedrich Wilhelm II, dem 
die deutsche Schauspielkunst in Berlin so vieles zu 
danken hatte, war zwar 1798 aus dem Leben ge 
schieden, aber sein N achfolger Fr i e d r i c h W i 1 h e 1 m III 
und dessen junge Gemahlin Luise hatten schon vor 
der Thronbesteigung das Herz des Volkes erobert 
und an das neue Regiment knüpften sich die stolzesten 
Hoffnungen des Vaterlandes. Am 6. Juli 1798 fand 
in Berlin der feierliche Huldigungsakt für König 
Friedrich Wilhelm III statt und schon 4 Tage 
später, am 10. Juli, unterbreitete Iffland dem hohen 
Herrn ein Promemoria bezüglich des erforderlichen 
Neubaues zugleich auch mit den skizzierten Plänen 
von der Hand des Oberbaurats Langhans. Der 
König erteilte huldreichst seine Zustimmung mit 
voller Gewährung der finanziellen Unterstützung und 
so bildete das in den folgenden Jahren 1799—1801 
hinter dem alten Theater am Gensdarmen-Markt 
aufgeführte neue Schauspielhaus das erste grosse 
künstlerische Geschenk, welches die Einwohner 
der Residenz nicht weniger, als das ganze Land des 
patriarchalischen Monarchen aus der Hand des jungen 
Königs empfing. Das neue Schauspielhaus bildete 
ein längliches Viereck von 244 Fuss Länge, 115 
Fuss Breite und 55 Fuss Mauerhöhe. Die Ostfacade 
war mit einem 74 Fuss langen und 12 Fuss vor 
stehenden Säulengange korinthischer Ordnung und 
mit einem Frontispice geziert. Das Flaus hatte an 
den 4 Seiten 12 Ausgangsthüren. Das Dach bestand
        
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