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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Unsere ßilder. 
'(Im/lor wenigen Wochen gaben sich in der deutschen 
Reichs haupCstadt die medizinischen Koryphäen 
fast des gesamten Erdballs ein Stelldichein, um den 
greisen Virchow, den Schöpfer der modernen Patho 
logie, zu feiern. Die Lehren dieses genialen Refor 
mators der Heilkunst auf die Praxis zu übertragen 
und sie weiter auszubauen, das ist eine der Haupt 
aufgaben der leitenden Aerzte unserer berliner 
Krankenhäuser, die entweder mittelbar oder un 
mittelbar Virchows Schüler sind und sich stolz 
dazu bekennen. Weit über Berlins Bannkreis hin 
aus sind die Männer bekannt, die unser Bild 
„Leitende Aerzte der Berliner Kranken 
häuser“ vereint. Da ist der stets geniale Prof. 
Dr. Eugen Hahn, ein ebenso gesuchter wie glück 
licher Magenoperateur; oft ist er schon mit Erfolg 
gegen den Magenkrebs zu Felde gezogen. Mit ihm 
und Prof. Dr. Georg Krönig, der durch sein 
liebenswürdiges Wesen jeden noch so verzweifelten 
Kranken zu ermutigen weiss, teilt sich in die Herr 
schaft am Krankenhause im Friedrichshain Prof. 
Dr. Paul Fürbringer. Trotzdem das Spezialistentum 
auch in der Medizin immer mehr um sich greift, 
zeigt er eine überraschende Vielseitigkeit. Trug man 
doch ihm, dem inneren Kliniker, die ordentliche 
Professur für Hautkrankheiten an der hiesigen 
Universität an. Aber Prof. Fürbringer blieb seinem 
Krankenhause treu und schlug einen Lehrstuhl aus, 
auf dem ein Georg Lewin gesessen hat. Neue 
Bahnen hat Prof. Dr. Adolf Baginsky der Kinder- 
I leilkunde gewiesen. Der bekannte Pädiater wirkt 
am Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kinder-Kranken 
hause in Gemeinschaft mit Prof. Dr. Themistokles 
Gluck. Glucks kühne Operationen erregten anfangs 
ein förmliches Kopfschütteln bei den erfahrenen 
Praktikern. Ist er es doch, der Sehnen durch 
Seidenfäden, Knochen durch Elfenbein erfolgreich 
ersetzt. Glücklich ergänzen sich die drei Leiter des 
Krankenhauses Moabit; da ist Prof. Sonnenburg, 
der als ausgezeichneter Operateur an Darmleiden, 
namentlich bei Blinddarmentzündungen gilt; neben 
ihm Prof. Renvers, der nicht nur für einen der 
schönsten, sondern auch der liebenswürdigsten 
Aeskulapjünger gehalten wird. Die Behandlung der 
Zuckerkrankheiten ist sein Sondergebiet. Er steht 
hoch in der Gunst erlauchter Personen und hat ja 
auch die Kaiserin Friedrich in ihren letzten Leidens 
tagen behandelt. Nicht mindere Anerkennung ver 
dient Prof. Dr. Gold scheid er, dem die Neuron 
lehre (die Kenntnis von der Erkrankung der Nerven) 
wertvolle Bereicherungen verdankt. Der Dirigent 
des jüdischen Krankenhauses, Prof. Dr. James 
Israel, hat seine Meisterschaft als Chirurg — der 
Behandlung der erkrankten Nieren wendet er sein 
besonderes Augenmerk zu — schon an Leidenden, 
die selbst aus dem fernen Afrika kamen, erwiesen. 
Als Nachfolger von Wilms gebietet Prof. Ed. Rose 
- bekannt in Fachkreisen durch seine Knochen 
operationen — im Krankenhause Bethanien. Am 
Urban begegnen wir Prof. Dr. Albert Frankel, 
dem scharfsinnigen Diagnostiker, der ausserdem die 
Lungenleiden zu seinem Sondergebiet erkoren hat, 
und Prof. Dr. Werner Koerte, der trotz seiner 
verhältnismässig jungen Jahre den Ruf als einer der 
ersten Operateure geniesst. Die Kranken blicken 
zu Htm auf wie zu einem Vater. Er verdient diese 
Hingabe auch vollauf. Denn vom frühen Morgen 
bis zur späten Abendstunde sorgt er, der gegen sich 
als Arzt keine Rücksichten kennt, um seine Kranken. 
Prof. Ewald am Augustahospital hat ausserordent 
lich viel zur richtigen Erkenntnis und Behandlung 
der Magen- und Darmkrankheiten beigetragen, 
während Prof. Dr. Moritz Litten, der Dirigent 
am städtischen Krankenhause Gitschinerstrasse, durch 
seine Forschungen manch erhellendes Licht auf die 
inneren Krankheiten, namentlich auf die Herz 
krankheiten geworfen hat. 
Ernste l'öne wurden am Schluss des vorigen 
Monats im Residenz-Theater angeschlagen. Es 
wurde wieder lebhaft die Erinnerung daran wach 
gerufen, dass Herr Direktor Lautenburg, den man 
für gewöhnlich nur als Importeur leichter französi 
scher Ware gelten lassen will, der erste in Berlin 
war, der unser Publikum mit Ibsens Dichtungen 
bekannt machte. Eine skandinavische Gesellschaft 
führte uns Werke des grossen Magus des Nordens 
vor. Es waren durchweg klare Sprecher, klare 
Schauspieler. Aber der eigentliche Mittelpunkt dieses 
skandinavischen Gastspiels war, wie dies auch 
unser Bild andeutet, Frau Betty Hennings. Galt 
siedoch nach des Dichters eigenem Zeugnis als die beste 
Darstellerin seiner Nora. Aber bereits im Jahre 1879 
spielte sie als erste die Nora. Nach mehr als zwanzig 
Jahren zeigt sich die skandinavische Künstlerin 
uns Berlinern als die vollblühende Nora, die durch 
ihr meisterliches Spiel die Zuschauer völlig gefangen 
zu nehmen wusste. Mit welch kindlicher Naivität 
spielt diese Nora mit ihren Kindern, wie fein verrät 
sie ihre seelischen Q ualen, als sie auf des Gatten 
Wunsch die Tarantella tanzt. Gleichsam um zu 
zeigen, dass ihr die Last der Jahre nichts anhaben 
könne, begnügt sich Betty Hennings nicht mit der 
fünfundzwanzigjährigen Nora, sie naht uns auch als 
die vierzehnjährige Hedwig in Ibsens „Wildente“. 
Sie war ganz das halbwüchsige Geschöpf, das eben ins 
Backfischalter getreten ist. lieber ihre gutmütige 
Lustigkeit legt sich ein Anflug fast unbewusster 
Tragik. 
Während dieser nordische Stern für uns dann 
erst aufleuchtete, als in seiner Heimat seine stol 
zeste enthusiasmierende Kraft schon ein wenig zu 
verblassen drohte, gewinnt es fast den Anschein, 
als ob ein neues Gestirn, das eigentlich dem ameri 
kanischen Himmel angehört, bei uns entdeckt wurde. 
Es ist Miss Geraldine Farrar. Eine jugendlich 
schlanke Figur mit ausdrucksvollem Gesicht, — so 
zeigt sie sich auf unserem Bilde und in Wirklich 
keit —- fesselte sie die Berliner nicht nur durch ihr 
Aeusseres, sondern auch durch ihr Spiel und ihre 
wohlklingende Stimme. Ihr Debüt im König 
lichen Opernhause als „Margarethe“ in Gounods 
gleichnamiger Oper war von derartigem Erfolge be 
gleitet, dass die junge amerikanische Sängerin von 
der General-Intendanz vom kommenden Jahre ab als 
Mitglied für die Königliche Oper verpflichtet wurde. 
Eine gute Bekannte begrüssen wir in Madame 
Re'jane, die als Madame sans Gene, eine Rolle, in der 
sie ja besonders unserem Kaiser gefallen hat, neue 
Bewunderer finden, als Zaza allerlei lustige Toll 
heiten verüben und endlich als baskische Bäuerin 
in dem Brieux’schen Schauspiel „Die rote Robe“ zu 
interessanten Parallelen mit Hedwig Niemann-Rabe, 
die die gleiche Rolle spielt, herausfordern wird. Aber 
wir können ja warten, bis Frau Rejane mit ihren 
Truppen am Friedrich Karl-Ufer eingezogen ist. 
Lokalpatriotismus wird sicherlich nicht unser Urteil 
beeinflussen. Freilich, ein guter Bekannter von mir, 
der im Nebenamt das kritische Richtschwert schwingt, 
meinte im Vorgefühl der kommenden Ereignisse: 
„Wenn nur das verdammte Französisch nicht wäre!“ 
Dabei leitet ihn durchaus keine Antipathie gegen 
den Erbfeind. 
Sitzt er doch öfter, als es seinem etwas eifer 
süchtigen Weibchen lieb ist, im Metropoltheater und 
bewundert Elise de Vere. Sie ist, das zeigen unsere 
Illustrationen, wirklich ein reizendes Geschöpf und 
singt, trotz ihrer gallischen Verve, deutsch. 
M 
Das Prinz Albrechi-Denkmal 
in Charloiienbarg. 
/ I uf der prächtigen, breiten Promenade, die grade 
Jl I aufs Charlottenburger Schloss zuführt, ist an 
derselben Stelle, wo früher die dem Regiment 
der Gardes-du-Corps gehörigen Pferdebändiger ein 
ästhetisches Ärgernis erregten, vor kurzem ein 
bronzenes Standbild errichtet worden, um dessen 
künstlerischer Qualitäten willen das statuenreiche 
Berlin auf seine Nachbarstadt neidisch sein könnte: 
das Monument des Prinzen Albrecht, des Vaters 
vom jetzigen. Denn dieses in seinen Dimensionen 
durchaus nicht so grossartige Bildwerk hat das, 
was zu allermeist unseren zahlreichen Repräsenta 
tionsstandbildern abgeht, was wir an den franzö 
sischen Denkmälern so lebhaft bewundern, das, was 
das Gefühl der Franzosen mit dem Worte „e'vocation“ 
bezeichnet, — nämlich: Schmiss. Es ist geschaffen 
vom Bildhauer Eugen Börmel und vom Maler 
Professor Conrad Freyberg, also mal eine Kom 
pagniearbeit, und man kann vermuten, dass gerade 
aus der gegenseitigen Anregung und Bewachung so 
das lebendige Werk gediehen ist. Jedenfalls verrät 
manches zeichnerische Detail, besonders bei den dar 
gestellten Pferden, den Einfluss des Malers. Da es 
eine bei uns zu Lande durch Herkommen oder Ge 
setz bestimmte Vorschrift ist, dass auf öffentlichen 
Denkmälern nur regierende — regiert habende Fürst 
lichkeiten zu Pferde sitzend dargestellt werden dürfen, 
so konnte dieser Reiterführer auf seinem Postament 
ebenfalls nur „abgesessen“ sich präsentieren, und 
deshalb ist es um anerkennenswerter, dass die Künstler 
es fertig gebracht haben, das draufgängerische 
Temperament des alten Kavalleristen auch in dieser 
bedingten Pose zu einem so famosen charakte 
ristischen Ausdruck zu bringen. 
M
        
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