Path:

Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Berliner Theater-Ghronik. 
TTiir den zusammenfassenden Chronisten ist es 
T~'* kaum noch möglich, die verschiedenen Aus- 
Qijjö Strahlungen der Berliner Bühnen in einem ge 
meinsamen Brennpunkt aufzufangen. Wege und 
Ziele unserer Theater führen heut nach so entgegen 
gesetzten Richtungen, und so bedeutend differenziert 
sich Charakter und Wert des Gebotenen, dass man 
von vornherein darauf verzichten muss, innere Zu 
sammenhänge zwischen dem Einzelnen aufzuspüren 
und die Fülle theatralischer Begebenheiten nur neben 
einander betrachten kann. 
Vorläufig liefern die Theater nur Vorpostenge 
fechte. Die grossen, entscheidenden Schlachten 
sollen erst geschlagen werden. Immerhin gabs jetzt 
schon manchen Sieg, auch manche Niederlage. 
Das KgL Schauspielhaus hat mit seinem 
neuesten Streifzug ins historische Revier eine Schlappe 
erlitten. Ein Napoleondrama von Mysing und Brach 
vogel bestätigte nur, dass auch für die Dramatiker 
Goethes Wort noch Geltung hat: „Der Mann ist ihnen 
viel zu gross.“ Aus anekdotischen Zügen lässt sich 
kein Genie formen, und Helden im Schlafrock sind 
eine Sünde wider den guten Geschmack. 
Im Deutschen Theater, das noch immer die 
Erwartung künstlerischer Grossthaten am stärksten 
weckt, ist ein schon vom Sommer her bekanntes 
Seestück „Die Hoffnung“ von dem Holländer 
Herrn. Heyermans aufgeführt worden. Wir kannten 
bisher fast nichts von der modernen holländischen 
Dramenlitteratur; aber es giebt interessanten Auf 
schluss über die litterarischen Wechselbeziehungen 
zweier Kulturnationen, dass etwa vor einem Viertel 
jahrtausend einer der stärksten deutschen Drama 
tiker gerade von Holland entscheidende Anregung 
empfing, während heute der holländische Dichter 
ohne den Einfluss des modernen deutschen Na 
turalismus gar nicht zu denken ist. In der That 
steht Heyermans auf den Schultern Gerhart Haupt 
manns; sein Drama „Die Hoffnung“ ist gewisser- 
massen die maritime Contrafactur der „Weber“; nur 
dass bei ihm das Genrebildliche keine dramatische 
Bewegung aufkommen lässt. Die Darstellung des 
Heyermansschen Dramas gehört zu den schau 
spielerischen Ruhmesthaten des Deutschen Theaters. 
Im Lessing-Theater ist Max Halbe mit seinem 
jüngsten Drama „Haus Rosenhagen“ zu Worte 
gekommen. Dies Werk „aus Knabendämmerzeiten“ 
trägt eine eigentümlich germanische Physiognomie, 
in seiner Mischung von Herbem und Zartem, von 
Knorrigem und Weichem. Auf der einen Seite der 
verbissene, rechthaberische Trotz von Naturen, wie 
sie Hebbel, Kleist, Otto Ludwig gestaltet haben; auf 
der anderen die weiche Innigkeit eines dämmernden 
Mädchennaturells. Ein intensiver Erdgeruch von der 
heimatlichen Scholle steigt auf, wie in „Mutter Erde,“ 
wie in „Jugend“ (die man jetzt wieder im Schiller- 
Theater mit dem entzückenden Annchen des Fräulein 
Mallinger sehen kann); aber ein Theaterschuss zer 
stört, wie in der „Jugend,“ die Tragik der natür 
lichen Entwickelungsmöglichkeiten. — 
Das Berliner Theater konnte mit der Auf 
führung von Björnsons „Laboremus“ nur einen 
Achtungserfolg erringen. Dies symbolisch und 
mystisch verschnörkelte Jugendwerk des Dichters 
von „Ueber unsere Kraft“ sucht keine Beziehungen 
zu unserer Seele; keine Einzelschicksale stossen unter 
natürlichen Lebensbedingungen zusammen, und die 
Verkörperung sinnbildlicher Kräfte lässt unser Em 
pfinden unberührt. Das Werk wird auf der Bühne 
niemals lebendig werden. — In denselben Räumen, 
wo man „Laboremus“ kühl begegnete, wurde dann 
der neueste Schwank der altbewährten Doppelfirma 
Laufs und Jacoby, „Die Goldgrube“ mit grosser 
Heiterkeit aufgenommen. 
Das Neue Theater hat unter seiner neuen Direk 
tion gleich mit dem Eröffnungsstück einen „Schlager“ 
gefunden. Robert Mischs Phantasiespiel „Das 
Ewig-Weibliche“ enthält alle Qualitäten, die ein 
Theaterpublikum ansprechen: tändelnde Oberfläch 
lichkeit, teils anmutige, teils possenhafte Situations 
komik, verhüllte Zweideutigkeiten und leicht 
klappernde gefällige Verse. Und es spielt in dem 
Stücke: Georg Engels. Er ist die piece de resistance. 
Eine Gespenster-Aufführung, die für einen Abend 
den Siegeszug des Ewig -Weiblichen unterbrach, 
verdient, besonders um der prachtvollen Frau Alving 
von Nuscha Butze, rühmlichst hervorgehoben zu 
werden. — 
Auch das Residenz-Theater hat bereits sein 
Zugstück. Es heisst: Sein Doppelgänger; die 
Autoren sind Duval und Hennequin. Dieser köst 
liche Cirkusspass entwaffnet jede Kritik. Amici, 
risum teneatis! Man lacht Thränen. Man lacht, 
dass die Wände bersten. Mehr sag’ ich nicht. 
Den heiteren Cochonnerieen soll sich neuerdings 
im Theater des Herrn Lautenburg die ernste „Lite 
ratur“ gesellen. Literarische Sondervorstellungen 
werden veranstaltet. Der treffliche Dr. Martin Zicltel, 
der als Regisseur die Gesetze des modernen Im 
pressionismus auf der Bühne praktisch verwerten 
will, ist der künstlerische Leiter dieser Vorstellungen. 
Der erste Versuch musste missglücken, weil das 
Stück fadenscheinig war; aber es ist zu hoffen, dass 
weitere Aufführungen — als zweite ist der „Marquis 
von Keith“ von Franz Wedekind geplant — uns 
einen künstlerischen Gewinn bringen werden. — 
Im Metropol - Theater feiert die leichtge 
schürzte Muse augenblicklich Triumphe. Die alte 
Berliner Posse „O diese Berliner“ ist von Julius 
Freund modernisiert worden; sie heisst jetzt: „Schön 
war’s doch!“ Die Ingredienzien dieser von Victor 
Holländer musikalisch illustrierten Posse sind nach 
altem Rezept gemacht: Situationsspässe, Couplets 
mit aktuellen Anspielungen, Kostümballets. Zwei 
in ihrer Art unübertreffliche Künstler sind eine 
Stütze des Ensembles: Emil Thomas und Joseph 
Josephi. — 
Eine andere Ausstattungsposse „Ein tolles 
Geschäft“ von Jean Kren und Alfred Schönfeld 
(auch hier liegt eine ältere Posse zu Grunde) hat im 
Thalia-Theater lauten Beifall gefunden. Sie ist 
„berlinischer“ im Ton, arbeitet aber im Grunde mit 
denselben vergnüglichen Mitteln. 
Last not least: Buntes Brettl. Der muntere 
Freiherr von Wolzogen rüstet sich für die Winter 
campagne im eigenen Hause; inzwischen sind seine 
Nachfahren an der Stätte, die das Brettl-Genre zu 
erst in Deutschland mit so unerhörtem Erfolge ge 
pflegt hat, eifrig an der Arbeit. Aus seiner stillen 
Zurückgezogenheit ist Detlev von Liliencron, der 
stärkste lebende Lyriker, herausgetreten, um das 
„Bunte Brettl“ mit seinem Namen zu weihen; Ema- 
nuel Reicher ist vom Deutschen Theater aufs Brettl 
gestiegen und macht sich hier zum eindruckvollsten 
Interpreten gerade Liliencronscher Gedichte; Gisela 
Schneider-Nissen hat sich mit ihrem frischen, derben 
Naturell rasch in ihr neues Fach gefunden; Liane 
Laischner, eine Charakter-Soubrette von aparter 
Eigenart, weckt in der Ferne die Hoffnung, es werde 
in deutschen Landen vielleicht doch noch einmal 
eine Yvette Guilbert erstehen; Dr. Arthur Pserhofer 
bietet aus reich gefülltem Köcher hübsch geschliffene 
Epigramme, die beinahe vergessen lassen, dass sie 
aus Julius Stettenheims und Oskar Blumenthals 
Schule stammen; und Marcell Salzer zeigt sich re- 
citatorisch wie schauspielerisch als ein sicherer 
Charakteristiker. Schwächliche Mitläufer giebt es 
hier, wie überall; aber sie stören kaum den günstigen 
Gesamteindruck. Das dichterische Material, das 
diesem beachtenswerten Ensemble zur Verfügung 
steht, ist nicht immer gleichwertig; der moderne 
Anakreontiker Otto Julius Bierbaum lockt zu viele 
in seine Fusstapfen. Auf dramatischem Gebiete 
lernten wir ein zukunftverheissendes Talent kennen: 
Hans Brennert. Er ist der Dramatiker der abstrusen 
Einfälle. Er weiss in den komischen Erscheinungen 
des Lebens ihre melancholische Tragik aufzuzeigen. 
Man wird auf Hans Brennert Obacht geben müssen. 
Achten freilich soll man auch darauf, dass das 
Brettl in seiner berechtigten Existenz nicht durch 
armselige Stümper geschädigt wird. 
Dr. H. L.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.