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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Im ßerliner lUalde. 
Von Heinrich Pudor. 
Kit einer Grossstadt ist es wie mit dem mensch 
lichen Auge: Nicht die Pupille, sondern die 
3 Lider, die ganze Umgebung bestimmen den 
Ausdruck eines schönen Auges. Und nicht das 
Stadtgerippe, sondern das Bett, in dem die Stadt 
liegt, und die Umgebung bestimmen die Schönheit 
einer Stadt. In diesem Sinne ist Berlin eine der 
schönsten Städte. Im Südosten das Seengebiet der 
Spree, im Südwesten bis hinauf in den Nordwesten 
sich hinziehend das Seengebiet der Havel, im Norden 
als Schutz die grossen Waldungen und Forsten — 
so liegt Berlin von Wald und See umschlungen auf 
Sandkristallcn, auf uraltem Meeresboden. Stellen 
weise erinnert die Buchten- und Inselbildung der 
Flüsse und Seen an die Schärenbildung an den 
Küsten Finnlands, zumal auch die düsteren Fichten- 
und Föhrenwälder nicht fehlen. 
Zwischen Tegel und Heiligensee giebt es herr 
liche Kiefernwälder; sie sind mir der liebste Platz 
in der Umgegend Berlins. Gestern hatte ich es be 
sonders gut getroffen. Den ganzen Reichtum ihres 
glühenden und leuchtenden Lichtes strahlte die 
Sonne über die Erde aus. Da schlug das Licht 
hindurch durch den Wald wie die Wahrheit durch 
Jahrtausende, da rauschte das Sonnengold in den 
Kieferwipfeln, da lief es an den Stämmen empor 
und liess das matte, feuchte junge Rot erglühen, da 
flutete es in den Wald hinein, dass er leuchtete wie 
der Morgen der Menschheit. 
Wie im Traume schritt ich dahin. Ein grosser, 
enggepflanzter Wald von jungen Kiefern. Wenn 
man hineinschaute in dieses Gewirr von Ästen und 
Zweigen, war es, als blicke man in die Augen der 
Sphinx, in das Rätsel des Lebens: Je tiefer hinein 
man blickte, desto undurchdringlicher ward das 
Dickicht. Dann aber kam wieder das Sonnenlicht 
und löste das Rätsel: es küsste das junge Holz und 
umilutete es und umschlang es in Überschwenglich 
keit und überschüttete es mit Rosen und sprach: 
„Du liebes, liebes, junges Holz, du sollst im Glücke 
wachsen — darum bin ich zu dir gekommen.“ 
Und weiter kam ich zu einem Wald von älteren 
Kiefern, manngewordenen, mit Palmenwedeln über 
hohem Stamme, wie aus Kraft und Liebe geboren, 
Kinder der Erde, die sie wachsen liess zum Ruhme 
der Gottheit. Unten waren sie schon alt und grau, 
aber weiter oben an den Stämmen war noch feuchtes, 
mattes, junges Rot; darüber die buschigen Kronen, 
wie Engelsflügel, wie Palmenwedel in sanften, bläu 
lichen Wogen hin und her sich wiegend — da 
rauschte cs wie ein Nachtönen von Sphärenharmonien, 
wie Engelsgeflüster, die Stämme bewegten sich mit 
den Kronen im Takte dazu, leise, hin und her, her 
und hin . . . Sonst war alles still. Nur dann und 
wann, wenn ein stärkerer Windstoss kam, knackte 
leicht ein dürrer Ast, oder man hörte, wie die Bäume 
mit ihren Kronen sich berührten und küssten, oder 
ein Specht klopfte an den Stamm, oder ein Eich 
hörnchen wetzte seine Zähne, oder irgend ein Vogel 
lockte mit tönenden Liebeswünschen einen anderen 
herbei. 
Plötzlich ward es hell. Der Wald lichtete sich. 
Der See lag vor mir — friedlich, glücklich und 
doch auch schmerzlich: wie eine Thräne, die eine 
Gottheit, als sie vom Himmel herab das Unglück 
der Menschheit schaute, in liebendem Schmerze 
fallen liess. 
In der Ferne sah man das neue Tegeler Strand 
schloss wie einen Gruss der Freude. Weiter einen 
Kirchturm mit in den Himmel stechender Nadelspitze. 
Und rechts ein paar Fabrikschornsteine, rund und 
rechtwinklig zur Erde aufsteigend, Kraft kündend, 
die Denkmäler der Arbeit. 
Der See selbst bildete hier und da kleine Inseln, 
die als ein einziges rundes Gebüsch von Laubwald 
in der weichen Sommer- und Seenluft anmuteten, 
als seien sie entstanden dadurch, dass Cherubime, 
die über den See flogen, Federn aus ihren Flügeln 
verloren. 
Ich ging weiter bis Tegelort und fuhr dann 
zurück mit dem Schiff bis Spandau. Als ich da 
zwischen den vielen kleinen Inseln, hier „Werder“ 
genannt, hindurchfuhr, musste ich immer an Finn 
land denken — nur dass dieses hier ein paar tausend 
Jahre älter ist, dass die irrenden Granitblöcke fehlen, 
dass die Natur weniger schmerzvoll und klagend ist. 
In Spandau beängstigten mich der Lärm und 
das Getöse. Ich fuhr mit dem Zuge nach Berlin. 
Aber die Sonne war bei mir. Sie war im Unter 
gehen, und bevor sie versank, verklärte sie noch 
einmal die Erde. Hier ein Platz mit allerlei Ge 
rümpel, Schmutz und Kehricht in einem Winkel der 
Grossstadt: darüber eine Wolke in goldenem Licht, 
wie die Religion über der Menschheit. Dort ein 
schmutziger Kanal. Die Sonne kommt und umspielt 
die Ränderkrausen der Wellen mit Gold und wirft 
mit vollen Händen Korallen und Perlen in das trübe 
Wasser. Da oben in der Dachstube sitzt eine bleiche 
Frau vor ihrer Nähmaschine, schon in der fünften 
Stunde sitzt sie und näht und tritt — nun ist sie 
müde: da kommt wie ein Geist unhörbar der Sonnen 
strahl, ohne einen Laut ist er da, wie Gott, und 
rührt an ihre Lider — sie öffnet das Auge: „die 
Sonne“ sagt sie •—• und näht weiter. Und gleich hinter 
her kommt ein Lufthauch, der küsst ihr die Stirn 
und huscht ihr über die Wange wie Ahnen der Gott 
heit und öffnet den Mund und spricht: Geradswegs 
vom Himmel komme ich, sei ruhig, armes Kind, 
gute Geister sind mit dir, wir bringen dir etwas aus 
dem Elysium — siehst du, nun ist die Sorge schon 
fort und ein Lächeln spielt dir um den Mund: das 
ist die Macht der Liebe, die bringen wir von da 
oben, wo Gott wohnt und wo die Engel Tag und 
Nacht singen und die Blumen Sommer und Winter 
blühen. Nun leb’ wohl, bald komme ich wieder — 
und fort war der belebende Flauch: wohin war er 
nur so schnell? Aber die Sonne war noch da, sie 
zog gerade der Spule einen goldnen Ring über, dass 
die Frau ganz verwundert blickte, wie so reiches 
Geschmeide aus dem Räderwerk ihrer Maschine 
funkelte. 
Und dort oben, wo das Fenster offensteht, liegt 
ein junges Mädchen im Bett, das war krank gewesen. 
Dem schüttet die Sonne Rosen ins Bett und küsst 
es auf die Wangen und küsst es auf den Mund und 
küsst es auf die Brust, bis das Mädchen erwacht, 
sich die Augen reibt, sich dehnt und streckt, lächelt 
und flüstert: „Ich glaube, ich bin nun wieder ganz 
gesund!“ Und der Sonnenstrahl freut sich an ihrer 
Lieblichkeit, an diesen weichen Zügen, die mit ihrer 
Küssensnotdurft ewig das Ziel des Mannes bleiben. 
„Friedrichstrasse“ rief man da. Ich blickte zu 
rück aus den Wolken, rieb nun auch mir die Augen 
und stolperte hinein in das Grossstadt-Gewirre, in 
dem ich physische Schmerzen litt. Ich ging die 
Friedrichstrasse hinunter nach den Linden. Als ich 
diese Jagd, den Augenblick zu fassen und festzu 
halten, sah, dachte ich: nur einen Blick hätte ich 
gern noch gethan in die Wunderwelt des Himmels. 
Unversehens blickte ich empor: Da stand mitten über 
der Friedrichstrasse, mitten in der Prosa der Gross 
stadt eine Wolke wie mit Rosen überschüttet, wie 
als erröte sie, indem die letzten Strahlen der unter 
gehenden Sonne sie küssten. 
Also auch hier in der prosaischen Grosstadt 
giebt es Glück und Liebe, auch hier tönt Jubel aus 
den Wolken, wenn das Sonnenlicht sie wie mit 
leuchtender Liebe übergiesst, auch hier öffnet sich 
der Himmel zu tiefblauer Unendlichkeit, auch hier 
steigen aus dem Himmel, die Scharen der Engel mit 
Rosenmund und güldenen Haaren hernieder, um 
die Menschen mit Liebe zu segnen und in Liebe zu 
küssen. 
Und jeden Tag kommt das Sonnenlicht und 
bringt Gold und Edelsteine und kleidet die Häuser 
in Purpur und lässt die Erde frohlocken und Sieges 
fanfaren tönen und bringt Liebe und Glück und 
weckt Jubel und Jauchzen und lässt Diamanten aus 
jedem Fenster blitzen und hüpft im Lichtertanz in 
tausend Farben von Stein zu Stein, von Blatt zu 
Blatt, von Wald zu Wald, von Land zu Land, durch 
das ganze All. „Nirgends ist soviel Elend, nirgends 
so viel Enge des Daseins“, sagt die Sonne zu den 
Menschen, „dass ich euch nicht nahe bin: ich stehe 
über euch, mitten in der Grossstadt, in einer leuch 
tenden Wolke und segne euch. Wollt ihr den 
Segen nehmen? Oeffnet das Auge, euer Auge, diesen 
Abglanz der Ewigkeit, in dem der Himmel sich 
spiegelt, dankt mir mit einem innigen Blick. Bis 
in euer kleinstes Zimmer schaue ich hinein und 
bringe als Geschenk der Gottheit einen Lichtstrahl 
und bringe Wärme und bringe Purpur und Gold. 
Die Mücken kennen mich, sie tanzen, wenn ich 
komme, und haschen nach mir und putzen sich mit 
meinem Glücke. Wie dumm doch, dass ihr Menschen 
es nicht auch so macht!“ —
        
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