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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Rudolf Uirchou:. 
S m i 3. Oktober feiert das Reich der Naturwissen 
schaften und in ihm als Hauptanteilnehmer 
cc<VpJ die Aerzteschaft der ganzen zivilisierten Welt 
ein Jubelfest. Die reichen Ehrungen, welche die 
Aerzteverbände, sowie die medizinischen und natur 
wissenschaftlichen Fakultäten aller Hochschulen und 
aller Länder des Erdballs planen, gelten dem grössten 
lebenden Naturforscher, dem Schöpfer von Un 
vergänglichem, dem Bahnbrecher im dunklen Reiche 
medizinischer und naturwissenschaftlicher Erkenntnis, 
unserem Rudolf Virchow. 
Wer Gelegenheit hatte, an internationalen Kon 
gressen teilzunehmen, wie sie in Rom, Berlin, Moskau 
und Paris die Aerzte der ganzen Erde zusammen 
führten, der wird stolz darauf gewesen sein, sich 
Deutscher zu nennen, ein Landsmann Rudolf 
Virchows, der geehrt und umjubelt von den Aesculaps- 
jüngern aller Nationen stets als glänzendster Stern 
am Himmel der Wissenschaft strahlte, gegen den 
alle anderen verblassten. Aber auch der Grösste 
unter den Menschen bleibt nur ein Sterblicher, auch 
Rudolf Virchow, dessen Forschungen dem Tode so 
manche Beute entreissen, ist dem Naturgesetz vom 
Werden und Vergehen unterthan; ihm blühte das 
seltene Glück, das achtzigste Jahr zu erreichen, eine 
Grenze, da dem Menschenleben zumeist schon ein 
Ziel gesteckt ist. Ihn, der die Natur so erkannte, 
dem es gelang, ihr wohlverwahrte Geheimnisse ab 
zulauschen, ihn begnadet sie auch mit der Fülle der 
Jahre, die ihn nicht belasten, die ihn nicht hindern, 
wie in jüngeren Tagen seiner Wissenschaft zu leben. 
Die Namen grosser Mediziner sind dem Volke 
nicht geläufig, obwohl deren Forschungen in ihren 
Ergebnissen fast täglich dem Laien entgegentreten 
und obwohl die Tagespresse heute mit Wort und Bild 
auch Gelehrte wie Koch, v. Behring, Lister, v. Berg 
mann und Roux dem lesenden Publikum näherbringt. 
Mit Rudolf Virchow ist dem nicht so. das dankt der 
Forscher seiner Vielseitigkeit, denn die ihn nicht als 
pathologischen Anatomen zu schätzen verstehen, die 
bewundern in ihm den Anthropologen, Ethnographen 
und Hygieniker oder sie verehren in ihm den Politiker 
und den sorgenden Stadtvater. Man kann der Be 
deutung eines Virchow nicht im engen Rahmen 
eines Artikels gerecht werden, der sich an das grosse 
Publikum wendet, aber man kann den Achtzigjährigen 
in seinem Wirken dem Leser vorführen und aus 
seiner viel umfassenden Thätigkeit das Bild des Ge 
feierten zeichnen, das heute strahlend und unaus 
löschlich in der Seele jedes Mediziners lebt. 
Rudolf Virchow wurde am 13. Oktober 1821 
in Schievelbein, wo sein Elternhaus vor einiger Zeit 
einem Neubau weichen musste, geboren. Er ist 
ein Schüler der Pepiniere in Berlin, promovierte 
1843 mit einer Arbeit „De rheumate praesertim 
corneae“, wurde Frorieps Assistent an der Charite 
und nach dessen Amtsniederlegung 1844 provisorisch 
und zwei Jahre später definitiv sein Nachfolger. 
Zugleich habilitierte er sich an der Universität und 
gründete im Verein mit Benno Reinhardt das „Archiv 
für pathologische Anatomie und Physiologie und 
für klinische Medizin“, das bis heute mit mehr denn 
150 Bänden zu einem Schatzhaus medizinischer 
Forschung geworden ist. 1848 treffen wir den jungen 
Forscher auf Geheiss des Kultusministers in Schlesien 
zur Erforschung des dort herrschenden Hungertyphus, 
über welchen Virchow noch im selben Jahre eine 
ausführliche Arbeit publizierte, die die Unterlassungs 
sünden der Regierung darlegte und geeignete Vor 
schläge zur Abwehr der Seuche umfasste. 
In der im Juni des Sturmjahres 1848 mit 
Leubuscher gegründeten „Medizinischen Reform“ 
forderte Virchow bereits die Gründung eines Reichs 
ministeriums für öffentliche Gesundheitspliege und 
die Aufhebung des allerdings noch heute der Aus 
bildung der Militärärzte dienenden Friedrich-Wilhelms- 
Institutes, aus dem ja Virchow selbst hervorgegangen 
war. Das Blatt wurde indes schon im folgenden Jahre 
ein Opfer der Reaktion, in deren brandenden Wogen 
wir Virchow auch zum ersten Male als Politiker bei 
den Februarwahlen begegnen, nachdem ihm ein im 
Vorjahr angebotenes Mandat als Abgeordneter wegen 
ungesetzmässigen Alters nicht zu teil geworden war. 
Seine politische Bethätigung kostete ihm jedoch auf 
Minister von Ladenbergs Veranlassung seine Prosektur 
undnurunter der Bedingung der Widerrufbarkeitseiner 
Begnadigung wurde diese von seinen Freunden mit 
Mühe durchgesetzt. Bei diesen Widerwärtigkeiten 
kam dem Forscher seine durch v. Scanzoni angeregte 
Berufung nach Wiirzburg sehr gelegen, wo er eine 
ordentliche Professur für pathologische Anatomie be 
kleidete, bis ihn Minister von Raumer in gleicher 
Eigenschaft 1856 nach Berlin zurückberief, ein 
Ruf, dem Virchow unter der Bedingung Folge 
leistete, dass seinen und seiner Schüler Arbeiten ein 
eigenes Heim errichtet würde, das der Forscher — 
horribile dictu — noch heute inne hat, während 
ihm wenigstens die Freude zuteil wurde, endlich den 
Grundstein zu einem neuen pathologischen Institut 
legen und seine unvergleichlichen pathologischen, 
ethnologischen und anthropologischen Sammlungen 
in dem prachtvollen Neubau des pathologischen 
Museums der Charite untergebracht zu sehen. 
Nachdem Virchow von Würzburg aus die Hun 
gersnot im Spessart studiert hatte, finden wir ihn 
1859 auf Einladung der norwegischen Regierung an 
der Westküste Norwegens zum Studium des Aus 
satzes, während in die Würzburger und in die erste 
Berliner Epoche des Forschers seine Beteiligung an 
der Redaktion der „Verhandlungen der physikal.-med. 
Ges. in Würzburg“ fällt und in Gemeinschaft mit 
Eisenmann und Scherer die Redaktion der „Cann 
stattsehen Jahresberichte“, die Virchow seit 1867 als 
„Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte 
der gesamten Medizin“ bis 1894 mit August Hirsch 
und seitdem mit Posner herausgiebt. Die drei Bände 
des „I-Iandb. der spez. Pathol. und Ther.“ entstan 
den 1852—1862, während die Gründung der „Samm 
lung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vor 
träge“ mit Franz von Ploltzendorff ins Kriegsjahr 
1866 fällt. 
Mit dem Jahre 1861 beginnt Rudolf Virchows 
kommunale Thätigkeit in Berlin und im folgenden Jahre 
bereits hielt er seinen Einzug ins Haus der Abge 
ordneten, wo er einer der Gründer der Fortschritts 
partei wurde, die ihn auch 1880—93 zu den Ihren 
im Reichstage zählte. 
In weiteren Schichten der Bevölkerung bekannt 
geworden ist Virchows praktische Samariterthätig- 
keit in den Jahren 1866 und 1870/71, wo er durch 
Einführung der Sanitätszüge und Beaufsichtigung des 
Baues der Barackenlazarette auf dem Tempelhofer 
Felde ebenso erspriesslich wirkte wie später durch Mit 
beratung des Baues der Krankenhäuser am Friedrichs 
hain, in Moabit, des Kinderkrankenhauses in Rei 
nickendorf und der Dalldorfer Irrenanstalt. Seine 
kommunale Thätigkeit und sein Einfluss in den 
Kollegien der Stadtverwaltung zeitigten die ausge 
zeichnete Kanalisation Berlins, die Hebung der Fische 
rei, die Bekämpfung der Tierseuchen und die An 
lage der Rieselfelder, für die Virchow 1873 mit 
einem „Generalbericht über die Arbeiten der städt. 
Deputation zur Reinigung und Entwässerung Berlins“ 
trotz der Anfeindungen der Familie Bismark erfolg 
reich eintrat. 
Seine ethnographischen Studien und seine Arbeiten 
auf dem Gebiete der Urgeschichte führten den Gelehrten 
an die Stätte der sagenhaften Stadt Troja, worüber 
auch seine „Beiträge zur Landeskunde inTroas“ (1879) 
und „Alttrojanische Schädel und Gräber“ (1882) Aus 
kunftgeben während seine Freunde und Verehrer ihn 
an die Spitze der deutschen Gesellschaft für Ethnologie 
und Urgeschichte stellten. 
Zahlreich und zum Teil epochemachend sind 
Virchows Arbeiten, besonders seine Lehre von der 
Cellularpathologie, die nach manchen Wandlungen 
heute als ein glänzendes Juwel deutschen Forscher 
geistes zum Gemeingut der Wissenschaft geworden ist. 
Rudolf Virchow dankt die moderne Medizin 
ihren ungeheuren Aufschwung, er ist der Vater der 
exakten Diagnose, er schuf das Fundament der 
Bakteriologie, der Antiseptik und Asepsis und der 
immer mehr fortschreitenden Serumtherapie. Was 
heute die Chirurgie an Wundern vollbringt, was 
heute die Kranken überhaupt ihren Aerzten danken, 
das Alles ist das Resultat des Schaffens dieses ein 
zigen grossen Geistes. Einem solchen Bahnbrecher, 
einem solchen Pfadfinder in den Geheimnissen des 
Naturreiches flössen daher Ehren und Anerkennungen 
von Fürstenthronen und aus dem Reiche der Denker 
und Forscher in reichster Fülle zu, die besonders vor 
zehn Jahren, als der greise Forscher seinen 70 jäh 
rigen Geburtstag feierte, in grossen internationalen 
Ovationen und in der Darbringung einer goldenen 
Virchowmedaille ihren Ausdruck fanden. So bekannt 
wie Virchow selbst, so bekannt sind seine Reden, 
die er auf den Kongressen in Rom, Moskau, Paris, 
in Berlin und Düsseldorf hielt, ebenso wie seine Vor 
lesung in der Londoner Royal Society über „Die 
Stellung der Pathologie innerhalb der biologischen 
Studien“, ferner in Rom und Moskau über „Morgagni 
und der anatomische Gedanke“ und „Ueber- die 
Continuität des Lebens als Grundlage der modernen 
biologischen Anschauung“. Von den letzten die All 
gemeinheit interessierenden Arbeiten Virchows führen 
wir nur „Die Gründung der Berliner Universität und 
der Uebergang von dem philosophischen in das natur 
wissenschaftliche Zeitalter“ an, dann „Hundert Jahre
        
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