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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Dom Y. internationalen Soologen-Kongress. 
■ |it diesem knappen Worten hat der bekannte 
l heidelberger Prof. Dr. ßütschli nur das 
ausgesprochen, was die Meinung all der 
Zoologen war, die sich in der ersten Hälfte des 
Monats August ein Stelldichein in den Mauern der 
Reichshauptstadt gegeben hatten. Freilich, es schien, 
als ob Berlin, das gerade in jenen Tagen eine Stadt 
der Trauer war, den fremden Gästen wenig bieten 
würde. Auch der hohe Protektor des Kongresses, der 
deutsche Kronprinz, blieb infolge der Trauer um die 
verblichene Grossmutter der wissenschaftlichen Ver 
anstaltung fern; die preussische Hoftrauer hatte auch 
manch anderes gekrönte Haupt, das sich als Mitglied 
hatte einschreiben lassen, fern gehalten, so den König 
von Portugal, die Prinzessin Therese von Bayern, den 
Fürsten Ferdinand von Bulgarien. Aber trotz dieser 
äusseren ungünstigen Verhältnisse litt die freudige 
Schaffenskraft des Kongresses nicht. Aus Ost und 
West, aus Süd und Nord waren die Zoologen vom 
Fach und die Liebhaber der Tierkunde herbei 
geströmt. Frankreich wies eine stattliche Zahl von 
Delegierten auf, nicht minder die österreichisch 
ungarische Monarchie, die Schweiz, Italien, Gross 
britannien, Russland, die Vereinigten Staaten von 
Nordamerika. Selbst Japan und Südamerika hatten 
Vertreter entsandt. Trotz dieser augenscheinlichen 
Internationalität herrschte die deutsche Sprache vor. 
Manch französischer und italienischer Gelehrte, wie 
Blanchard und Grassi, bewiesen, dass sie nicht 
nur Meister in ihrem Fache, sondern auch Meister in 
der Beherrschung des Deutschen waren. Nicht weniger 
als 488 Herren und 115 Damen beteiligten sich an 
den Verhandlungen. Manche Evastochter zeigte sich 
den Herren der Schöpfung auch auf wissenschaftlichem 
Gebiete völlig gewachsen. So die Gräfin Maria v. 
Linden (Assistent an der Universität Bonn), die über 
die Flügelzeichnung und Färbung der Insekten, ins 
besondere der Schmetterlinge, manch erhellendes 
Wort sagte. 
Worauf der derzeitige Rektor der Berliner Uni 
versität, der geistvolle Theologe Prof. Harnack in 
seiner Begrüssungsrede hingewiesen hatte, dass die 
Zoologie eine ganz eigenartige Stellung in dem Be 
reiche der Naturwissenschaften einnehme, sie alle 
gewissermassen verknüpfe und die Brücke zu den 
Geisteswissenschaften schlage, das sollten die lebhaft 
geführten Verhandlungen glänzend erweisen. Wie 
zeigt z. B. Prof. Grassi (Rom), der das „Malaria 
problem vom zoologischen Standpunkt“ behandelt, 
dass die Untersuchung unscheinbarer Tierchen, wie 
der Mücke, von grösster Tragweite für die Hygiene 
sein können. Wirbt hier der Zoologe um die Bun 
desgenossenschaft des Hygienikers und Arztes, so 
wendet sich der bekannte Psychiater Forel, dessen 
zoologisches Sondergebiet das Leben der Insekten 
ist, an die Physiologen und Psychologen. In seinen 
geistvollen Betrachtungen über „die psychischen Eigen 
schaften der Ameisen“ verwahrt er sich dagegen, 
dass diese Tierchen blosse Reflexmaschinen seien. 
In einer für jeden Gebildeten anregenden Weise be 
schäftigt sich Prof. W. Branco mit„fossilenMenschen 
resten“, er sucht ihnen bis in die Tertiärzeit nach 
zugehen und das Dunkel, das sich um den stark um 
strittenen Pithecanthropos noch immer breitet, zu 
erhellen. Seine Deutung, dass wir es hier mit einem 
Bastard aus plioeänen Mensch und Menschenaffen zu 
thun haben, findet vielleicht bald weitere Stützpunkte. 
Auch der alte Kampf zwischen mechanistischer und 
vitalistischer Auffassung der Lebenserscheinungen 
scheint wieder aufzuflammen. Zwei Heidelberger 
Forscher Bütschli und Driesch sind seine tempe 
ramentvollen Wortführer. 
Man würde aber fehlgehen, wenn man glauben 
wollte, dass diese Forscher etwa einem öden glatten 
Materialismus huldigten. Besser als langatmige Aus 
einandersetzungen beweisen, dass die folgenden Aus 
sprüche des Präsidenten des Kongresses, des Direktors 
des königl. zoologischen Museums in Berlin Prof. 
Möbius und des Leipziger Zoologen Prof. Carus: 
Dass auch dem Forscher bei der Ergründung 
der ernsten Probleme seiner Wissenschaft der Humor 
nicht eintrocknet, beweist der Nachfolger auf Dubois- 
Reymonds Lehrstuhl, der Physiologe Prof. Engel 
mann mit seinem launigen Autogramm: 
Wtf, 
Waren die meisten Sektionssitzungen nur für 
den Spezialisten zugeschnitten, so zog doch eine 
derselben selbst den fernstehenden Laien an und 
zwar diejenige, in der Prof. Schenk-Wien „Die 
Methode der Geschlechtsbestimmung beim Menschen“ 
erörterte. Aus der lebhaft geführten Debatte ging 
eins klar hervor, dass es völlig überzeugte Anhänger 
der Schenk’schen Theorien unter den Fachleuten 
kaum giebt. 
Es wird noch einige Zeit vergehen, bevor man 
ein endgültiges Urteil darüber fällen darf, ob eine 
Geschlechts-Beeinflussung möglich ist. 
Eins ist sicher, den Zoologen hat es in Berlin 
gefallen. Das verkündet der japanische Professor 
Ijima mit dem Floch in seiner Muttersprache, das 
sagen uns der Pariser Zoologe Blanchard inllüssigem 
Deutsch und noch zahlreiche andere Koryphäen. 
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Vielleicht trifft gar die Prophezeiung des be 
kannten französischen Konchylogen Perrier ein und 
dieser Kongress, der so glänzend in Berlin verlaufen 
ist, leitet ein neues zoologisches Jahrhundert ein. 
Das wäre der schönste Epilog zu dieser würdigen 
Veranstaltung. Gurt Joel.
        
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