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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

pa^reuth 1901. 
S ie Festtage von Bayreuth sind nun verrauscht 
und über dem lieblichen fränkischen Städtchen 
lagert wieder tiefe Alltagsruhe! Frau Cosima 
hat allen Grund, mit dem Fazit der diesjährigen 
Jubiläumsfestspiele zufrieden zu sein; denn tiefste 
künstlerische Eindrücke hat jeder Kunstfreund beim 
Verlassen der wirklich festlich schönen Darbietungen 
mit sich genommen und zwanzig überausverkaufte 
Häuser waren die äussere Signatur des Jahres, die 
von dem unentwegten Vertrauen aller kunstliebenden 
Kreise zu dem bayreuther Regime das beredteste 
Zeugnis ablegt! Einen grossen Stab von ersten 
Künstlern hatte Frau Wagner zur Verkörperung der 
unsterblichen Werke ihres Gatten um sich ver 
sammelt und wir Berliner dürfen stolz auf die statt 
liche Abordnung sein, die unsere Hofoper nach 
Bayreuth entsandte! Denn wahrlich, wollte man 
die leuchtendsten Sterne am bayreuther Kunsthimmel 
nennen, der „Berliner“ müsste man in erster Reibe 
gedenken! Da war es in erster Linie unser gefeierter 
Heldentenor Ernst Kraus, der „Siegmunds“ tragisches 
Geschick wie „Siegfrieds“ siegende Kraft und „Eriks“ 
schwärmende Liebesweisen mit gleich vollendeter 
Meisterschaft zur Geltung brachte und der bei jedem 
Auftreten rauschende Triumphe feiern konnte! 
Hoffentlich versteht es unsere Intendanz, diesen 
idealen Vertreter seines Fachs, den die bedeutendsten 
ausländischen Impresarien ständig mit den ver 
lockendsten Anträgen überlaufen, dauernd dem ber 
liner Kunstleben zu erhalten! 
Unsere jugendliche dramatische Sängerin Fräulein 
Destinn war als die erste bayreuther „Senta“ be 
rufen und löste ihre schwere »Aufgabe in gesang 
licher wie darstellerischer Beziehung gleich be 
wunderungswürdig. Frau Gulbranson (Brünhilde 
und Kundry) und Frau Schumann - Heink (Erda, 
Waltraute, Norne und Mary), beide wohlbekannte 
bayreuther Erscheinungen erschienen wieder in 
diesen, ihren Glanzrollen, die wir dort, wie am 
Berliner Opernplatz so oft schon kennen und lieben 
gelernt haben ! 
Dass unser trefflicher Bassist Knüpfer als 
„Gurnemanz“ die auf ihn gesetzten Hoffnungen 
herrlich erfüllen würde, war vorauszusehen und auch 
sein jugendfrischer berliner Kollege, der Baryton 
Rudolf Berger, brachte mit seinen strahlend schönen 
Stimm-Mitteln und vornehmer Repräsentation die 
Partieen des „Günther“, „Klingsor“ und „Amfortas“ 
erfolgreichst zur Geltung. Erwähnen wir nun noch 
last not least unseren feinsinnigen Dirigenten Herrn 
Dr. Muck, der zum Leiter des „Parsifal“ auserkoren 
war, so haben wir die stattliche Reihe der berliner 
Künstler erschöpft. Zu ihnen gesellten sich andere 
strahlende Namen, wie die Dirigenten Hans Richter 
(der unübertreffliche Leiter des Nibelungen-Ringes) 
und Felix Mottl, der den „Holländer“ in den sicheren 
Hafen des Erfolges steuerte! Die Baryton-Haupt- 
rollen „Wotan“ und „Holländer“ waren geradezu 
ideal mit den Sängern Anton van Rooy und Theodor 
Bertram besetzt, die beide, vollendet, dem Publikum 
die Wahl schwer fallen Hessen. Herrlich bewährte 
sich auch an dieser Stätte zum ersten Mal Frau 
Wittich aus Dresden, die als „Sieglinde“ und 
„Kundry“ berechtigten Triumph feierte. Das Brüder 
paar „Alberich“ und „Mime“ wirkte wieder grandios 
in der Darstellung durch Fritz Friedrichs und Hans 
Breuer; Herr Dr. Briesemeister war ein geradezu 
vollendeter „Loge“. Ferner erwähnen wir mit Aus 
zeichnung den „Hunding 1 des Herrn Heidkamp, 
„Donner“ und „Amfortas“ des Herrn Schütz, den 
„Hagen“ des Herrn Blass, das liebliche llheintöchter- 
Trio der Damen Artner, David und Mezger, den 
„Froh“ des Herrn Burgstaller, den man nur nicht 
mit einer so anspruchsvollen Gesangspartie, wie der 
„Erik“ ist, betrauen darf! 
Herrn van Dyks Organ hat der unerbittlichen 
Zeit auch schon seinen Tribut entrichten müssen, 
jedoch steht sein „Parsifal“ als stilvolle schau 
spielerische Gesamtleistung immer noch auf sehr 
respektabler Höhe, was man leider von der Leistung 
des Wiener Tenoristen Schmedes, der in einem 
Cyklus den „Siegfried“ verkörperte, nicht behaupten 
kann! Er versagte gesanglich vollkommen und dieses 
Manko konnte nicht im geringsten durch seine vorteil 
hafte BLihnenligur wettgemacht werden! Dieser 
„Siegfried“ war der einzige dunkle Fleck an dem 
strahlenden Gestirn der diesjährigen Festaufführungen 
und wollen wir deswegen mit Frau Cosima nicht 
zu streng ins Gericht gehen, deren Anregung und 
staunenerregender Arbeitskraft wir so viele Stunden 
voll hehren, reinsten Genusses verdanken! Ihr, wie 
ihrem Sohne Siegfried Wagner, der mit der pracht 
vollen Inszenierung des „Holländer“ unzweifelhaft ein 
starkes Regietalent bekundet hat, rufen wir ein frohes 
„Auf Wiedersehen“ „hoffentlich im Jahre 1902“ zu. 
Adolf Wolff. 
ßei jVIadame Saharet. 
8 a habe ich gleich etwas Schönes angerichtet. 
Wie schaute sie mich mit ihren unergründ 
lichen Augen an und klagte mir, dass sie 
nicht „Madame“ genannt sein wollte. „Madame ist 
so alt, Fräulein ist viel hübscher“. Aber die unver 
gleichliche Tänzerin darf ruhig ihren Geburtsschein 
vorzeigen, sie zählt erst 23 Lenze, trotzdem das zu 
ihren Füssen spielende ’l'öchterchen bereits zum 
vierten Male seinen Geburtstag gefeiert hat. Und 
wie das kleine Wesen in vielem der jugendlichen 
Mutter gleicht 1 Dieselbe quecksilberne Beweglich 
keit, dieselben in allen Farben schillernden Augen, 
wie das kleine Mündchen alles durcheinander wirbelt. 
Und welches Glücksgefühl spricht aus den Augen 
der Mutter, wenn sie zu dem Kinde hinblickt. „O, 
ich habe Kinder sehr lieb“, versichert sie mir, indem 
sie eine widerspenstige schwarze Locke unter das 
flache Goldgeflecht des innen mit Theerosen ge 
füllten Hutes zwingt. „Ich muss noch einen Jungen 
■ haben“, fügte sie neckisch hinzu, ein förmlich 
strafender Blick aus den plötzlicn bläulich schil 
lernden Augen trifft den Gatten. Es ist, als ob sie 
eine Forderung einkassieren wollte. Der Gatte fügt 
sich mit ergebenem Lächeln. Er ist, wie Frau 
Saharet in allerliebstem Deutsch radebrecht, in der 
Öffentlichkeit nur ihr Impresario, in ihrem Heim 
aber ihr Gatte. Und sie stellt mir gleich ihr ganzes 
Gefolge vor. Da ist die Erzieherin ihres Kindes, 
ferner ein spanischer Tanzlehrer. Er empfängt die 
Kleinigkeit von 1000 Mk. monatlich, um der Saharet 
die spanischen Tänze zu lehren. Wirklich war es 
der grosse Maler v. Lenbach, der „der Saharet“ — 
so hört sie sich am liebsten nennen — die An 
regung und die ersten Anweisungen gegeben hat, 
spanisch zu tanzen. Ihre biegsame Gestalt wuchs 
ordentlich, als sie mir das erzählte. Und wie eifrig 
sie in diesem Studium ist! Täglich von 2—3 Uhr 
wird geübt. Sie wird ordentlich beredt, als sie mir 
schildert, was sie beim Tanzen empfindet. Sie hat 
ein förmliches Ideal, das sie durch ihre Bewegungen 
zum Ausdruck bringen will. Der Tanz ist ihr wie 
die Musik eine Sprache, die von Seele zu Seele 
dringen soll. Daher hasst sie alle erkünstelten, 
streng vorgeschriebenen Bewegungen, der gewöhn 
liche Ballettanz kommt ihr so kalt, so maschinen- 
mässig vor. Mit den feurig gesprochenen Sätzen: 
„Ich liebe das Tanzen, ich liebe die Natur“ beendet 
sie ihre Auseinandersetzungen, an denen ein Professor 
der Ästhetik seine Freude haben könnte und trällert 
ein Liedchen. Sie hat, wie sie selber zugiebt, keine 
Stimme; Schauspielerin möchte sie vielleicht werden, 
aber sie fürchtet, dass ihre Gestalt für die Bühne 
nicht ausreicht. Nun will sie wenigstens die erste 
in ihrer Kunst sein. Und sie wendet keine geringe 
Mühe daran, um auf der steilen Höhe zu bleiben. 
Spanien und Japan sind ihre späteren Reiseziele, um 
einmal zu „kuken“, wie die Leute dort tanzen. Sie 
erzählt von Melbourne, ihrer Geburtsstadt, und den 
Tänzen der Matrosen, von San Francisco und 
St. Petersburg. Aber in Berlin gefällt es ihr doch 
am besten. Sie ist fast ganz Berlinerin geworden, 
selbst der Gänsebraten mundet ihr. Nur ein Kummer 
plagt diesen drolligen Kobold. „Der Kaiser hat sie 
noch nicht tanzen sehen.“ Aber sonst kommen ihr 
die Berliner so lieb entgegen und sie erzählt mit 
kindlicher Naivität von der Bewunderung, die ihr 
die kleinen Kinder zollen, und von der Bewunderung 
der Grossen. Welch’ reiche Blumenspenden! Und 
was diese Blumenspenden alles bargen! Blaufuchs 
garnituren, goldene Geldtäschchen, ein mit Diamanten 
besetztes Strumpfband. Von ihren Toilettegeheim 
nissen, von ihrer Tageseinteilung möchte sie noch 
plaudern. Doch der gestrenge Lehrer mahnte, dass 
es Zeit zum Unterricht sei, und ich musste mich 
zum Aufbruch rüsten. C. .7. Leo.
        
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