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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

verführend blitzen, dass ich anfing, warm zu werden. 
Ein Stephanienkranz, lichtblond und dicht, umrahmte 
wie eine Gloriole das längliche Oval ihres frischen, 
von ■* der Sonne braun getönten Gesichts, in dem 
eine antik gebogene Nase, die strahlend braunen 
Augen und schmale, nach unten gezogene Lippen 
unwiderstehlich anzogen. In der Kleidung hätte ich 
mir mehr Eleganz gewünscht — es sass nicht alles 
adrett genug. Der graue Rock zur rosa Bluse war 
halblang, so dass ich ihre fein gemeisselten Knöchel 
bewundern konnte. Unter den glänzenden Spangen 
schuhen hohe amerikanische Hacken und — wie 
kokett! — schwarzseidene, durchbrochene Strümpfe. 
Vollblut, resümierte ich mich. 
Meine fast unauffällige Musterung quittierte sie 
mit einem überhebenden Lächeln. Da raschelte eine 
ultrachic gekleidete marcheuse mit einem amüsanten 
gelblichen Gesicht an mir vorbei. Sonst hätte ich 
ihr wohl nachgeblickt, aber unverwandt sah ich 
diesmal zu meiner Donna herüber. Das schmeichelte 
ihr nun doch wohl, und sie vergalt mir’s sofort mit 
einem neckischen Augenaufschlag. 
Und nun war das Eis geschmolzen; wir tauschten 
Gruss auf Gruss mit den Blicken, tranken uns gar 
verstohlen zu und machten uns gemeinsam über 
manche Ankömmlinge heimlich lustig. 
Die hereinbrechende Dunkelheit und schon em 
pfindliche Kälte des Abends nötigten schliesslich zum 
Aufbruch. Da die Mama, eine hohe stattliche Dame 
mit bestimmter Rede, unsere im Liebesvolapük ge- 
pflogene Korrespondenz durch offizielle Mienen zu 
stören versucht hatte und ich mir alles andere, aber 
keine Förderung bei einer noch so kavaliersmässigen 
Annäherung zu gewärtigen hatte, griff ich zur List. 
Ich durchbrach eine Visitenkarte und schrieb auf 
den Teil, der meinen Vornamen enthielt, ganz klein 
die Worte: 
„Prinzessin! Würden Sie einem leider nur 
Wohlgeborenen, der Sie bereits über alles erlaubte 
Mass verehrt, ein Wiedersehn gewähren wollen, so 
schreiben Sie unter ,Eierhäuschen 4 Postamt 62.“ 
Das kartonierte Papier faltete ich zusammen 
und steckte es in die Westentasche zur Uhr. Als 
ich aufblickte, sah ich die Mama boshaft lächeln. 
Hatte sie etwas im. Schilde ? 
Der Sterndampfer, mit dem wir vier nach Berlin 
zurückfuhren, war am Vorderdeck dicht besetzt. 
Hinten lichtete es sich etwas, aber nur wenig. Um 
so mehr pries ich den „Zufall“, der mir einen Platz 
neben meiner coeur-Dame gab. Wir lächelten uns 
wie bescherte Kinder an. So hatte ich auch die 
Mama sehr gern — recht weit weg. Sie sass 
nämlich mit ihrem Gatten, durch 10 bis 12 Menschen 
von , uns getrennt, in der Nähe der Steuerschraube. 
Mit steigendem Unmut aber nahm ich plötzlich 
wahr, wie die besorgte Mutter auf das Haupt der 
Familie gestikulierend einredete. Und verwünscht, 
da ertönt es schon: „Marianne, hier ist noch ein 
Platz für Dich!“ —•' 
Meine Marianne zögerte. Da die höhere Instanz, 
ein prächtiger Bass-Bariton: 
„Marianne, hörst Du nicht?“ Ich licss ein 
leises „Fatal“ entfahren, was ihr Balsam einzuflössen 
schien. Aber sie folgte. — 
Die „Abtei“ und die umliegenden Restaurants 
mit zahllosen, festlichen Lichtern, die einen grellen 
Widerschein auf die alten, üppig belaubten Bäume 
werfen und ganz märchenhaft aus dem Dunkel 
herausblitzten, kamen in Sicht. Der Dampfer legte 
auch in Treptow an. 4 Personen stiegen aus und 
grade die Nachbarn meiner Marianne. Flugs erhob 
ich mich und nahm einen ihrer Plätze ein. So, nun 
sassen wir wieder zusammen. Den Eltern vis-ä-vis. 
Der Papa lächelte ein wenig, die Mama war sichtlich 
empört. Sie brachte sogar einen Zischlaut hervor. 
Ich freute mich wie ein Teufel. Jetzt kam ja erst 
der grösste Moment: Die Spedition des Zettels unter 
Ausschluss der Oeffentlichkeit. 
inzwischen fand ein reger Austausch von Zärt 
lichkeiten durch die Fussspitzen statt. Auch dieses 
blieb der argwöhnischen Erzeugerin nicht verborgen. 
Sie hielt Umschau nach einem Strafplatz für ihr Kind 
— jedoch erfolglos. 
Jetzt sprach meine Nachbarin von den Schön 
heiten einer Stadt, deren Namen ich nicht verstand, 
und verwickelte ihre Eltern in ein lebhaftes Gespräch. 
Diesen Augenblick benutzte ich und griff in die 
Tasche, um mit der Uhr das billet-doux herauszu 
ziehen und in der Fläche einer Hand zurückzulassen. 
Indem ich meinen Spazierstock vor mich hinstellte 
und die Hände darauf legte, machte ich meine An 
gebetete auf den coup, den ich ja nur mit ihrer Zu 
stimmung ausführen konnte, durch Räuspern auf 
merksam. Sie sagte gerade: „Aber wie schade, dass 
ich den alten Redde vor seinem Tode nicht mehr 
zu sehen bekam“, da sah sie meinen Zettel, hörte 
mein leises „darf ich?“ und lachte zu ihren tief 
ernsten Worten wie ein Kobold. Das erschien der 
Mutter äüsserst verdächtig; sie verfehlte auch nicht, 
eine abfällige Bemerkung darüber zu machen. Da 
bei guckte sie mich halb fragend, halb zornig an. 
Ich markierte mit Meisterschaft den Dummen. — 
Doch das Glück war mir nicht günstig. Schon lag 
die Oberbaumbrücke, die sich aus der Tiefe der Nacht 
in ihren mittelalterlichen Umrissen noch schwärzer 
und recht romantisch abhob, hinter uns und Papa 
machte bereits höhnisch die Bemerkung: 
„Gleich ist’s neun, und dann ist alles vorbei“, 
da fiel es einem rheumatischen Spreespartaner mit 
Ehegesponst ein, an uns vorüber zur Kajüte zu gehen. 
Im Augenblick, wo die Körper beider meine Nach 
barin und mich verdeckten, warf ich das Papier 
stückchen in ihren Schoss. Schnell zog sie das 
Taschentuch heraus, putzte sich harmlos die Nase 
und legte cs gleichfalls aufs Kleid. Jetzt hatte Mama 
auch wieder freie Aussicht. Sie sah erst ihr 
Töchterchen, dann mich prüfend an, und da sie nichts 
an uns entdecken konnte, gab sie sich zufrieden. 
Grade legte auch der Dampfer an der Jannowitz- 
brücke an. Mit einem tiefen Augengruss verab 
schiedete ich mich von meiner Schönen und gesellte 
mich zu den Aussteigenden. Als ich die Treppe 
zum Bürgersteig hinaufeilte, las ich vorn am Dampfer 
seinen Namen. Es war der „Friedrich Wilhelm“. 
■JC- R* 
2 Tage später stand ich vorm Postschalter und 
forderte einen Brief umer „Eierhäuschen“. Der 
Beamte reichte mir zu meinem lebhaftesten Erstaunen 
gleich zwei. Ich verglich die Adressen. Die eine 
zeigte eine ziemlich energische Handschrift, *. die 
andere einen recht mädchenhaften Ductus. Die 
Sache kam mir höchst problematisch vor, aber das 
Rätsel konnte ja sogleich gelöst werden. Ich er 
brach den mit der kräftigen Aufschrift und las: 
Mein Herr! Meine Tochter hat mir aus 
freien Stücken ihr Herz ausgeschüttet und mir 
Ihre Zeilen zu lesen gegeben. Ich verbitte mir 
jede Annäherung und jeden Verkehr. Ihre Art, 
die Mutter zu umgehen und sich durch durch 
sichtige Schmeicheleien anzubiedern, um ein 
Wort meines Mannes zu gebrauchen, lassen auf 
einen berufsmässigen Liebeserklärer schliessen. 
Schämen Sie sich in Ihr Rouegesicht hinein. 
Die Mutter Ihrer „Prinzessin“. 
Meine Zornesader schwoll bis zur Unkenntlich 
keit. Was fiel der Person ein? Eine komische 
Alte! Und die junge. Diese Krokodilsbrut! Ich 
wollte den zweiten Brief bereits in tausend Stücke 
zerreissen, um das Gefühl des blamierten Mittel 
europäers nicht in der Potenz zu kosten, aber schon 
hatte ich ihn erbrochen und durchflog ihn: 
Verehrter Herr! 
Zunächst danke ich Ihnen für Ihre sinnigen 
Schmeicheleien und für das Vergnügen, das Sie 
mir auf der neulichen Fahrt bereitet haben. Es 
war mehr als ein blosses Vergnügen — na, 
darüber können wir uns ja morgen unterhalten. 
Ich erwarte Sie um 4 Uhr am Goldfischteich. 
Vor Ueberraschungen seitens meiner Eltern sind 
wir für immer gesichert. Ich habe Maman 
nämlich alles gestanden und zu lesen gegeben. 
Wissen Sie warum? Meine älteste Schwester, 
die verheiratet ist — fabelhaft hübsch, Sie 
müssen sie auch kennen lernen — hat mir ein 
mal geraten: „Wo die Liebe im Spiel ist, 
Marianne, musst Du in Kleinigkeiten immer 
ehrlich sein!“ Darnach habe ich zum ersten 
Mal gehandelt. Fängt es nicht alles sehr, drollig 
an? Auf Wiedersehen 
Ihre 
Marianne Frobenius. 
Nachwort: „Sie müssen in allem ehrlich sein, 
übrigens! 
Wenn das Mädel noch mit etlichen tausend 
Goldfüchsen erblich belastet ist, sagte ich mir still 
jubilierend, dann wird sie vom Fleck weg geheiratet. 
Mmtii am Bliffag. 
UliHag tjf r», Ijrll ttnb klar. 
3Barf bunt .TRtt.it’ irlj fratmt? 
Mrlji brr Mmih, mir fnnbrrhar, 
©brtt bnrf im Mannt. 
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IIMII int Qßliutir Ijaltrit JfWjf 
Huf brr Jfinp Mljmankru. 
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