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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

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Sie wissen doch, meine Herren, dass ich 
einen Nellen habe, den Sohn meiner seligen 
Schwester, der drüben in Jena studiert. Denken 
Sie, der Bursche kommt da eines Tages auf die 
Idee, Schauspieler zu werden. So was! Ich nun 
gleich hin, damals studierte er noch in Berlin, 
und red’ ihm auch richtig die Sache aus. Wenn 
einer, wie der Junge, aus so einer alten Juristen 
familie stammt, der Vater, Grossvater, Urgross- 
vater Jurist, da hat er auch Jurist zu werden, schon 
aus Anstand. Na, das sah der Junge denn auch 
ein, und versprach mir, Jurist werden zu wollen. 
Aber damit allein war mir noch nicht gedient, er 
musste mir auch versprechen, ein guter Jurist zu 
werden! Und zuletzt noch, dass er, sobald es an 
gehn werde, eine Zeit in Jena studieren würde, 
damit ich’n in der Nähe hätte. 
Da nu der Bengel so folgsam war, und auch 
den Gedanken, an das Theater zu gehen, so schnell 
aufgab, denn das lockt doch junge Leute sehr, 
da dacht ich, machst’n auch eine Freude, und 
da kurz nach unserer Unterredung sein Geburts 
tag war, schickte ich ihm eine Zigarrentasche, in 
die ich einen Hundertmarkschein gesteckt hatte. 
Neulich nun war ich drüben in Jena und 
besuchte den Bengel; ein hübscher Mensch, das 
muss ich sagen. Wie ich mich so in seiner Bude 
umsehe, fällt mir auf einmal die Zigarrentasche 
ins Auge, die ich dem Jungen geschickt hatte und 
wie man so mit was spielt, nehm ich sie in die 
Hand und mach sie auf. Aber was ist denn das? 
ich denk, ich seh nicht recht, da steckt ja noch 
der Hundertmarkschein drin. Aber Otto, sag ich, 
mein Neffe heisst nämlich Otto, Du hast wohl 
noch gar nicht in die Zigarrentasche gesehen? 
Ne Onkel, sagt er, was seh ich denn in einer 
leeren Zigarrentasche! „Na, sage ich, Du hättest 
sie doch in Gebrauch nehmen können. Das wollt 
ich auch, gab er zur Antwort, aber als ich sie 
das erste Mal zu öffnen versuchte, gelang es mir 
nicht, sie aufzumachen, das Schloss ist so kom 
pliziert, dass man es thatsächlich nicht aufbe 
kommt. 
Da hatte er nun recht; das Schloss war that 
sächlich ein wenig kompliziert, vielleicht, wenn 
nlirs der Verkäufer nicht gezeigt, hätte ichs auch 
nicht aufgebracht. Aber lachen musst ich doch, 
und zeig ihm das Ding hin und sage: Na, manch 
mal ist in einer leeren Zigarrentasche doch was 
zu sehen! Da war nun freilich das Staunen gross. 
Aber denken Sie, der Bengel hat sich gefreut? Bei 
nahe wütend ist er geworden! Fortwährend 
schimpfte er und schrie, es sei unverantwortlich, 
so etwas so lange im Hause zu haben, ohne es in 
Gebrauch nehmen zu können, und es wäre ein 
Skandal, Zigarrentaschen in den Handel zu bringen, 
die kein vernünftiger Mensch zu öffnen imstande 
sei. Im übrigen sei ihm der Vorfall ganz lieb, denn 
jetzt sei er in der Lage, sein letztes Versprechen 
zu halten und mir zu beweisen, dass er ein guter 
Jurist wäre. Ich wusste erst garnicht, was er meinte, 
und wie das mit dem Hundertmarkschein zu 
sammenhing; jetzt aber begreife ichs, denn wissen 
Sie, meine Herren, was der Schlingel gethan hat? 
— Auf den Zinsverlust hat er mich verklagt. 
$)as Sisrhaus. 
Ein (unterhaltsames) Erlebnis 
von 
Hans Perzynski. 
..|| , | itze war mir nie unsympalisch — aber in dieser 
« ,itz< j —— ciuci ui uiesei 
, Gebelaune schien selbst mir die Sonne zu auf 
dringlich. Das Thermometer zeigte 29 0 im Schatten. 
Ich legte die Feder fort und beschloss, schleunigst 
eine kühlere Zone aufzusuchen. Wenn möglich per 
Dampfer. Ein Weilchen schwankte ich, dann ent 
schied ich mich für „Eierhaus“. Den Ausschlag gab 
der Wunsch, einmal alte Erinnerungen aufzulrischen. 
In meiner seligsten Knabenzeit nämlich hatten wir 
einen wundervollen Hochsommer über dort gewohnt. 
Damals war ich ein nahezu /jähriger, zu allen Max- 
und Moritzstreichen bereiter Junge. Eine gewisse 
Versonnenheit ging damit Hand in Hand. Nicht 
nur, dass ich schon damals meine allererste Liebe 
zu fühlen bekam, entsinne ich mich noch deutlich 
des Zaubers, den die zwar wenig mannigfaltige, aber 
doch echt märkische Natur um Treptow auf das 
Gemüt des Knaben ausübte. Ich konnte stundenlang 
im Ufergras liegen und den Störchen nachsehcn, 
die Rennboote, Zillen und Schlepper, die namentlich 
morgens die Spree lebhaft bevölkerten, verfolgen 
und mit grossen Augen den Anglern zugucken. Wo 
man damals hinblickte, begrenzten schwarzblaue 
Kiefernwälder den Horizont, und unsagbar herrlich 
wars, wenn der mal erweitert wurde, indem ein 
F'reund unserer Familie meinen Bruder und mich in 
seinem kastanienbraunen Segler zur Fahrt auf der 
Müggel mitnahm und wir unterwegs weisse Seerosen 
pflücken konnten. Obwohl ich mit Schularbeiten 
noch nicht geplagt war, hatte ich doch meine regel 
mässige Beschäftigung. Ich half bei jedem an- 
kommenden Vergnügungsdampfer die Passagierbrücke 
herüberlegen, die nach der Abfahrt auf dem Landungs 
steg verblieb. Mit mir zusammen wirkte dabei der 
„Klingeljunge“ am Bug, den ich sehr respektierte, 
weil er mit Strick und Enterhaken wie ein Mann 
zu hantieren vermochte. Ich verfehlte auch niemals, 
vor ihm die Finger ernsthaft an die Mütze zu legen. 
Solche, die mir gewogen waren, erwiderten dann 
auch leutselig den Gruss und zogen mich ganz kurz — 
eben nach Seemannsart — ins Gespräch, das meist 
die Witterungsverhältnisse zum Gegenstand hotte. 
Der Mehrzahl der Kapitäne war ich ein Dorn * im 
Auge. Sie vermuteten ganz richtig, dass ich nicht 
schwimmen könnte und bei einer allzu leidenschaftlich 
ausgeführten Manipulation mal eines schönen Tages 
einfach ins Wasser fiele und dann Umstände ver 
ursachte. Nur einer machte eine Ausnahme. Das 
war der Führer des „Friedrich Wilhelm“. Er erwarb 
sich bei mir denn auch eine Position, so zwischen 
Vater und Onkel, und sein Schiff wurde mein Lieblings 
dampfer. Wenn der Schornstein des „Friedrich 
Wilhelm“ in Sicht kam, reinigte ich die Brücke — 
zum Leidwesen Mamas — äusserst sorgfältig mit dem 
Taschentuch und schwenkte die Kappe. Ich erschien 
mir unentbehrlich und fühlte eher etwas wie Schaden 
freude, als mir ungefähr nach einem Monat der Auf 
enthalt auf der Landungsbrücke verboten wurde. 
All dies und manches mehr ging mir durch den 
Sinn, als ich nach 20 Jahren wieder zum ersten 
Male den grünen Stand der Spree bei Treptow betrat. 
Mich hatte es eben die ganze Zeit über nicht dort 
hin gezogen, auch waren meine Begriffe von land 
schaftlicher Schönheit inzwischen etwas differenzierter 
geworden. 
Endlich sass ich bei Cigarre und Kaffee im 
Eierhaus-Garten. Hier — wenig verändert. Die 
Schiessbude und die Würfelgelegenheit — ja, das 
stimmt noch. Auch das Haus war noch das alte. 
Aber was war aus der Aussicht geworden! Heiliger 
Sebastian! Vor meiner Nase am andern Ufer blähten 
sich vier schön geweisste, eiserne Riesentrommeln. 
Jede enthielt 370000 Liter Petroleum. Nach dem 
Geruch zu schliessen, konnten es soviel sein. Auch, 
dass es Prima-Q ualität war, bot keinen hinreichenden 
Ersatz für das verschwundene Stück Poesie. Da 
neben, wo man sich früher zum Förster übersetzen 
lassen konnte und sich wie Robinson vorkam, lag 
eine ungemein nüchtern gebaute Fabrik mit einem 
genügend hohen Schornstein. Oha — da rechts 
noch zwei Schornsteine. Und links nach der Abtei 
— früher Sperl — zu, sah’s erst gar nach Schweiss 
und Arbeit aus. Pfui, quae mutatio rerum. 
Trübe starrte ich den Rauchringen nach. Ein 
langgezogenes Uhhh weckte mich. „Borussia“. Auch 
ein alter Bekannter von damals. Ob der Kapitän 
von „meinem“ Friedrich Wilhelm noch lebte? Ich 
erhob mich, ein unterdrücktes Hurrah in den Zügen. 
Dann genierte ich mich plötzlich und setzte mich 
wieder. Mein leicht verklärtes Gesicht musste das 
junge Mädchen am Nebentisch wohl amüsiert haben. 
Sie lächelte etwas spitzbübisch herüber. Geärgert 
sah ich fort, indem ich mir den Anschein eifrigsten 
Milieustudierens gab. In meiner Umgebung jedoch 
vermochte ich nichts zu entdecken, was zu einer 
lohnenden Betrachtung genügend Stoff geboten 
hätte. Und so wars kein Wunder, dass meine 
hungrigen Augen wieder an meiner, höchstens 
18jährigen Nachbarin hängen blieben. 
Jetzt ignorierte sie mich. Beim Barte des 
Propheten: ein eigengeartetes, liebliches Kind. Und 
wie sie jetzt zum Vater sprach, — der ein Offizier a. D. 
oder forscher Agrarier sein mochte — sah man die 
langen, graden Vorderzähne in kurzen Pausen so
        
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