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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Der Schlag füllt zu. 
Edgar stürzt vorwärts, da wird er zurückge 
schleudert und taumelt fast unter die Hufe der 
davonbrausenden Rappen. — 
Nur ein Jahr später. 
Eine junge, schöne Frau in weissgeädertem, 
orangesammetnen Teagown sitzt in ihrem köstlich 
luxuriösen Boudoir und löffelt ihre Morgencho- 
colade. 
Sie ist ein wenig müde, gelangweilt. Ge 
räuschlos tritt die Zofe ein. 
„Die Morgenzeitung, gnädigste Gräfin.“ — 
Adrienne von der Gracht entfaltet nachlässig 
die knisternden Blätter. 
Sie ist am Ziel ihrer Wünsche. Der Graf, 
ihr Gemahl, ist äusserst rücksichtsvoll und auf 
merksam, erlaubt ihr sogar, unter ihrem Mädchen 
namen der Bühne treu zu bleiben. Ihr fehlt 
nichts! Nur —manchmal, verspürt sie etwas wie 
Langeweile. 
Ob die Zeitung etwas Neues, Interessantes 
enthält? Wieder einen Einbruch bei irgend einer 
alleinstehenden Dame? 
Das war so unheimlich. 
Seit längerer Zeit wurden die alleinstehenden 
Damen von einem Einbrecher heimgesucht. 
Es musste immer derselbe Thäter sein. Ge 
wöhnlich suchte er sich Lehrerinnen aus, von 
denen er bestimmt wusste, wann sie die Wohnung 
verlassen mussten, und raubte ihnen ihre mühsam 
ersparten paar Pfennige. 
Jüngst aber, das alte Fräulein Medenwald, 
war zuhaus gewesen, hatte wohl Alarm schlagen 
und sich zur Wehr setzen wollen, da hatte sie 
der Einbrecher mit einem Hammer grausam, 
schrecklich ermordet. 
Ob man den Mörder immer noch nicht hatte? 
Gräfin Adrienne von der Gracht überfliegt 
interessiert die Spalten der Morgenzeitung. 
Plötzlich kommt ein jäher, unartikulierter 
Schrei von ihren Lippen. 
Die Zeitung entsinkt ihren Händen. Edgar 
Göhring? Er — der Mörder, der Einbrecher, der 
so lange Zeit von den geraubten Spargroschen der 
alleinstehenden Frauen gelebt? — 
Adrienne schaudert. 
Dann greift sie noch einmal zur Zeitung und 
überliest langsam und genau die betreffende Notiz. 
Nicht nur der Name, auch die Beschreibung stimmt 
ganz genau. Kein Zweifel, — Edgar Göhring! — 
Wie' schön er doch einst gewesen war, mit seinen 
goldnen Locken und den blauen, glänzenden Augen, 
wie ein richtiger Liebesgott. Und nun das Ende! 
Aber sie hatte so etwas vorausgesehen, er war 
immer ein Schwächling gewesen, ein Mutter 
söhnchen. Und sie kann doch auch nichts dafür, 
sie gewiss nicht! 
Adrienne schüttelt die schwarzen Haarmassen 
in den Nacken, wie eine gleissende Schlange liegt 
ihr die gelbe Sammetschleppe zu Füssen. 
Pah! Und heut Abend wird sie die Carmen 
singen! Und gut! Besser, hinreissender denn je, 
das weiss sie! — 
Vor den Schranken des Gerichts sitzt zu 
sammengesunken auf der Anklagebank ein junger, 
verkommener Mensch. Seine Glieder zittern und 
seine Augen stieren in blöder Angst auf den 
Richter. Er hat geleugnet, aber Beweis hat sich 
an Beweis gereiht, und nun spricht der Richter 
kalt und unerbittlich sein „schuldig!“ Der Ver 
urteilte stiert noch immer. — 
Man packt ihn an der Schulter, man rüttelt 
ihn auf und schiebt ihn vorwärts — ins Zuchthaus. 
Wie dunkel die Zelle ist, wie schaurig dunkel 
und kalt. 
Edgar empfindet plötzlich eine Sehnsucht! 
Eine grosse schreckliche Sehnsucht nach einer 
Stimme, die „Edgar“ spricht. 
Ein Mondstrahl hat sich in die Zelle gestohlen 
und malt drüben an die Wand einen hellen, 
zitternden Reflex. Es sieht fast aus, wie ein 
Menschenauge, das in Thränen schimmernd zu 
ihm niedergrüsst. ■— 
Und derselbe Mondenstrahl streift scheu die 
kalte, weisshaarige Stirn einer alten Frau. 
Es ist das Giebelstübchen, vor dessen Fenster 
die grünen Ranken pochen. 
Sie sitzt im Lehnstuhl, die alte Frau, das Haupt 
vornübergebeugt, — tot. 
In der erstarrten Hand liegt zerknüllt ein 
Zeitungsblatt. 
Das hat ihr das Herz gebrochen. — Mutter 
söhnchen. — 
^er Jöl^same f|ejje 
von 
Karl Pauli. 
Der Steuerrat Brummer war heute noch gräm 
licher als gewöhnlich. Schon wie er das Lokal 
betrat, schnauzte er den Kellner an, weil ihn dieser 
mit einem verbindlichen, in der Heimat des Gany 
meds durchaus gebräuchlichen: „Empfehle mich!“ 
empfangen hatte. 
„Ich komme ja, ich gehe doch nicht, Sie 
alberner Mensch! Oder wünschen Sie vielleicht, 
dass ich mich gleich wieder entferne?“ schnaubte 
Brummig den tief errötenden und vor Verlegen 
heit: „aber bitte, bitte Herr Reuerstat!“ stammelnden 
Dienstbeflissenen an. 
„Steuerrat bin ich und nicht Reuerstat!“ schrie 
Brummig wütend. Er warf dem Unglücklichen 
einen Blick zu, dass derselbe wie ein Taschen 
messer zusammenknickte; dann schritt er auf den 
Stammtisch zu, an welchem er sich ohne Gruss 
niederliess, die Schnupftabakdose aus der Tasche 
zog, dreimal heftig auf die Tischplatte schlug und 
vor sich hinbrummte: 
„Als ob sie’s drauf anlegen möchten! als ob 
sie’s drauf anlegen möchten!“ 
„Was ist denn? was haben Sie denn? wer 
hat Sie denn schon wieder gekränkt mein guter 
Steuerrat?“ fragte gutmütig der Katasterkontroleur 
Felius. 
„Nichts! Niemand!“ gab der Steuerrat spitz 
zur Antwort und fuhr fort, mit seiner Dose nervös 
auf die Tischplatte zu klopfen. 
„So, so!“ sagte Felius und wendete sich wieder 
zu den anderen Herren, die noch mit am Stamm 
tisch sassen. Diese stiessen sich heimlich lächelnd 
unter dem Tische an; wussten sie doch, dass 
Brummer darauf brannte, die Ursache seines 
Kummers den fühlenden Seelen seiner Stamm 
tischgenossen mitzuteilen; aber sie wussten auch, 
dass er es um so später that, je früher man ihn 
darum befragte. Er hatte die Gewohnheit, still 
und verlassen dazusitzen, bis er plötzlich losbrach 
und seinem gedrückten Herzen Luft machte. 
Heut sass er ziemlich lange, der Stammtisch 
füllte sich nach und nach. Jeder Ankommende 
wurde mit einem Wink nach Brummer hin be- 
grüsst, dem die Bewegung des Kopfschütteins, 
mit auf den Mund gelegten Finger folgte. Jeder 
verstand sofort, dass er Brummer nicht fragen solle. 
Brummer allein merkte nichts; stumm und ver 
bissen sah er vor sich nieder und achtete nicht 
der wild um ihn brandenden Stammtischweisheit. 
Plötzlich fuhr er auf, schlug wieder mit der 
Schnupftabaksdose auf den Tisch und rief mit 
einem wilden Blick über die ganze Runde. 
„Als ob sie’s drauf anlegen!“ 
Sofort entstand allgemeines Stillschweigen, 
blickten alle erwartungsvoll auf Brummig, aber 
keiner sprach ein Wort. Es war auch nicht nötig, 
denn dieser führ schon allein fort.
        
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