Path:

Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

löscht das Licht aus und einen Augenblick nachher 
tönen zwei entsetzliche Schreie durch das Gemach. 
Julie sieht gleich mir den Comthur vor unserem 
Bette stehen! Nebenan wird es lebendig. Die 
Thüren des Ganges werden auf- und zugeschlagen 
und nach kurzer Zeit steht Schwester Elisabeth, 
umringt von sämmtlichen Pensionsgenossinnen, 
vor unserer Thür. „Was habt Ihr?“ ruft Schwester 
Elisabeth. Unseren gewaltsamen Anstrengungen 
gelingt es endlich, gemeinschaftlich das Wort „Ein 
Geist“ hervorzustossen. Schwester Elisabeth tritt 
ein und gleichzeitig mit ihrem Eintritt ist 
die Spukgestalt verschwunden. Nun regnet es 
Vorwürfe von Schwester Elisabeth und von unsern 
Freundinnen auf uns herab. Wir werden beide 
ausgelacht und haben zu dem Schaden noch den 
Spott zu tragen. 
„Und ich lasse es mir doch nicht ausreden,“ 
sage ich. „Das Gespenst ist hier. Ich habe es 
zweimal gesehen, und wenn Ihr Eure Lichter aus 
löscht, so werdet Ihr es auch erblicken.“ 
Schwester Eliesabeth hat sich auf den Rand 
des Bettes gesetzt und hält unsere Hebernden Hände 
beruhigend in ihrer Linken; in ihrer rechten Hand 
hält sie das brennende Licht. Die Pensionärinnen 
haben sich um das Kopfende unseres Bettes ver 
sammelt. 
„Damit Ihr seht, wie einfältig Ihr seid, will 
ich das Licht verlöschen. Ihr werdet sehen, der 
gespenstische Reiter wird uns in Ruhe lassen.“ 
Das Licht verlöscht. Gleich nachher gellt ein 
vielstimmiges Gekreische durch den weiten Raum. 
Aengstlich halten sich die Klosterschülerinnen um 
klammert urd starren auf die Spukerscheinung. 
Schwester Elisabeth, die vor wenigen Sekunden sich 
noch als wahre Heldin gezeigt, hat all’ ihre Würde 
eingebüsst und ist unter dem Bett verschwunden. 
„Zum Donnerwetter, was ist denn das für 
ein Spektakel!“ erschallt es auf dem Korridor. 
Die männliche Stimme des Hausherrn giebt 
uns einen Teil der Besonnenheit zurück. Die 
Thür öffnet sich; der erstaunte Blick des Eintretenden 
fällt auf die drastische Gruppe der im tiefsten 
Ne'glige'e in den verschiedenartigsten Stellungen 
kauernden Mädchen. Von Schwester Elisabeth ist 
keine Spur mehr zu erblicken. 
„Werde ich nun endlich erfahren, was hier 
los ist?“ donnerte der Hausherr, und ich hielt es 
für meine Pflicht, ihm mitzuteilen, was uns solch’ 
einen panischen Schrecken eingejagt. Das viel 
stimmige Gekreische meiner Freundinnen tönt mir, 
wie ich an allen Gliedern zitternd spreche, noch 
in den Ohren. Aber kaum habe ich in ruckweise 
ausgestossenen Worten den Hausherrn über die 
Ursache unserer Verzweiflung aufgeklärt, so schallt 
urkräftiges Lachen aus männlicher Brust durch den 
Raum. Die weiblichen Herzchen fangen an, 
weniger laut zu schlagen und ihren Besitzerinnen 
kehrt allmählich die Besonnenheit zurück. Sämt 
liche Pensionsgenossinnen übersehen mit einem 
Male die Mangelhaftigkeit ihrer Toilette und mit 
einem neuem Aufschrei verkriecht sich ein Dutzend 
weiblicher Geschöpfe in das einzig vorhandene 
Bett. Der Anblick muss überwältigend komisch 
gewesen sein, denn unser liebenswürdiger Gastgeber 
hatte Mühe, sich von seinem Lachen zu erholen. 
„Meine Damen, die Lösung des Rätsels ist 
sehr einfach. Das ungewöhnlich grosse, rahmen 
lose Fenster dieses Zimmers, das früher ein Laden 
gewölbe war, reicht bis zur Erde, und hat das 
Mädchen vergessen, den grünen Rollladen gestern 
Abend herunter zu lassen. Draussen, auf dem 
etwas erhöhten Marktplatz, können Sie das Stand 
bild unseres verewigten Regenten erblicken, vom 
Mondschein überflutet, und die heute Nacht am 
Himmel vorbeijagenden Wolken haben bewirkt, 
dass das gespenstisch durch das Fenster herein 
ragende Standbild Leben und Bewegung an 
genommen hat. Jetzt werde ich das Licht aus 
löschen, und sofort wird der Comthur erscheinen.“ 
Das Licht verlöscht und ein allgemeines Ah 
der Erleichterung ertönt von den Lippen der 
Klosterschülerinnen und auch Schwester Elisabeth 
kriecht nach langem Zögern unter dem Bett her 
vor. — 
Ich bin seit jener Nacht noch öfters zu Besuch 
bei Annas Eltern gewesen. Immer wurde mir das 
eigenartige Eckzimmer angewiesen, das mich bei 
meiner ersten Anwesenheit in St. beherbergte. 
Der steinerne Gast ist mir ein so lieber Nachbar 
geworden, dass ich den Rollladen niemals her- 
unterliess, um das Standbild des vermeintlichen 
Comthurs in nächster Nähe zu haben. Vor einem 
Jahre wurde das Standbild auf einen anderen 
Platz gestellt, • und hat mich dies mit leiser Weh 
mut erfüllt. Erinnerte mich doch das jetzt auf 
dem K platz befindliche Monument an 
meine erste Begegnung mit Gestalten aus dem 
Reiche der vierten Dimension, und werden Sie 
es begreiflich finden, dass ich seit jener Nacht 
gleich Ihnen eine entschiedene Anhängerin des 
Somnambulismus geblieben bin bis auf den heu 
tigen Tag.“ 
BeMta0. 
Jtm liebßeu fttjf mein Quirfffetlein 
Beim Jonßer unb frljaut in bie ($a|fe fjinciu, 
Buf all bas (Ereilten naf; unb fern 
Bon Pagen unb Bttnbeu, non Barnen unb 
Bereu. 
Ba giebt es Bewegung fort unb fort, 
Butt; freunblirfjcu ClöruJj unb fröfjlirf; Port - 
Borf; fjeufe (teilt unregfam frljmer 
Bcr Bebel graue Pänbe mutier. 
Hub wie mein QEürfjterrfjeu früf; ermaifjt, 
Jnufjt lang fein Bug bte gewofjnfe Jh-atfjf, 
Hub es ftefit oermirrt jum Bettßer Ijinaus 
Hub feufjt: ,,Ba brühen i|t niemanb ;u Baus!“ 
Pein :Kinb, uorfj fprirfjß Bu er|t im (Eraunt, 
Hub was Bu fag(i, uerßefjß Bu kaum. 
(Erfafjrc nie, wenn Bu älter biß, — 
Baß britbeu nientanb ju Baute iß. 
Prag. flmtunrfj Jtöter. 
Im UgoUl 
mirfg 30id; auf bas Lager ®ad;f für ffiacfjf, 
3He (teigen (©lieber ftüljlf nüf;f Luff luulj Linnen; 
3n Iieb|t ein Heilt tttif all’ ben armen binnen 
Hub fte i(f fern, inbe» TPein JUtge inarfjf. 
Helj 3F>ir! — nidjf fern! nein! fte rnljf nebenan, 
Hub Hanb an Hanb fjör’ icfj bie stimme rufen, 
©ett Ieidjfjen Ölriff brr Lüfjdjeu auf ben stufen 
Mnb Iginterljer ben ,§djriff uom (Ehemann. 
fi biete gfunbe, bie kein Ätfjlaf erguirhf! 
Lrn leifen Kattfdjen, jebem ®uit nnb Lungern 
®ür’ irf; bcr Liebe ftnfjlerifdje» Ungern 
Hub felj fte nur mir, Hmtb an Hmtb gebrürhf, 
Hub fitfrle burrl; bie ÄdjinerjensutänbB fadjf . . . 
Der reffef ntidj aus final unb Lingernilfen 
Wein SEraitut ber Lit|fe, ungefüllt tttif lügen, 
©uu betten einer ftfpn nnfelig tnaifjf! 
fi tttär’ id; ^itnfon ttttb bie Ltraff mar’ mein, 
Lütt Jhmnrrgrnll bie Hauern einjufdilagett! 
©atttt tunllf’ idj gerne bie ©rrbantntnis fragen, 
üettn fn jtt gerben miifsfc Hanne fein!
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.