Path:

Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Des Lebens Ungemach. 
Von A. Tschechoff. 
Lew Iwanowicz Popow, ein nervöser, im Dienst un 
glücklicher Mann, der auch im Familienleben nicht zu 
den glücklichsten zählte, holte sich eine Rechenmaschine 
und fing an zu rechnen. Vor etwa einem Monat hatte 
er in dem Bankkontor von Koscher ein Prämienloos 
gegen monatliche Theilzahlungen erworben und nun 
rechnete er aus, wie viel er für die ganze Zeit werde zu 
bezahlen haben, ehe das Loos sein wirkliches Eigenthum 
wurde. - »Das Loos kostet lt. Kurs 246 Rubel" - rechnete 
er. — »Ich gab 10 Rubel Angeld, somit blieben 236 Rubel. 
Schön. . . . Dazu kommen 7 % Zinsen für einen Monat 
und y* % Kommissionsgebühren, dann Stempelsteuer, 
Postgebühren für die Uebersendung des Leihvertrages 
21 Kop., Versicherung des Looses 1 Rubel 10 Kop., für 
Transilo 1 Rubel 22 Kop., Versäumnissgebühren 18 Kop..." 
Hinter einem Schirm lag auf dem Bette Popow’s 
Frau, Sophie Sawischna, welche aus Moensk zu ihrem 
Manne gekommen war, um sich eine besondere Auf 
enthaltskarte zu holen. Unterwegs hatte sie sich erkältet, 
und litt jetzt unbeschreiblich an Zahnschmerzen. 
Oben, über dem Popow, übte ein energischer Mann, 
wahrscheinlich ein Schüler des Konservatoriums, auf 
dem Klavier die Rhapsodie von Liszt mit solchem Eifer, 
dass es schien, als ob ein ganzer Eisenbahnzug auf dem 
Dache dahinrollte. Rechts, in der Hotelnummer nebenan, 
bereitete sich ein Mediciner zum Examen vor. Er schritt 
von Ecke zu Ecke und büffelte mit seinem tiefen Semina- 
risten-Bass: 
— Den chronischen Magen-Katarrh kann man auch 
bei Gewohnheitstrinkern und Vielessern, sowie bei 
Leuten beobachten, welche eine unmässige Lebensweise 
führen . . . ." 
In dem Hotelzimmer duftete es betäubend nach 
allerlei Zahntropfen, Nelkenöl, Kreosot, Jod, Karbol und 
anderen übel riechenden Substanzen, die Sophia Sawischna 
gegen ihre Zahnschmerzen brauchte. 
— „Schön," rechnete Popow weiter. „Zu den 
236 Rubeln kommen noch 14 Rubel 81 Kop. hinzu, es 
bleiben also für diesen Monat 250 Rubel 81 Kop. Wenn 
ich nun im März 5 Rubel zahlen werde, dann bleiben 
noch 245 Rubel 81 Kop. Schön .... Jetzt, für einen 
Monat voraus 7 % Zinsen und 74 % Kommissions 
gebühren.“ 
„Oh!" seufzte die Frau, „hilf mir doch, Lew Iwano 
wicz! Ich s-t-erbe ja." 
- „Was soll ich thun, Mütterchen? Ich bin ja 
doch kein Arzt .... Vi % Kommissionsgebühren, 
Vs % Kurtage, 1 Rubel 22 Kop. Cabotage, für Transito 
74 Kop." 
t — „Gefühlloser Mensch!" weinte Sophia Sawischna, 
! indem sie ihr gedunsenes Gesicht hinter dem Schirm 
I hervorschob. „Du hast nie Mitgefühl mit mir gehabt, 
1 Du warst ja immer mein Quälgeist! Hör doch, wenn 
< ich mit Dir spreche, Du Flegel!" 
f — „Also 74 % Kommissionsgeld, .... für Transit 
( 74 Kop., für Versandt 32 Kop., zusammen 17 Rubel 
1 12 Kop." 
( — „Chronischer Magen - Katarrh," - büffelte der 
> Student, von einer Ecke in die andre laufend, — „wird 
) auch bei Gewohnheitstrinkern und Vielessern beob- 
| achtet . . . 
j Popow schüttelte wieder die Rechenmaschine zu- 
1 recht; wiegte seinen heissen Kopf und fing von Neuem 
I an zu rechnen. Nach Verlauf einer Stunde sass er noch 
| immer auf derselben Stelle, starrte auf den Prämienschein 
I und brummte: „Folglich bleiben im April 1902 228 Rubel 
j 67 Kop. Na schön ... Am 8. September werde ich 
< 5 Rubel zahlen, bleiben 223 Rubel 67 Kop. Nun und 
! wenn ich für einen Monat voraus 7 % Jahreszinsen dazu 
( rechne und 74 % Kommissionsgebiihren . . , , 
\ — „Barbar, gieb mir die Zahntropfen her!" kreischte 
i Sophie Sawischna. 
/ — „Chronischer Magen-Katarrh wird auch bei Leber- 
I krankheiten beobachtet.“ 
5 Popow reichte der Frau die Tropfen und fuhr fort 
<?<£) zu rechnen: 
5>° - „74% Kommissionsgebühren, für Transito 74 Kop. 
!! Versäumnissgebühren ... 32 Kop. ..." 
Die Musik oben verstummte, aber nach einem Augen 
blick fing der Pianist von Neuem und zwar mit solcher 
Wuth an, dass in der Matratze der Sophie Sawischna 
die Sprungfedern krachten. Popow sah ganz verwirrt 
nach der Decke, fing dann aber gleich wieder an, vom 
August ab zu rechnen. Er blickte auf die Papiere mit 
den Zahlen, auf die Rechenmaschine und sah nur eine 
Art Wellenlinie'vor sich. Es schwirrte und flimmerte 
ihm vor den Augen, es hämmerte ihm im Kopfe, sein 
Mund war trocken, und auf die Stirn war ihm kalter 
Schweiss getreten, dennoch beschloss er nicht eher mit dem 
Rechnen aufzuhören, ehe er nicht seine Verpflichtungen 
dem Koscher’schen Bankhause gegenüber klar gelegt habe. 
„Oh!" jammerte Sophia Sawischna. —■ „Die ganze 
rechte Seite reisst wie verrückt. Heilige Maria! Oh, 
ich habe keine Kraft mehr! Und ihm, dem Steinklotz, 
ist es ganz egal! Selbst wenn ich vor Schmerz sterbe! 
O, ich ungliickselige.Märtyrerin! Ich habe einen steinernen 
Oelgötzen zum Mann!" 
— „Aber was kann ich Dir denn helfen? Also im 
Februar 1903 werde ich 208 Rubel 7 Kop. . Gut . . Jetzt 
setzen wir hinzu 7% Zinsen, 74% Kommissionsgebühren, 
74 Kurtage. ..." 
- „C —h-ronischer Magen-Katarrh wird auch bei 
Lungenkrankheiten konstatirl," . . . 
— „Du bist kein Mann, kein Vater Deiner Kinder, 
sondern ein Tyrann, ein Quälgeist! So reiche mir doch 
wenigstens rasch das Nelkenöl her! Du Unmensch." 
„74 % Kommissionsgebühren . . . . d. h. nein was 
sag’ ich denn? Nach Abzug des Gewinns durch die 
Koupons und Zusatz von 7 % Jahreszinsen für einen 
Monat voraus und 74% Kommissionsgebühren." . . . . 
— „C — h — ronischer Magen-Katarrh wird auch bei 
Lungenkrankheilen konstatirt. . ." 
Nach drei Stunden machte Popow den letzten 
Strich unter die Rechnung. Das Resultat ergab, dass 
er für die ganze Tilgungszeit dem Bankhause Koscher 
1,347,821 Rubel 92 Kop. zu zahlen habe und, wenn man 
den Gewinn von 200000 davon abzog, ein Verlust von 
über 1 Million verblieb. Als Lew Iwanowicz diese Zahlen 
erblickte, richtete er sich langsam, wie allmählig auf und 
wurde ganz kalt. . . Auf sein Gesicht trat der Ausdruck 
von Schreck, Erstarrung und Ungläubigkeit, als ob sein 
Ohr durch einen Schuss betäubt worden wäre. Zur 
selben Zeit gesellte sich zu dem ■ Pianisten über der 
Decke ein Kamerad, und vier Hände begannen nun 
gemeinschaftlich die Rhapsodie von Liszt zu pauken. Der 
Mediciner fing an, rascher im Zimmer umher zu laufen, 
er räusperte sich und brüllte: 
„C-h-rr-onischer Magen-Katarrh wird auch bei 
Gewohnheitstrinkern, bei Vielessern und anderen kon 
statirt. . ." 
Sophia Sawischna schrie auf, warf das Kissen auf 
die Erde und stampfte mit den Füssen. . . Der Schmerz 
schien eben seinen Gipfelpunkt erreicht zu haben. 
Popow wischte sich den kalten Schweiss von der 
Stirne, setzte sich wieder an den Tisch, schüttelte die 
Rechenmaschine nochmals zurecht und sagte: 
— „Ich muss die Probe machen ... Es ist sehr 
leicht möglich, dass ich mich geirrt habe. . ." 
Und er nahm wieder die Quittung vor und fing 
von Neuem zu rechnen an: 
— „Das Loos kostet lt. Kurs 246 Rubel. ... Ich 
gab 10 Rubel Angeld, also bleiben 236 ..." 
Und in den Ohren schwirrte es ihm: 
Brr . . . Brr . . . Brr . . . 
Und er hörte Schüsse, Pfiffe/Peitschenknall, Löwcn- 
und Leopardengebrüll. 
— „Es bleiben 236!" schrie er, bemüht, diesen Lärm 
zu überschreien.“ 
„Im Juni werde ich 5 Rubel zahlen! Der Teufel 
hol’s, 5 Rubel! Zum Satan noch einmal! 5 Rubel! 
I Vive la France! Es lebe Deroulede! . . . ." 
( Am nächsten Morgen brachte man ihn ins Irrenhaus.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.