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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

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i-Nachdruck verboten. 
Sie 13. 
Von Luigi di San Giusto. 
Als Lidia Sclaro, müde 
von dem stundenlangen Her- 
umgelien in den Ausstellungs 
sälen, sich endlich zum Gehen 
entschloss und ihre Peilerine umnahm, stiess sie einen Schreckenschrei aus: 
»Georg! um Gotteswillen meine Broche! — sie ist fort!« und sie tastete 
an der Stelle herum, an der die Broche eigentlich hätte feststecken müssen. 
Ihr Bruder war natürlich darüber nicht sonderlich erfreut. 
»Ja meine Liebe, da hättest Du eben darauf acht geben müssen! Wo 
sollen wir sie jetzt finden? Das ist so gut wie ausgeschlossen.« 
Trotzdem kehrten sie zurück, gingen durch alle Säle, suchten und Hessen 
suchen: natürlich umsonst. 
Lidia war ausser sich. 
Da am Ausgange trat ein eleganter junger Mann auf sie zu. 
»Sie verzeihen wohl, aber wenn ich recht gehört habe, hat das Fräulein 
etwas verloren. Ist es vielleicht diese Broche?« 
Lidia erkannte das Kleinod mit jubelnder Freude. »Ja, ja, o Dank, 
tausendmal Dank!« Und beide wurden nicht müde, dem Finder zu danken. 
Natürlich baten sie ihn auch um seinen Namen. 
»Oh«, sagte er, »ich werde mich ausserordentlich freuen, wenn eine 
solch geringfügige Sache den Anlass geben sollte, dass das Fräulein meiner 
freundlich gedenkt.« 
Und die beiden jungen Männer tauschten ihre Karten. Auf der seinen 
stand ein Wappen und darunter: Paul Graf Avangini. 
Mit nochmaligem Austausch von Dankes- und Höflichkeitsbezeugungen 
ging man auseinander. 
»Was für ein hübscher junger Mensch, nicht wahr?« fragte Lidia. 
»So elegant, so zuvorkommend.« 
»Ja doch, ja« machte Georg, der es unangenehm empfand, dass er in 
dem Augenblicke ein ganz gewöhnlicher Bürgerlicher war. 
Einige Tage waren seitdem vergangen, und Lidia sah den eleganten 
jungen Grafen zwar nicht, desto mehr aber dachte sie an ihn. Um so 
mehr pochte ihr Herz, als sie ihn eines Tages bei einem Konzerte sah, bei 
welchem die ganze Aristokratie glänzte. Er und Lidia tauschten dabei 
lange, von Sympathie förmlich geladene Blicke. Er sass dicht hinter der 
Baronin Sevi, hatte aber kein Auge für den herrlichen, von einem kost 
baren Brillantencollier geschmückten Nacken des schönen, üppigen Weibes ... 
Lidia schwamm in Entzücken. Da plötzlich verschwand der junge 
Graf und das junge Mädchen verfiel in tiefe Melancholie. 
Nie konnte sie jenen Tag mehr vergessen. Schon deshalb nicht, weil 
an demselben Tage die Baronin Sevi ihr Brillantenhalsband verloren hatte. 
Ein Halsband im Werthe von 80000 Francs! 
Lidia fuhr fort, traurig zu sein. Ein Tag folgte dem anderen. Sie 
besuchte die Theater, die Konzerte, die Gesellschaften. Nirgends war der 
junge Graf zu sehen, nirgends zu finden. 
Eines Tages — am Tage der heiligen Anastasia — wurde ein festlicher 
Act im Hause Lidias begangen. Eine ihrer Tanten hiess Anastasia. Und 
weil diese Tante sehr reich und 
die nächste Anverwandte von Georg 
und Lidia war, so hatten die beiden 
Geschwister alles aufgeboten, um 
das Namensfest möglichst glänzend 
und möglichst heiter verleben zu 
können. Die Intimsten des Hauses 
waren mit eingeladen. 
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Man sass in heiterster 
Laune bei Tisch, da — fiel 
es einem der Tischgenossen 
ein, die Anwesenden alle zu 
zählen. 
Er zählte und zählte und: 
»Dreizehn!« sagte er. 
»Wieso Dreizehn?« fragte 
man. 
»Wir sind Dreizehn bei 
Tische.« 
»Um Gotteswillen!« 
»Schnell, schnell!« sprach Tante Anastasia, »lauf, hole noch einen Gast, 
schnell, ich bin schon ganz krank, ich . . . .« 
Und Georg flog die Treppen hinab. Er lief ins Gafe' hinüber, dort 
treffe er gewiss einen Bekannten, den er mit hineinschleppen konnte .... 
dort .... Aber das Cafe war wie ausgestorben. Niemand da. Nur dort 
an einem Tischchen ein junger Mann. Frack — weisse Binde — weisse 
Handschuhe. 
»Donnerwetter! Sie sinds, Graf! . . . Retter, ich bitte Sie, . . . Sie wollen 
hier so ganz allein essen . . . Nein, das dulde ich nicht! Bitte . . . Drei 
zehn! . . . Sie kommen, nicht wahr . . .?« 
Und als der Graf endlich verstanden hatte, um was es sich handle, 
lächelte er mit seinem aristokratischen Lächeln und erklärte sich bereit, 
zu kommen. 
Als er eintrat, wäre Lidia vor freudigem Schreck beinahe in Ohnmacht 
gefallen. Natürlich erhielt er seinen Platz neben ihr. Sie assen wenig 
und sprachen um so mehr . . . 
Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gäste teils in den Salon, 
teils in das Rauchzimmer begeben hatten, war der Graf Lidia in das 
Boudoir gefolgt, in das sie sich geflüchtet hatte, um ihre Locken oder — 
was weiss ich! in Ordnung zu bringen. 
Als sie ihn sah, schrie sie auf. 
»Nein . . . nicht hier, Herr Graf! ... es ist das Zimmer meiner Tante . . . 
wenn sie kommt . . . wenn sie uns hier trifft! . . .« 
Aber der Graf küsste ihr die Hände, kam mit dem Küssen eben auf 
die Arme, so dass Lidia sich losriss und davonlief. Aber glücklich! ach! 
so glücklich! 
Als sie in den Saal zurückkehrte, fand sie den Grafen nicht mehr. 
Er hatte sich in aller Eile verabschiedet, nicht ohne zu versprechen, den 
Damen bald seine Aufwartung zu machen .... 
An jenem Abende schlief Lidia ein, von süssen Hoffnungsträumen 
erfüllt. 
Frühmorgens wurde sie durch das Hilfegeschrei der Tante Anastasia 
geweckt. 
»Zu Hilfe! zu Hilfe! Diebe! Räuber! Jesus Maria! ich bin bestohlen.« 
Das ganze Haus war in Aufruhr. Von den Dieben aber fand man 
keine Spur. Ebensowenig fand man die zehntausend Lire wieder, die aus 
einem Kästchen gestohlen worden waren, und auch die Schmucksachen 
alle waren fort. 
Alles war aus dem Zimmer verschwunden, in welchem Lidia tags zuvor 
einen Augenblick lang in den Armen des Grafen gelegen. 
» So . . . der Graf Avangini!« sagte der Kriminalkommissar, 
als er den T hatbestand aufnahm. 
»Dann machen Sie nur einen Strich 
durch die Rechnung. Das ist der 
abgefeimteste Gauner, den man 
kennt. So abgefeimt, dass selbst 
wir ihn nicht kriegen«.
        
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