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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Einblick in die Zeitung die folgende Noliz in die 
Augen : 
Schnelle Justiz. Aus Gründen, die bisher 
die Polizeibehörde für gut befunden, uns zu ver 
schweigen, sind bis gestern Abend spät die Details 
des Einbruchs in das Bankhaus David und Sperling 
— auch der Name des Bankhauses wurde erst 
heut bekannt — verheimlicht worden. Der That- 
bestand, den wir nicht ohne Mühe zu ermitteln 
vermochten, ist der folgende: Obwohl seit zwei 
Jahren von der Bildfläche, oder wenigstens aus 
der Oeffentlichkeit verschwunden, werden sich 
die meisten unserer Leser noch des berüchtigten 
Einbrechers, genannt der „schöne Ede“, erinnern.“ 
Strille stockte das Blut. Es ward ihm dunkel 
vor den Augen. Er riss sich krampfhaft zusammen 
und atemlos las er weiter. 
„Das lang Erwartete ist zum Ereignis ge 
worden. Der schöne Ede fand sich nach langer 
Pause zu einer Gastrolle in Berlin wieder ein. 
Das Schicksal wollte, dass es seine letzte sein 
sollte! 
Polizei und Wächter hatten zwar trotz der 
Warnung von Sonnabend Nacht den Einbruch 
dieses, in seinem Fach überaus talentvollen jungen 
Menschen, nicht zu verhindern vermocht, doch 
war ihnen noch so viel Aufmerksamkeit geblieben, 
dein Thöter sofort nach vollbrachter That auf die 
Spur zu kommen. Der schöne Ede setzte sich 
wütend zur Wehr. Nachdem seine Trics er- 
sehüplt waren, zog ei' blitzschnell einen Revolver 
aus der Tasche, um ihn auf den Schutzmann ab 
zudrücken, der ihn bei der Brust gepackt hielt. 
Im Stande der Notwehr zog der Polizist blank 
und verwundete den schönen Ede tötlich. Wie 
wir hören, hauchte dieser moderne Rinaldo 
Rinaldini gegen fünf Uhr Morgens seinen erfinde 
rischen Geist aus.“ 
Suille sprang auf und stiess den Stuhl weit 
hinter sich fort. Wie ein Besessener lief er im 
Zimmer umher, Kopfschmerz und Kater waren 
vergessen. 
Gott s Donner, da war ja noch eine Nach 
schrift. War es denn noch nicht genug? 
„Wie wir nachträglich erfahren, heisst der 
schöne Ede mit seinem bürgerlichen Namen 
Eduard Linke. Seine Mutter ist Zimmer-Ver 
mieterin in der Loltumstrasse, zwei- seiner 
Schwestern sollen in hiesigen grossen Geschäften 
angestellt sein.“ ■ 
Strille setzte sich wieder. Das war zu stark. 
Dass ihm, dem mit allen Hunden Gehetzten so 
was passieren konnte! Er musste ein paar mal 
heftig schnaufen, ehe er wieder zu sich kam. 
Eine verfluchte Geschichte! Ein wahres Glück, 
dass nur Martin darum wusste, der in derselben 
Lage war. wie er. .Der würde ja wohl reinen 
Mund halten. 
Strille nahm das Zeitungsblatt zum vierten 
Mal wieder auf. 
„David & Sperling!“ Auch das noch, ein 
Bankhaus in der Königstrasse, keine zehn Minuten 
von dem seinen. Wenn dieser schöne Ede .statt 
bei „David & Sperling“ bei seinem Chef einge 
brochen hätte und er und die blonde Kläre in 
der Verhandlung — es lief ihm eiskalt Uber den 
Rücken. — Ihm war zu Mute wie dem Reiter 
Uber’m Bodensee. Er schenkte sich mit zitternden 
Händen eine frische Tasse heissen Kaffee ein und 
nahm rasch ein paar Schluck. Ah, das that gut! 
Wenn er die Sache bei Licht besah, war es 
eigentlich sehr rücksichtsvoll von dem schönen 
Ede gewesen, da er schon einmal in diesem 
Viertel gearbeitet, gerade zu „David & Sperling“ 
zu gehen. Er hatte alle Ursache, dem lieben, 
von Kläre und Marthe vergötterten Kerl, noch im 
Tode dafür dankbar zu sein. 
Wirklich, die Linkes waren honorige Leute! 
Ehre ihrem Andenken! 
Fürsten als Dichter. 
I. Fürst Nikolaus von Montenegro. 
Ban Bauscha. 
Ging Ban Bauscha an dem Strande, 
An dem Strand des Sees spazieren, 
Und da musst' es ihm passieren, 
Dass ein Ring mit edlem Steine 
Ihm hinein in’s Wasser fiel. 
„Lieber See“, sprach da Ban Bauscha 
„Lieber See, du edles Wasser, 
Bitte dich, sag deinen Wellen, 
Die bis auf .den Grund dir dringen, 
Dass sie mir den Ring, den schönen, 
Doch gefälligst wiederbringen." 
Doch der See that nichts dergleichen, 
Nichts dergleichen auch die Welle, 
Keine wollt' den Ring ihm reichen, 
Keine bracht den Ring zur Stelle. 
Und Ban Bauscha, der da harrte, 
Sah, dass ihn das Wasser narrte 
Und er schrie in wildem Grimme, 
Schrie mit wild erhob’ner Stimme: 
„O, du ganz gemeines Wasser, 
„Ich, der dich bisher so liebte, 
„Werde nun dein ärgster Hasser, 
„Denn du bist ein frecher Dieb! 
„Gieb heraus den Ring, ich rath' Dir's, 
„Rathe dir’s zu deinem Besten, 
„Gieb den Ring zurück mir, gieb!“ 
Doch der See that nichts dergleichen, 
Nichts dergleichen auch die Welle, 
Keine wollt’ den Ring ihm reichen, 
Keine bracht' den Ring zur Stelle. 
Und Ban Bauscha, der da harrte, 
Sah, dass ihn das Wasser narrte, 
Und mit wilder Zornesstimme, 
Schrie er, wild in seinem Grimme: 
„Räuber, Dieb, verdammtes Wasser, 
„Du gemeines und verruchtes, 
„Du erbärmliches, verfluchtes, 
„Fürchte dich vor meiner Rache, 
, „Höre jetzo meinen Fluch: 
,,Jeder kleinste Tropfen Wasser, 
„Den von heut ab ich noch trinke, 
„Jeder Tropfen sei verflucht! 
„Jeder Tropfen, der von heut ab, 
„Meine Lippen noch benetzet, 
„Jeder Tropfen sei verflucht.!“ 
„Ja verflacht sei jeder Tropfen, 
„Der den Durst mir fortab löschet, 
„Und du weisst, mein Durst ist gross. 
Doch der See that nichts dergleichen, 
That, als ob er garnichts höre 
Und der Fluch ihn garnicht störe, 
Und kein Wasser, keine Welle 
Bracht Ban Bauschas Ring zur Stelle. 
Also war's. 
Doch hat Ban Bauscha 
Seinen Schwur denn auch gehalten? 
Wer kann’s wissen, wer kann's sagen, 
Doch wir wollen's alle hoffen, 
Denn seitdem sah man den Alten 
Jederzeit nur noch be — soffen.
        
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