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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

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Von einer Hexe verwünscht, musste eine Prinzessin 
von ihrem zartesten Kindesalter an einsam und allein auf 
einer entlegenen Insel leben. Es ist unnütz nach dem 
Grunde zu suchen, den die Hexe für ihr Vorgehen hatte, er 
hat nämlich nichts mit unserer Geschichte zu thun. ln jedem 
Falle war das arme Kind sehr zu bedauern. Nicht etwa weil es auf 
eine öde Insel verbannt worden war. Im Gegenteil. Es war ein herr 
liches, lachendes, Eiland. Dort sah man die schönsten Blumen der Erde, 
dort war der Himmel von einem herrlichen Blau, und die Wolken zogen 
darüber hin, weiss und rosig, wie geflügelte Engel. Die in buntschillerndes 
Gefieder gehüllten Vöglein sangen in dem immergrünen Gesträuch, dessen 
Blätter von einer leichten mit einer von Rosen und Veilchenduft durchsetzten 
Briese bewegt wurden. Das Meer schlug murmelnd an den endlosen Strand 
und warf kostbare Perlen, Diamanten, Rubine und Topase in den Sand, 
so dass es nur so glitzerte und funkelte im Farbenglarize tausendfach ge 
brochener Strahlen. Und wenn die Prinzessin, deren einziges Glück es war, 
sich in den Spiegeln der Quellen und Seen zu betrachten, sich mit grossen 
Blättern und Blüthen schmückte, dann flocht sie sich wohl auch einige fun 
kelnde Steine mit in das Haar. 
Die Einsamkeit fühlte sie nicht. Da man sie als ganz, ganz kleines 
Kind aus dem Schlosse ihres Vaters entführt hatte, so wusste sie nicht, dass 
es noch andere Wesen gäbe, so wie sie und so konnte sie auch keine Sehn 
sucht nach ihnen empfinden. Das Furchtbare für die Prinzessin aber war, 
dass es auf der Insel nichts gab, was man hätte essen oder trinken können. 
Nichts, nichts, nichts. Überall Blüthen und Blumen, nirgends eine Frucht. 
Nicht eine Beere, nichts. 
Das Wasser der Quellen und Seen gesalzen wie das des Meeres. Und 
wenn die Prinzessin in der Qual des Hungers ein Blatt oder eine Blüthe 
zum Munde führen wollte, dann verwandelte sich Blatt oder Blüthe in einen 
Schmetterling und flog davon. 
Das Seltsame war, dass die Prinzessin nicht starb, aber das war auch 
so eine der Künste der Hexe. Die Prinzessin hungerte immer weiter und 
wuchs und wurde gross und schön und schlank 
und glaubte immer, sie müsse vor Hunger und 
Durst sterben und starb doch nicht. 
Tag und Nacht wurde sie von den schreck 
lichsten Schmerzen des Durstes und Hungers ge 
quält und oft biss sie wie rasend in das harte 
Felsgestein oder legte den lechzenden Mund an 
die versalzenen Wasser der Quellen, ihren Hunger 
nicht stillend und ihren Durst nur erhöhend. So 
wurde die Prinzessin 18 Jahr. Und wie auch in 
die schlechtesten Herzen einmal die Reue einzieht, 
so zog auch die Reue in das Herz der alten Hexe 
und sie beschloss, den Qualen der Prinzessin ein 
Ende zu bereiten und befahl, dass eine Person 
aus ihrem Gefolge zur Insel hin solle, um der 
Prinzessin einen Korb der schönsten, besten und 
kostbarsten Früchte zu bringen. * 
Hungergequält irrte die Prinzessin am Ufer 
der Insel dahin, da sah sie von Weitem einen 
Pagen daher kommen, der in seinem Korbe 
goldige Aprikosen, blutrote Orangen, prachtvolle 
Feigen und Weintrauben trug. Im Augenblick 
erriet sie, dass das köstliche Dinge sein müssten, 
den Hunger zu stillen, den Durst ihr zu löschen. 
Und sie stürzte auf den Pagen zu, um ihm die 
köstliche Last zu entreissen, aber als sie ganz 
nahe bei ihm war, da erschien er selbst ihr so 
schön mit seinen blonden, lockigen Haaren, seinen 
blauen, träumenden Augen, seinen frischen, rosigen 
Wangen, seinen rothen, schwellenden Lippen, dass' 
sie plötzlich, wie von einem Gedanken erschreckt, 
stille stand, ob das auch etwas war, das man 
essen konnte? 
Wer weiss? 
Und sie sah ihn an, und sah ihn an. 
Und stürzte plötzlich hin, auf ihn zu und 
presste ihren Mund auf den seinen und trank und 
trank, ehe sie nach den andern Früchten griff, von 
seinen Lippen das Glück und die Seligkeit. 
Jßerliner ^hsaier-^ evue. 
Draussen blühen die ersten Rosen. Geheimnis 
voll am lichten Tag hat die Natur uns ihre prangen 
den Reize enthüllt. Sonnenschein und Duft und 
Glanz liegt über der Erde. Leise locken die Klänge 
von Beethovens Pastoral-Symphonie in die Ferne. 
Man möchte sein Ranzel schnüren, man möcht auf 
die Berge steigen. Durch grüne Thäler ziehen, an 
klaren Bächen vorüber, in dämmernde Weiten. 
Frühlingsstimmung. Ferienstimmung .... 
Auch in den Theatern wird in solch’ holden 
Vorsommertagen der Feriengeist lebendig. Wo 
noch gespielt wird, müssen die Zugstücke der
        
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