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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

ICH 
J^ie grosse Berliner 
Kunstausstellung 1901. 
Also die Kunstausstellung am Lehrter Bahnhof 
ist am 4. Mai in Anwesenheit des Kultusministers 
und in Abwesenheit des Vorsitzenden, Antons von 
Werner, so feierlich, wie die Zeitungen es immer 
berichten, eröffnet worden. 
Wie sie diesmal ist? Nun — man muss nicht 
glauben, dass zum Beispiel der grosse Pariser Salon 
besser wäre. Wer einmal dort war, hat sich vom 
Gegentheil überzeugen können. Das Allermeiste ist bei 
uns sogar sehr anständiger Durchschnitt. Erquickend 
kann ja eine Anhäufung von zweitausend fünfhundert 
und sechs und sechzig Kunstwerken niemals wirken; 
denn erstens sind die guten Künstler nicht so massen 
haft, und zweitens geht in einem gewissen Punkte 
Quantität allemal in Qualität über. Selbst der Besuch 
von Museen, wo doch eine Auslese von tüchtigen 
Leistungen, sogar von Kostbarkeiten angesammelt ist, 
bedeutet für unerfahrene Menschen, nämlich für 
solche, die nicht schon im voraus wissen, was sie 
sehen wollen, eine Strapaze eher, als ein Labsal. So 
jedoch, wie in diesem Jahre die Grosse Berliner 
Kunstausstellung sich präsentiert, brauchte sie eigent 
lich nicht zu sein. Auch der rüstigste Fussgänger 
bricht nach Durchwanderung öderStrecken erschöpft 
zusammen und kann sich nur langsam draussen 
an der frischen Luft, beim Bier und bei der Bier 
musik und beim Anblick der lebendigen Schönheiten, 
die da lustwandeln, erholen. Wenn dies alles 
nicht dabei wäre, würde sehr wahrscheinlich das 
Interesse an der Kunst im Landesausstellungspark 
nicht so rege sein. Es ist damit genau wie im 
Zoologischen Garten mit der Naturwissenschaft. Wie 
man da sich während der Concertpausen auch mal 
nach den zahmen und wilden Tieren umsieht, beschaut 
man sich dort so nebenbei und zwischendurch die 
wilden und die zahmen Bilder. 
Die Herren der Kommission haben diesmal alle 
Anstrengungen gescheut, um durch Verschreibung 
ausländischer Kunstwerke die Lücken, welche durch 
die Secession entstanden sind, auszufüllen. Vom 
vorigen Jahre her erinnert man sich doch noch 
besonderer Säle, die den Franzosen, Schweden und 
Dänen gastfreundlich eingeräumt waren; und dann 
waren damals die Kollektionen von Bracht, Wauters, 
Hugo Vogel und Gari Melchers zu sehen und von 
Dettmann die schwungvoll heruntergemalten Wand 
gemälde für das Rathaus in Altona. Aber heuer fehlt 
es an solchen Sachen ganz. Ich weiss nicht: getraute 
man sich, aus eigener Kraft und ohne Hilfe der 
Fremden und Ausserordentlichen eine grosse Aus 
stattung zu machen oder wollte man im Gegenteil 
das öffentliche Mitleid für die notleidenden Ein 
heimischen und Mittelmässigen dadurch wachrufen, 
dass man Malern wie: Henseler, Lutteroth, Lessing, 
IIoffmann-Fallersleben, Schlabitz oder Werner Schuch 
Gelegenheit gab, ihre sämmtlichen seit Jahren un 
verkauft gebliebenen Werke zur Schau zu stellen? 
Bei einem von ihnen sinds über siebzig, bei einem 
andern sogar mehr als hundert Stück, hinter denen 
im Katalog das Sternchen der Verkäuflichkeit steht. 
Das kann einem dann allerdings furchtbar leid thun. 
Einer Anstrengung muss es denn doch bedurft 
haben, um heutzutage n ch ein historisches Kolossal 
gemälde von ca. 100 qm Flächeninhalt aufzutreiben. 
Aber in Brüssel, wo das Wiertz-Museum wohl Ein 
fluss auf den Massstab des Temperaments und der 
Leinewand hat, scheint vereinzelt noch die Historie 
allergrössten Kalibers kultiviert zu werden. Das Bild 
von Gustave Vanaise, das eine ganze Breitseite des 
Ehrensaales einnimmt, sodass darauf einer Volksmenge 
in Lebensgrösse ganz bequem der Kreuzzug gepredigt 
werden kann, ist insofern allerdings eine Sensation. 
Daneben schrumpfen die an sich doch gewiss nicht 
so winzigen Schluchtenbilder von Röchling und 
Bohrdt zu Miniaturen zusammen. Aut die Masse 
des Sonntagspublikums wird denn auch dieser „Riesen 
schinken“, wie der terminus technicus lautet, die von 
den Ausstcllungsveranstaltern berechnete Wirkung 
nicht verfehlen. Aber wir Andern, die wir nach 
feineren Reizen lechzen, müssen im Labyrinth des 
Glashauses uns auf die Suche machen, die von der 
etwas gemischten Hängekommission nicht dadurch 
erleichtert worden ist, dass das Bedeutende an die 
zugänglichsten Stellen gehängt wurde. 
Gleich vornan wird man Koner vermissen. Die 
Portraitisten Ludwig Noster, Georg L. Meyn und 
Hans Rechner können ihn nicht ersetzen. Dazu ist 
der eine nicht fein genug, der andere nicht einfach 
und der dritte nicht kraftvoll genug. Der Hofmaler 
Noster hat als Hauptbild den Kaiser, in Admirals 
uniform auf dem Promenadendeck der „Hohenzollern“ 
gemalt; ein Geschenk Krupps an die Stadt Essen. 
Von Fechner haben sich der nun verstorbene Gross 
herzog von Weimar und der Herzog von Meiningen 
malen lassen, und von Meyn rührt das Portrait des 
Generals von Lignitz und das des Geheimrats Förster 
her. Ein zwar stark materiell aufgefasstes, aber 
handfest charakterisiertes Bildnis des Kommerzienrats 
Ravene hat Hugo Vogel ausgestellt; man könnte es 
auf den ersten Blick für eine Arbeit Koners halten. 
Damit sind die irgendwie ausgezeichneten männlichen 
Portraits aufgezählt. Denn das Lenbach-Kabinett ist 
einstweilen noch nicht fertig, und was die Damen 
bildnisse anbetrifft, so ist wiederum Fritz Aug. von 
Kaulbach mit seiner im Katalog aufgeführten Kollek 
tion noch rückständig. Bis jetzt ist die von Heile 
mann gemalte schöne Gräfin Beroldingen nicht nur 
das gläzendste Portrait der ganzen Ausstellung, sondern 
auch, in Bezug auf Geschmack und Verve, überhaupt 
das beste Bild, das da ist. Oder man hätte die 
Wahl zwischen diesem und dem anderen Bilde des 
selben Künstlers, das zwar keine anziehende und 
vornehm unnahbare Frauenerscheinung darstellt, aber 
gerade wegen der Ungezwungenheit des „Pepita“ 
benannten Sujets dem Maler gestattete, sich völlig frei 
auszulassen. Es ist ein kühnes, schon mehr freches 
Farbenproblem, dass da auf die spielende, eleganteste 
Weise gelöst wurde. Und diese vorzügliche Malerei hat 
im entlegensten Winkel seinen Platz angewiesen be 
kommen. Von Philipp Laszlo hängt ein feiner Kopf 
der Gräfin R. Erlanger in der übrigens sehr respek 
tablen ungarischen Abteilung, in die auch der aus 
Siebenbürgen stammende, zu Berlin gehörende Karl 
Ziegler mit seinen zwar feinen, aber auf die Dauer 
langweilig schmächtigen Mädchenbildnissen diesmal 
sich hat einrangieren lassen. Schliesslich ist noch 
eine durch Farbengeschmack und Formgefühl sich 
auszeichnende Frauenstudie des Engländers Frank 
Daniell in diesem Zusammenhang des Erwähnens 
werth. — Und was es sonst noch an Bildern giebt? 
Bracht natürlich und Hans Herrmann, die trotz ihrer 
Einseitigkeiten nie aufhören, mit Neuem zu inter 
essieren. Auch die Witze Meyerheims sind keines 
wegs so schlecht, dass man sie nicht ganz gern zum 
soundsovielten Male wiederhörte, zumal, wenn von 
anderer Seite nichts Besseres zur Unterhaltung ge 
boten wird. Denn nur ganz Wenige kann man noch 
von der Menge der Gleichgiltigen und Unbeträcht 
lichen ausnehmen; das sind: Alfred Mohrbutter, 
Friedrich Ferdinand Koch, Karl Böhme und Franz Hoch. 
Mit der heurigen Plastik sieht es nicht besser 
aus. In unserer denkmalfreudigen Epoche scheinen 
die Bildhauer nicht nur keine Zeit, sondern auch 
keinen Sinn mehr für die freieren, höheren und 
natürlicheren Aufgaben zu haben. Es ist nicht viel 
zusammengekommen: einige Denkmalfiguren von 
Schaper, Götz und Haverkamp, einige Büsten von 
Janensch, Heinemann und Hidding und Nippessachen 
in etwas grösseren Mengen. Eberlein ist hier wahr 
haftig der Einzige, der noch etwas will und wagt! 
Friedrich Fuchs. 
# 
Seltsamkeiten* 
Seltsame Rand, sie greift nach ©lochen 
strängen, 
Cdo längst die 6lochen in die Ciefe 
fielen; 
Seltsames Hug’, es lässt die Bliche 
hängen 
Hn JVIädcbenzügen, die wie JVIarmor 
hiihlen; 
Seltsamer ■fuss, er bleibt vor Sehnsucht 
stochen 
Und will dem Boden, der ihn brennt, 
entweichen; 
Seltsames Rerz, es ist zu Cod 
erschrochen, 
Weil Xrrlichtstrahlen durch sein Dunhel 
streichen. 
O Seltsamheiten ohne Ruh’ und 
©nde, 
Ich bin so matt, es sinhen mir die 
Rände. 
Gm fl •fahtoi»,
        
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