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Full text: Berliner Leben Issue 4.1901

Wir rücken etwas zusammen, bestellen einen 
frischen Schoppen, und Natschelnikoff fährt fort. 
„Mit ,Unheil 1 will ich nicht sagen, lieber 
Freund, dass bei einer schlecht geburfdenen Cra- 
vatte manchmal das Oberhemde heraussieht, was 
peinlich ist, wenn es nicht mehr ganz sauber ist, 
oder wenn man keins anhat und unter dem weissen 
Kragen Normalwäsche trägt — ich meine das 
überhaupt nicht persönlich, sondern, na überhaupt, 
im Allgemeinen. 
„Also ich hatte in Petersburg einen Freund. 
Er war Advokat, jung verheiratet, die Frau reizend, 
aber . . . Doch ja, das kommt später! Also da 
mals kommt die Mode von diesen grossen Shlipsen 
auf. Von Paris, glaube ich, denn man nennt sie 
ja „Plastrons, 4 . Sehr leicht zu binden, ein Ende 
länger, als das andere, zwei Mal durcheinander 
schlingen, zuziehen, Ubereinanderlegen, fertig! Aber 
der Advokat, mein Freund, lernte' es nicht. War 
zu ungeschickt dazu, oder hatte zu grobe Finger. 
Seine Frau hatte ihm nämlich so ein Plastron ge 
schenkt, weil sie ihn lieb hatte und gerne wollte, 
dass er möglichst chic gekleidet ging, und es war 
himmelblau mit weissen Punkten, weil er nämlich 
blond war. Sie hatte sich von dem Verkäufer 
zeigen lassen, wie man so einen Shlips bindet, na 
und da der Gatte den Knoten absolut nicht ’raus- 
kriegte, so band sie ihm jeden Morgen die Schleife, 
che er von der „Datsche“ in die Stadt zum Gericht 
fuhr. — Die Geschichte spielt nämlich im Sommer, 
und, wie bereits bemerkt, nicht in Berlin, sondern 
in Petersburg, sonst müsste man an Stelle von 
„Datsche“ Wilmersdorf oder Halensee sagen. 
So ging das ein paar Tage lang, bis mit einem 
Male die junge Frau Abends beim Mittagessen be 
merkte, dass das Plastron ganz anders gebunden 
war, als sie am Morgen den Knoten geschürzt hatte. 
„Du, Männchen,“ sagt sie, „hast Du heute bei 
Tage den Shlips abgenommen?“ 
„Wieso?“ fragt er und greift unwillkürlich mit 
der Hand nach seinem Busen. 
„Na, ich meine nur, weil es ein ganz anderer 
Knoten ist.. . .“ 
Er zuckt mit keiner Wimper, denn wie alle 
Männer, die ’was auf dem Kerbholz, haben, war 
er der geborene Heuchler. „Ach so! Ja, Du hast 
ganz Recht. Ich war nämlich mit meinem Collegen 
Smirnow nach der Sitzung baden gegangen — na, 
und da hat er ihn mir gebunden, weil ich doch 
zu ungeschickt dazu bin.“ . 
Die junge Frau sagt: „Ach, mit Alexander 
Feodorowitsch?“, denkt sich aber weiter nichts 
dabei, denn sie hatte ihren Mann sehr lieb und 
vertraute ihm blindlings. 
< Am zweitnächsten Tage wiederholt sich die 
selbe Geschichte, nur hatte der Mann diesmal eine 
andere Ausrede. Er war, glaube ich, ungeschickt 
von der Pferdebahn gesprungen, und der Shlips 
hatte sich dabei gelöst, so dass er in ein Restau 
rant gehen und ihn sich von dem Oberkellner 
binden lassen musste. 
Die junge Frau denkt sich noch immer nichts 
böses, aber sie sagt nicht ja ja, nicht nein nein, 
denn es kam ihr mit einem Male merkwürdig 
vor, dass dieser Oberkellner sich bemüht hatte, 
den Knoten genau so zu binden, wie sie selbst, 
nur mit dem Unterschied, dass er so den letzten, 
ich möchte sagen, individuellen Schwung nicht 
’rausgekriegt hatte. Und als der Gatte wiederum 
am übernächsten Tage mit einem falsch gebundenen 
Shlipse nach Hause kommt, sagt sie gar nichts 
mehr, sondern fängt an zu refiectieren. Das 
heisst, refiectieren ist wohl nicht der richtige Aus 
druck; Frauen pflegen in solchen Fällen nicht 
nachzudenken, sondern zu ahnen, zu fühlen, und 
mit einem ganz merkwürdig treffsichern Sinne zu 
finden. 
Schon lange war es ihr etwas eigentümlich 
vorgekommen, dass Jelena Rodolfowna Ozalkin 
nach wie vor in ihrem Hause verkehrte, obwohl 
es doch so ziemlich stadtbekannt war, dass sie in 
früheren Zeiten ihrem Manne, ganz offen gesagt, 
nachgelaufen war. Es waren als Begründung 
dieses Verkehrs zwar gewisse dienstliche Be 
ziehungen vorhanden, denn Gregor Wassilowitsch 
Ozalkin war Oberrichter, ja, und Jelena Rodol 
fowna behandelte ihren Gatten stets mit einer 
kühlen, man hätte fast sagen können, osten 
tativen Gelassenheit, ja, aber deshalb war es doch 
nicht notwendig, dass sie stets und unfehlbar an 
d ejn Tagen erschien, sich nach ihrem und der 
Kleinen Befinden zu erkundigen, wenn der Gatte 
mit einem vollkommen unversehrten Shlipse nach 
Hause kam. 
Das ging so etwa vier Wochen lang, in ziem 
lich regelmässiger Reihenfolge. Da fasste die junge 
Frau eines schönen Tages einen Entschluss. 
Jelena Rodolfowna war eben gekommen, in etwa 
zehn Minuten musste der Gatte mit dem unver 
sehrten Shlipse antreten, denn es war der „unge 
rade Tag“, ja und da ging die junge Frau mit 
einem, breiten Seidenbande in der Hand auf Jelena 
Rodolfowna zu und sagte: Meine Liebe! Mein 
Mann bindet sich immer den Shlips so ungeschickt, 
den ich ihm neulich zum Geburtstag geschenkt 
habe. Möchtest Du mir nicht vielleicht einmal 
zeigen, wie man das macht? 
Jelena Rodolfowna steht auf. 
„Aber gern, meine Liebe, obwohl Du von 
mir nicht viel lernen wirst. Ich bin nämlich selbst 
ziemlich ungeschickt darin.“ 
Die beiden Frauen treten vor den Spiegel, 
Jelena Rodolfowna nimmt das breite Seidenband, 
schlingt den Knoten, das eine Ende länger, zwei 
mal durchziehen und übereinander schlagen ... 
in dem Augenblick, als sie gerade die letzten 
Fältelten arrangieren will, tritt der vom Gericht 
heimgekehrte Advokat ins Zimmer. Die junge 
Frau lässt es ruhig geschehen, dass die beiden 
sich, kühl wie immer, begrüssen, bleibt vor dem 
Spiegel stehen und mustert eingehend den Knoten. 
Endlich dreht sie sich um. Zu Jelena Ro 
dolfowna sagt sie nichts weiter, als: „Schlange“, 
zu. ihrem Manne: »Wir beide sind fertig 
mit einander“, und geht aus dem Zimmer. 
Schluss: Scheidung, Duell und zwei Unglück 
f 
liehe Ehen. Woraus man also sieht, mein lieber 
Freund — hierbei wandte sich Natschelnikoff 
wieder zu unserem „Jüngsten“, — dass man mit 
diesen grossen Shlipsen garnicht vorsichtig genug 
umgehen kann, selbst, wenn man, wie Sie, stets 
ein sauberes Hemde darunter trägt. Sprach’s, stand 
auf und zahlte, da er die „guten Abgänge“ liebte, 
und ging nach Hause. Oder vielleicht an einen 
anderen Stammtisch, um dort dieselbe Geschichte 
noch einmal zu erzählen. Das Letztere aber war 
unwahrscheinlich, denn es war mittlerweile vier 
Uhr morgens geworden. 
j2)er schöne (T^cle. 
Eine Geschichte aus dem Berliner Leben 
von 
Dora Duncker. 
„Jotte doch, Mächens, wat is denn los! Ihr 
mumpitzt hier ja rum, als ob ihr auf’n Sub- 
scriptions-Ball machtet. “ 
Frau Lutke stand in der Thür zu der Kammer 
ihrer Töchter, deren engen, schmalen Rahmen sie 
mit ihrer Leibesfülle nahezu ausfüllte und sah der 
Toilette ihrer beiden Jüngsten zu, von denen die 
eine mit dem Gesicht in der Waschschüssel 
steckte und die andere sich ein paar kokette Stirn 
locken brannte, während sie den Mund voll Haar 
nadeln hatte. 
Das eine schmale Bett war mit Röcken, Blusen, 
Gürteln, Hüten und Jackets vollständig bedeckt. 
„Na wird’s bald? Wat jiebt et denn?“ 
Kläre, die ältere und lebhaftere der beiden 
Mädchen, spuckte die Haarnadeln auf das wack 
lige Tischchen, vor dem sie sass. 
„Was feines, Mutter.“ 
Das Brenneisen glitt durch ihren blonden 
Wüschelkopf. 
„Marthe und ich haben ’ne Einladung nach 
’em Franziskaner.“ 
Obwohl die enge Kammer kaum Platz für 
zwei hatte, schob Frau Lutke sich vollends durch 
die Thür und sie hinter sich zuziehend, pflanzte 
sie sich mit ihrem breiten Rücken dagegen, mit 
dem einen Ellnbogen das schmale Bett, in dem 
beide Mädchen schliefen, mit dem anderen Marthes 
noch immer im Wasser ’rumpudelnde Arme be 
rührend. 
„Is et denn wat Reelles?“ 
„Na ob,“ pruschte Marthe aus der grau email 
lierten Schüssel heraus.
        
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