Path:

Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

einer geborenen Fürstin Dolgoruckow, verwittweten 
Fürstin Galitzin, und die in ihrem Hause geübte Gast 
freundschaft, die thatsächlich an die sprichwörtlich ge 
wordene „russische Gastfreundschaft“ gemahnt, haben 
selbstverständlich auch hier ihre Wirkung nicht verfehlt. 
Graf von der Osten-Sacken ist denn auch persona 
gratissima am Berliner Hofe, und der Kaiser verkehrt 
ausserordentlich gerne mit dem liebenswürdigen russischen 
Diplomaten, wobei es nicht gerade immer die hohe 
Politik sein muss, die Botschafter und Kaiser zusammen 
führt. Der Botschafter ist ein häufiger, gerne gesehener 
Gast im Königlichen Schlosse, ebenso wie der Kaiser 
öfter in dem schönen Botschaftspalais Unter den Linden 
erscheint. 
Von europäischen Diplomaten stellen unsere Illustra 
tionen noch die ausserordentlichen Gesandten und bevoll 
mächtigten Minister Schwedens, Griechenlands, Portugals 
und Serbiens dar. Graf Arvid Friedrich Taube ist 
der Berliner Gesellschaft noch ein Neuling. Erst seit 
einigen Monaten, seit der Ernennung seines Vorgängers 
von Lagerheim zum schwedischen Minister des Aus 
wärtigen, weilt er in ihrer Mitte. Eine elegante Er 
scheinung, kann er nicht den früheren Kavallerie-Offizier 
verleugnen. Er ist der Sprosse einer alten, ursprünglich 
deutschen Familie und trat, nach absolviertem Universitäts 
studium, in das Stockholmer Leibgarde-Regiment zu 
Pferde, bei dem er noch als Major ä la suite geführt 
wird. Seine diplomatischen Sporen verdiente er sich als 
Attache und Sekretär an verschiedenen Höfen, und zuletzt 
stand er als Unterstaatssekretär dem Minister des Aus 
wärtigen Grafen Douglas bis zu dessen Rücktritt zur 
Seite. Er ist mit einer Verwandten, der Freiin Ella von 
Taube zu Maydel und Carlvö aus dem Hause Laupa 
in Esthland vermählt. 
Der Name des Gesandten Griechenlands Cleon 
Rizo Rangabe ist gewiss den meisten unserer Leser 
ein wohlbekannter. Gleich seinem Vater, der von 
1873 — 87 dasselbe Amt bekleidete, das er selbst jetzt 
inne hat, nimmt Herr Rangabe in der griechischen 
Litteratur einen hervorragenden Platz ein. Während der 
Erstere aber mehr der wissenschaftlichen Altertums 
forschung zugewendet war, füllt dieser seine Mussestunden 
mit rein dichterischer Arbeit. Er hat neben einer Anzahl 
von Trauerspielen Gedichte und Romane geschrieben, 
welche zu den besten Erzeugnissen der neugriechischen 
Dichtkunst zählen und teilweise auch ins deutsche über 
tragen worden sind. Erwähnt seien hier vor allem nur 
die Tragödien „Julian der Abtrünnige", „Theodora" 
„Heraklios", die „Herzogin von Athen", die sich durch 
ihre edle Sprache, ihren Gedankenreichtum und das echt 
dramatische Leben auszeichnen, das in ihnen pulsiert, 
sowie das liebenswürdige Lustspiel „Das Feuer unter der 
Asche" und die in alle Kultursprachen übersetzte, preis 
gekrönte Novelle „Harald". Seltsam, dass wir auf der 
deutschen Biihne den Rangabe'schen Dramen noch nicht 
begegnet sind, sie wären der Aufführung sicherlich wert. 
Mit Deutschland verknüpfen den Dichter-Diplomaten 
überhaupt vielfache Bande. Wie sein Vater schon im 
Münchener Kadetten - Korps erzogen wurde, hat er selbst 
die Berliner Universität besucht und in Heidelberg den 
Grad eines Doktor juris erworben. Zwei seiner Brüder 
machten als deutsche Offiziere den Feldzug gegen 
Frankreich mit. Beide btissten ihre Treue und Anhäng 
lichkeit an ihr zweites Vaterland mit dem Leben, indem 
sie den Strapazen des Krieges später erlagen. Auch ver 
wandtschaftliche Beziehungen fesseln Herrn Rangabe an 
Deutschland, seit er sich 1871 in New-York mit der 
Freiin Dorothea von Gerolt, der Tochter des damaligen 
deutschen Gesandten in Nordamerika, vermählte. 
Dr. V. Pinheiro Lobo Machado de Mello e Almada, 
Vicomte de Pindeila, der Vertreter Portugals, und 
Herr Milan Bogitschewi tsch, der serbische Gesandte, 
gehören, im Gegensätze zu Herrn Rangabe, mehr zu den 
jenigen! Teil des Berliner diplomatischen Korps, das 
sich, nur auf die französische Sprache angewiesen, in 
seinem Verkehr mehr auf sich selbst beschränkt und mit 
den weiteren Kreisen der Berliner Gesellschaft nur bei 
offiziellen Gelegenheiten in Berührung kommt. Ihre 
Gemahlinnen, die Vicomtesse de Pindeila und Madame 
Bogitschewitsch, stehen ihnen bei diesen Anlässen, bei 
den Empfängen und Diners, welche die Wintersaison mit 
sich bringt, als vollendete Hausfrauen und zugleich als 
elegante Weltdamen assistirend zur Seite. 
Ausserordentlich stark ist zur Zeit das Kontingent 
südamerikanischer Diplomaten in Berlin, und wenn diese 
auch meist dem grossen Publikum weniger bekannt sind, 
so befinden sich gerade unter ihnen sehr interessante 
und bedeutende Charaktere. Die noch nicht ausgereiften 
politischen Zustände der südamerikanischen Republiken 
schliessen ruhige und stetige Beamtenlaufbahnen so gut 
wie ganz aus. Die sich am Staatsruder abwechselnden 
Parteien pflegen alle Posten bis unten hinunter mit 
ihren Anhängern zu besetzen und so ist, wer heute 
Minister, Geheimrat oder Gerichtspräsident war, morgen 
wieder ein einfacher Privatmann. Der Anwaltstand, das 
Parlament und die Presse sind diejenigen Schulen, aus 
denen dort die herrschenden Politiker hervorgehen, und 
daraus ergiebt sich, dass diese in Rede und Schrift 
gewandter und beschlagener sind als manche ihrer 
bureaukratischen Kollegen in Europa. 
Vielseitig hat sich die politische Vergangenheit des 
Vertreters der Republik Haiti Jean Joseph Dalbemar 
gestaltet, der erst Offizier, dann Deputirter, Heraus 
geber einer Zeitung, Richter, Senator, Justiz- und Ackerbau- 
Minister, Advokat, Gerichtspräsident, war, bis ihn seine 
Regierung als Gesandter nach Berlin schickte, wo er 
am 13. Oktober 1899 dem Deutschen Kaiser sein 
Beglaubigungsschreiben überreichte. 
Der Gesandte der argentinischen Republik Mansilla 
ist zwar ursprünglich Militär und besitzt den Rang eines 
Generals, aber auch er ist in litteris kein Fremdling. 
Seine Freunde und Bewunderer — und er hat deren 
Viele — schätzen ihn gerade in dieser Eigenschaft be 
sonders hoch und einige gehen sogar soweit, ihn für ein 
Genie zu erklären. Sein prächtiger Kopf mit dem 
langherabwallenden weissen Knebelbart verleiht seiner 
Erscheinung etwas ausserordentlich Imponierendes und 
Charakteristisches, dabei doch vorwiegend Soldatisches. 
Der General ist zugleich in St. Petersburg und Wien 
accreditirt, hat aber, mit seiner Gemahlin, Madame 
Monica Torrome de Mansilla, seinen ständigen Wohnsitz 
in Berlin gewählt. 
Zu den jüngeren Berliner Diplomaten gehört Don 
Ramon de Subercaseaux, der chilenische Gesandte. 
Er ist, wie sein Name es verräth, französischer Abkunft, 
während seine schöne und graziöse junge Gattin einer 
der ältesten spanischen Familien Chiles entstammt, welcher 
auch der derzeitige Präsident der Republik angehört. 
Madame Subercaseaux ist aber nicht nur eine schöne 
und anmuthige, sondern auch eine sehr kluge junge 
Frau, welche die Feder gewandt zu handhaben weiss. 
Sie hat ein sehr hübsch geschriebenes Buch verfasst, 
welches „Mes Journees de Pelerinage en Orient" heisst, 
und die Schilderung ihrer nach dem heiligen Lande 
unternommenen Fahrten enthält. L. v. Nordegg.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.