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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

flu$ dem Privaf-Lehrerinnenseminar Berlin (V. 
Von Margarete Beutler. 
DnglaublicbcHufregung im staatlid) honjessioniertenprivat- 
lebrerinnenseminar in Berlin HI. 
Dem Gesangprofessor ist in der Zeit von 9—10 sein rot- 
feidenes Cascbentucb und der Belag von seiner frübftücbscmmel 
aus der Manteltasche verfebwunden. 
Der Verdad)t fällt auf die zweite Seminarblassc, denn nur 
die Scminaristinnen diefer Klasse batten in der fraglichen Zeit 
durch den dunbien 6arderobenraum ?u geben, wo der kaffee- 
braunc Uebcrjicber des Berrn Professor bängt, den er aud) in 
den beissesten Sommertagen niclot ju Bause lässt. 
Von 9 — 10 ift in der jweiten Seminarblassc pädagogik- 
stunde gewefen. Dein, das ist verblüffend, was da geleistet 
worden ist! Hlie alte, lebensweise f rauen haben diese Mädchen 
über Kinder und Kindererjicbung geredet, haben Vorträge ge 
halten über die Cehrjiele des Hmos Comenius, haben ganj 
genau gewusst, wann und wo und unter weldnn Verhältnissen 
der jur Hielt gchommen und erjogen, wann und warum er 
seine Beimat verlassen musste, wann und wo und warum er 
feine berühmte Unterredung mit Oxenstierna gehabt, wie lange 
er dann noch hierhin und dorthin vom Sdiichsal getrieben, 
und wann und wo und unter welchen Umständen er endlich 
selig im Berrn entschlafen ist. 
Dur drei Scminaristinnen haben unter dem Cisd) das 
Buch offen gehabt und alle diese lehrreichen Dinge, jur Be 
trübnis ihrer Kolleginnen, die den Mut daju nicht batten, 
einfach berausgelesen. — — — — — — — — — — — 
Die neue Glocbe, der Stolj der Hnstalt, hatte 10 geläutet. 
Da öffnet siel) die Cbüre der ^weiten Seminarblasse des staatlich 
konjessionierten Privatlehrerinnenseminars Berlin Hl. mit einer 
ihr sonst fremden Bast undGnergie. Die Meine dürre Vorsteherin 
des Seminars schob sich hinein. Büitcr ihr trippelte der arme be 
stohlene Professor und wisd)te fiel) in Grmangelung seines rot- 
seidenen mit dem glänjenden Rodiärmel den Scbwciss von der 
Stirn. Und wieder hinter dem Berrn Professor, aller galanten 
Böflicbheit jum Crotj, wanbte das ebt würdige, breitscbenhclige 
fräulein v. Bemdeltoff, Gcneralstocbter u. f. w. Das fräulein 
v. Bemdeltoff war fest ontfd)lossen, in Ohnmacht ju sinhen, 
falls sid) das rotseidenc und der Semmelbelag bei einer der 
angehenden Cebrerinnen finden sollten. 
„Meine Damen", ächjte die bleine Vorsteherin unter der 
HIud)t ihrer 6edanhcn und erhletterte das Katheder — ,,id) 
bitte, beine von Jbncn verläßt das Zimmer." Dabei tastete 
sic nad) einem Stücbd)en Kreide, das da ganj harmlos auf dem 
Katbcdcrtisd) lag, und das da — ad)! weit höheren Zwcdwn 
hätte dienen sollen, als in ihrer Band feucht und grau ju werden. 
„Meine Damen“, äd)jto sic wieder, „ich bin sprachlos! 
Dicht wahr, fräulein von Bemdeltoff, wir sind sprachlos •" 
Die breitscbenhclige 6cncralstod)tcr kniff die Mundwinbel 
nod) fester jusammen als gewöhnlich und niebte, 
6ine Spannung ohnegleichen verbreitete sid) auf den 
6esid)tcrn der Scminaristinnen. — Heb, also nun cndlkb doch 
einmal eine Hbwccbselung in der grauen Crübscligkeit des 
Seminarbesucbes, nun endlich doch etwas Sensationelles, das 
da wie eine Bombe bineinplafjfe in die ewige Cbcorie ihres 
Studiums. Viclleid)t . . . . o, man bann nid)t wissen .... 
cs passieren dod) so romantische Dinge .... 
„6s ilt nicht ausjudenken", .... sagte die Vorsteherin. 
Jeder Htcm stodatc: nicht ausjudenken? Utas ift das, 
was sid) nicht einmal ausdenken lässt? HIo sind die Grcnjcn 
des 6artcns der Phantasie? .... 
„Unser hochverehrter Bct'r Professor vermisst aus seiner 
Manteltasche den Belag von seiner frübstückfemmcl und sein 
rotscidcncs Casdientud). Sic, meine Damen, sind juglcid) mit 
ihm um 9 gekommen, keine andre Klasse hatte in dem 
6arderobenraum 511 tbun so sdn'cdüid), so widerlid) cs 
mir ist, cs aus;usprcd)cn — der Verdadit des Diebstahles ruht 
auf Jbrer Klasse." 
Die Hlirkung dieser 6n1büUung? .... Die Spannung, 
diese so sd)öne Spannung, die den fflädd)engcsid)tcrn etwas 
von einem leuchtenden frühlingserwarten gegeben batte, sic 
schwand — — ein trostlos ratbeisdiendcr Blidt trat in die 
aufgerissenen Hugcn. Hlenigc Seuffer der Gntrüstung — im 
allgemeinen ein träges, staunendes, langsam in sid) aufsaugendes 
Sd)wcigen. 
„6s muss uns natürlich vor allem daran liegen, die 
Sd)uldigc ju ermitteln, sagte die Vorsteherin. „Und wir 
werden sie ermitteln, ich werde keine Mühe scheuen, um jum 
Resultate 311 kommen. Sic alle meine Damen werden sich 
einer gründlidten Unterfuchung untergeben müssen. Da^u 
werden sie sich entkleiden — bis auf das Bernd, meine 
Damen! Jawohl, das werden Sic, damit diese Sdnnad) von 
meiner Hnstalt genommen wird.“ 
6in unruhiges Murmeln .... und wie sich die ffiädd)cn- 
blidao in einander bohren und sud)cn und ans Cid)t jerren 
wollen, da wird in mand)cm Hugc ein Misstrauen geboren, 
das doppelt gemein ilt durch die Schnelligkeit seines 6ntstebens. 
„Jcb werde Jbncn etwas sagen," fuhr die kleine aus- 
gemcrgeltc Hlte nad) einer Pause fort, ,,id) gebe Jbnen 
5 Minuten Bedcnkjeit. Vielleicht erreichen Sic selbst, dass die 
Sdmldige sie!) meldet und ihrer Klasse die Besd)ämung einer 
Untersuchung erspart. Beraus bekommen wir cs doch, wer 
cs ilt — also! — Datürlid) verlässt keine von Jbncn die 
Klasse, mir werden im Konferenjjimmer auf das Resultat 
warten. Die fenstcr bleiben gcsdüosscn." — — „Ja, und 
niemand hat ju essen", fiel ihr nod) ein, denn auf diese 
Kleisc konnte ja der gestohlene Belag sehr gut unsid)tbar 
gemacht werden. — — — — — — — — — — — — — 
Die Cbüre fiel ins Sd)loß. — — — — — — — — 
Da sind nun 15 Mäddtcn im Hltcr von 17 — 30, ja bis 
30 Jahren, bergewebt von hier und dort, grundverschieden 
durd) 6eburt, Hnlagcn und Verhältnisse. 
6ine unsägliche Verwirrung greift piatj. Seufjcr, ab 
gerissene Cautc, Sätje fliegen bin und wieder, keine von den 
fünfjebn versteht ihr eigenes HIort. 
Hber Cotte Beilcmann, das Klassenbaby, die sid) nicht 
wenig auf ihr Vollblut-Berlinertum cinbildct, die ist dem 
Cumult gewadisen. 
piötjlid) thronte sic hoch oben auf einem Cisd) und 
schwang drohend ihren federbasten. „Silentium“, sd)ric sie 
in den Knäuel von Stimmen, „Silentium! bei dem Cärm 
wcr’n wa ja allesamt mescbuggel De Kinder sowas — aus- 
jicbn solln wa uns! Dct is ja jöttlicb! Hlie findt ihr denn 
das? Hlisst ihr, eine nad) die andre von cud) bann mal 
hier uffn Cisd) klabastern und ihre Meinung abjeben. Da 
versteht man dod). denn wenigstens was. — misst ihr, wat 
id? sage? Jck sage folgendes: — Babys Stimme wurde 
flüsternd und dringend: „Die Olle mitsamt die Bcmdcltoffcn 
un den dredngen Professor hönn’ ma ’n Buckel langrutsd)cn ! 
mer weoss, wer den Belag von die Semmel gefressen hat, 
und wer seine Dase in dct rotseidenc jestedk hat! So — 
ick habe geredet — nu lejt ihr los!“ 
Unter den menigen, die über Baby lachten, befand sid) 
„der tolle Bans.“ Jbre schlanken kleinen Bände klatschten 
leise aneinander, ihre grosse biegsame Gestalt im lichten 
mollhlcid lehnte sid) jurück an die fensterwand, ihr feines 
Baar febimmerte rotgold im Cid)t, und unter den halb- 
geschlossenen mirnpern jwinberten die dunkclbcrnsteinfarbencn 
Hugcn. „Sowas habe ich mir lange gewünscht", sagte sie ;u 
ihrer Dachbarin, der blassen Pastorstochter, die mit gefalteten 
Bänden dasass und sic entsetjt und ungläubig anstarrte. 
6s war öffentliches Geheimnis im Seminar, dass 
Banna von Schulendorf nur den 6xamendurd)fall abwartete, 
um ihrem Vormund jum Crotj dabin ju geben, wohin sic 
gehörte, auf die Bühne. 
Die lange, drcissigjäbrigc Scblensius, deren Baut nur 
aus Sommersprossen ju bestehen tebien, und die für halben 
Preis im Seminar war, begann mit ihrer grämlichen Hlt- 
jungfernstimme: ,,Jd) weiss gar nkbt, wie Sie die Sadic 
auffassen, fräulein Beilcmann — und was für unjiemliebe, 
ja unanftändige Husdrücbe Sic gegen unsere verehrte Vor 
steherin gebrauchen — — kb bin unbedingt für eine genaue 
Durd)fud)ung, wie peinlich sic aud) für jede cinjelnc von uns 
sein mag. Hud) mir ist vor einigen Cagcn ein Bleistift und 
eine fcdcrbüd)se mit neuen federn fortgekommen. HIenn so 
etwas in einem Seminar passiert, das ist allerdings . . . ." 
„Da“, raunte Baby dem tollen Bans ju, Jott sei gelobt, 
dct keen Mann dabei is, wenn die Sdüensiusscn sieb aus-
        
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