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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

rfÄs Fürstliche Gäste des Deutschen Kaisers am 6. Mai. Jfc 
er 6. Mai dieses Jahres, der Tag der Grossjährigkeits- 
erklärung des deutschen Kronprinzen, stellte nicht 
nur ein Ereigniss von welthistorischer Bedeutung dar, 
wie Kaiser Wilhelm II. ihn in schwungvoller Rede nannte, 
sondern bot auch ein Bild so ausserordentlicher Pracht, 
wie der Berliner Hof sie, in diesem Maasse, wohl noch 
nie zuvor sah. Wie einmiithig fest Deutschlands Volk 
zu seinem Herrscher hält, das bringen solche feierlichen 
Gelegenheiten immer in besonders anschaulicher Weise 
zur Geltung; wie hoch Deutschlands Ansehen bei allen 
anderen Staaten Europas steht, das bewiesen die von 
diesen durch besondere Abgesandte übermittelten Glück 
wünsche für den in das Mannesalter eintretenden der- 
einstigen Erben der Hohenzollern-Krone. Es zeigte sich 
bei diesem Ereigniss, das doch in erster Linie ein Farnilien- 
creigniss sein sollte, wieder einmal auch das starke 
Zusammengehörigkeitsgefühl der europäischen Fürsten 
untereinander, auf das der Kaiser an einer anderen Stelle 
seiner Rede so treffend hinwies. Die auf den Thronen 
Europas sitzenden Dynastieen bilden in der That nur 
eine einzige, durch Generationen und Generationen hin 
durch, immer wieder durch neue Blutsverbindungen 
geeinte Familie. 
In dem vorliegenden Hefte bringen wir den Lesern 
die nach neuesten photographischen Aufnahmen her 
gestellten Portraits derjenigen fürstlichen Gäste, die sich 
am 6. Mai um den deutschen Kaiser und seinen erhabenen 
Freund und Verbündeten, den Kaiser Franz Josef von 
Oesterreich, schaarten. An ihrer Spitze steht Sachsens 
Herrscher, König Albert. Wenn dieser, gegenwärtig 
72jährige Monarch auch dem Alter nach nicht der 
Aelteste der deutschen Bundesfürsten ist, die Gross- 
herzöge von Weimar, Strelitz, Baden, Oldenburg, die 
Herzoge von Meiningen und Altenburg sind noch älter 
als er so nimmt er doch unter ihnen und im ganzen 
deutschen Volke die Stellung eines Nestors ein, denn sie 
verehren in ihm nicht nur den weisen Regenten, den 
vortrefflichen, gütigen Menschen, sondern auch den ein 
zigen noch am Leben Befindlichen aus der Reihe der 
fürstlichen Feldherren, welche im Kampfe 1870/71 unsere 
Heere von Sieg zu Sieg führten. Alle Anderen, Kaiser 
Wilhelm der Grosse, sein Heldensohn „unser Fritz", 
rinz Friedrich Karl, der Grossherzog von Mecklenburg, 
ruhen längst im Grabe, nur der tapfere Führer' der 
Maas-Armee weilt in unverwüstlicher Frische noch unter 
uns, zugleich der einzige noch lebende Inhaber des Gross 
kreuzes des eisernen Kreuzes, das auf unserem, den König 
in grosser sächsischer Generals-Uniform zeigenden Bilde 
seinen Kragen schmückt. Vielen Berlinern ist während 
dieser Festtage gewiss die grosse Aehnlichkeit zwischen 
dem König von Sachsen und dem Kaiser von Oesterreich 
aufgefallen, die in der That frappirend ist. Sie hat ihren 
guten Grund in der näher zwischen ihnen bestehenden 
Verwandtschaft: sie sind Geschwisterkinder, Söhne von 
zwei Schwestern, den bayrischen Prinzessinnen Amalie 
und Sophie, Töchter des Königs Max Josef. 
Einen ganz anderen Typus als die der deutschen 
Fürsten trägt die schlanke, jugendliche Erscheinung des 
italienischen Thronfolgers, des Prinzen Viktor Eman uel 
von Neapel. Klein und fast schmächtig von Gestalt 
hat er wohl von seiner Mutter die dunklen, schwärmerischen 
Augen geerbt. Er sieht im Grunde wenig martialisch 
aus, wenn er auch als Generalleutnant und Kommandeur 
des 10. italienischen Armee-Corps eine wichtige Stellung 
in dem Heere seines Vaterlandes inne hat. 
Eingeweihte wissen, dass der Kronprinz grosses Ver 
gnügen an historischen Studien findet. So ist er 
namentlich ein leidenschaftlicher Numismatiker, und wenn 
irgendwo in der Welt eine werthvolle Münzensammlung 
unter den Hammer gelangt, dann sendet er irgend einen 
Vertrauten und Sachverständigen zur Auktion, falls er, 
wie dies vorgekommen ist, sich nicht selbst dorthin 
begiebt, — in so strengem Inkognito, dass diese kleinen 
Ausflüge sogar den Zeitungen, die sonst doch Alles 
wissen, verborgen bleiben. Der Prinz ist, wie der 
Leser weiss, mit der bildhübschen Prinzessin Helene 
von Montenegro verheirathet; zur grossen Enttäuschung 
des italienischen Volkes ist dieser Ehebund, den es mit 
Jubel begrüsste, aber bis auf den heutigen Tag kinderlos 
geblieben. Nun, der Prinz ist zur Zeit erst dreissig, 
seine Gemahlin siebenundzwanzig Jahre alt, also werden 
Diejenigen, welche den einstigen Uebergang der Krone 
des Hauses Savoyen auf die Linie Aosta prophezeien, 
vielleicht doch noch Unrecht behalten. Der italienische 
Thronfolger, dessen Anwesenheit neben den Kaisern 
Wilhelm und Franz Josef der Welt das unerschütterte 
Fortbestehen des Dreibundes kundthat, ist übrigens ein 
Grossneffe des Königs von Sachsen, da seine Mutter 
die verwittwete Herzogin von Genua, jetzige morganatisch 
vermählte und abermals verwittwete Marchesa Rapallo 
dessen Schwester ist. Ein neuer Beweis der engen Be 
ziehungen zwischen den einzelnen regierenden Familien! 
War das Kommen des Prinzen von Neapel aus dem 
erwähnten Grunde politisch bedeutsam, so gilt dies nicht 
minder für die Thatsache, dass die Königin von England 
sich durch den Herzog von York, den vornehmsten 
britischen Prinzen nach seinem Vater, dem Prinzen von 
Wales, vertreten liess. Der Herzog, der nach menschlicher 
Berechnung ausersehen ist, einmal als Georg V. über 
das mächtige Inselreich zn herrschen, erscheint auf 
unserem Bilde in der Uniform des 1. Garde-Dragoner- 
Regiments, dessen Chef seine greise Grossmutter ist, mit 
dem schwarzen Adler-, dem Hosenband- und dem 
englischen Johanniter-Orden. Seine Züge tragen das 
unverkennbare Gepräge der Freundlichkeit und Gut- 
müthigkeit und diese Eigenschaften sind ihm auch, nach 
dem Zeugnisse Derer, die ihn näher kennen, zu eigen 
und haben ihm die besondere Freundschaft des Zaren, 
seines Vetters, eingetragen, dem er in seinem' Aeusseren 
derart gleicht, dass Beide mehr als einmal miteinander 
verwechselt wurden. 
Ein Enkel der Königin Viktoria ist auch der Gross 
herzog Ernst Ludwig von Hessen, kein seltener 
Gast an unserem Hofe, dem er schon in jungen Jahren, 
während seiner Dienstzeit im Potsdamer 1. Garde- 
Regiment zu Fuss, nahe trat. Der Grossherzog ist zur 
Zeit inv Verein mit seiner Gemahlin, der koburgischen 
Prinzessin Melitta, eifrig bemüht, seine landschaftlich 
so idyllisch gelegene Residenz Darmstadt zu einer Kunst 
stadt zu gestalten. Er hat eine Akademie gegründet, 
Maler von Ruf und Können herbeigezogen und widmet 
besonders dem modernen Kunstgewerbe ein warmes 
Interesse. 
Ein nicht minder häufiger Gast als der hessische 
Grossherzog im Berliner Königsschlösse istPrinzLeopold 
von Bayern, der im Namen seines Vaters, des Prinz- 
Regenten Luitpold, am ö. Mai dessen Glückwünsche 
überbrachte. Die Stellung eines General-Inspekteurs der 
4. deutschen Armee-Inspektion, welche auch nicht
        
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